Freiburg 22.10.2016

Feckerchilbi kommt nach Freiburg

Nur ein Drittel der Schweizer «Fahrenden» finden eine Standplatz für ihre Wohnwagen, in denen sie traditionellerweise leben.
Jenische und Sinti wollen Gräben überwinden und kommen in die Westschweiz. Sie werben bei der Bevölkerung um mehr Verständnis für ihre eigene Lebensweise. Die Feckerchilbi 2018 soll darum im Kanton Freiburg stattfinden.

Die Feckerchilbi im vergangenen September in Bern war für Jenische und Sinti ein Erfolg in ihrem Kampf um Anerkennung. Bundesrat Alain Berset stellte sich hinter ihre Forderung, Sinti und Jenische auch so zu benennen und sie nicht mehr unter dem diffusen Begriff Fahrende zu subsumieren. Laut Daniel Huber, dem Präsidenten der Radgenossenschaft der Landstrasse, sind die Jenischen damit endlich «ein Volk mit Namen». Den Begriff «Fahrende» finden viele Jenische und Sinti zudem problematisch, weil nicht alle von ihnen umherziehen. Einziger Wermutstropfen war, dass Berset nicht die Roma angesprochen hatte. Während Jenische und Sinti seit 2001 als nationale Schweizer Minderheiten gelten, ist das bei den Roma nicht der Fall. Ihr Gesuch um Anerkennung ist noch beim Bundesrat hängig. Für Jenische und Sinti, die nun gewissermassen amtlich anerkannt sind, war das Versprechen von Berset aber eine grosse Motivation, mehr Gesicht zu zeigen.

Wenig Akzeptanz in Romandie

Auch in der Westschweiz. Darum soll die Feckerchilbi 2018 im Kanton Freiburg stattfinden, wie der Vorstand der Radgenossenschaft der Landstrasse kürzlich entschieden hat. «Gerade in der Westschweiz gibt es noch viele Vorurteile gegenüber Jenischen und Sinti», begründet Präsident Daniel Huber die Entscheidung. In der Westschweiz sei es schwieriger, Stand- und Durchgangsplätze zu erhalten. Warum das so sei? «In der Westschweiz leben traditionell weniger Jenische, und der politische Druck auf die Behörden ist schwächer als in der Deutschschweiz, wo ja auch vor 40 Jahren die Radgenossenschaft als Interessenvertretung der Jenischen und Sinti der Schweiz gegründet worden ist», so Huber.

In der Schweiz gibt es rund 35 000 Sinti und Jenische. Die meisten von ihnen sind sesshaft, 3000 davon auf Reise. «Die meisten leben in Wohnungen, weil es zu wenig Plätze gibt, wo sie ihre Wohnwagen aufstellen können», erklärt Huber die Situation.

Zu wenig Standplätze

Im Kanton Freiburg gibt es nur einen Standplatz für Schweizer Jenische und Sinti. In Hauterive leben nach Angabe von Corinne Rebetez, Sprecherin der kantonalen Raumplanungs-, Umwelt- und Baudirektion, rund 20 Familien. Für Fahrende aus dem Ausland wird derzeit der erste Standplatz bei La Joux-des-Ponts im Greyerzbezirk erstellt. Gesamtschweizerisch gesehen besteht ebenfalls ein beträchtlicher Mangel an Stand- und Durchgangsplätzen. Wie die Stiftung des Bundes «Zukunft für Schweizer Fahrende» in ihrer letzten Erhebung aus dem Jahre 2012 feststellte, reichen die Standplätze für längere Aufenthalte nur für einen Drittel der Fahrenden aus. Bei den Durchgangsplätzen ist die Situation ebenfalls kritisch. Eine Umfrage bei den Kantonen 2010 ergab, dass es dort nur für 6 von 10 Schweizer Fahrenden Platz gibt. Gemäss dem Geschäftsführer der Stiftung, Urs Glaus, sind diese Zahlen auch noch zu relativieren: «Die Kantone haben angegeben, dass den Fahrenden 31 Durchgangsplätze zur Verfügung stehen sollen. Ein Dutzend davon steht aber tatsächlich nicht zur Verfügung, wenn Fahrende sie benutzen wollen. Die Plätze werden entweder mehrfach genutzt, als Parkplätze oder Märkte. Oder sie sind dermassen unzugänglich, dass man nicht von einem Platz sprechen kann.» Ziel der Stiftung sei es, dass die Kantone Durchgangsplätze schaffen würden, die den Namen verdienten.

Tag der offenen Tür

Wo in Freiburg die Feckerchilbi 2018 stattfinden wird, ist noch offen. «Wir suchen einen grossen Festplatz, damit wir eine richtige Wagenburg erstellen können», so Huber. Es solle ein Tag der offen Tür werden für alle, die sich für den Alltag von Jenischen und Sinti interessieren. «Ich hoffe, dass durch mehr Wissen der Druck auf uns weniger wird.»

Begriffe

Fecker, Jenische und Standplätze

Feckerchilbi: Ist das traditionelle Kulturfest der Jenischen und Sinti. An der Chilbi gewähren sie Einblick in ihre Kultur. An Marktständen bieten sie Waren feil und zeigen traditionelles Handwerk, so zum Beispiel das Messerschleifen. Und es gibt jenische Musik. Sie wird von der Radgenossenschaft der Landstrasse, «schäft qwant» und Cooperation Jenische Kultur organisiert. Der Ursprung der Feckerchilbi liegt in Gersau am Vierwaldstättersee, das Fest war auch schon in Brienz, Zürich und dieses Jahr in Bern. 2011 wurde die Feckerchilbi in die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz aufgenommen. Jenische: Sind eine anerkannte kulturelle Minderheit, haben schon immer in der Schweiz gelebt, sind Schweizer Bürgerinnen und Bürger und mehrheitlich katholisch oder evangelisch. Sinti oder Manouches: In der Schweiz gibt es nur wenige Sinti, die meisten sind mit den Jenischen vermischt und heissen in der Deutschschweiz auch «Manische». In der Schweiz gibt es einige grosse Schweizer «Manouche-Familien». Die Manouches verstehen sich nicht als Roma, wie viele andere Gruppen übrigens auch nicht. Roma: Ist ein von der «International Roma Union» gewählter Begriff zur Bezeichnung zahlreicher Bevölkerungsgruppen mit einer gemeinsamen indischen Herkunft und Sprache. Stand- und Durchgangsplätze: Erstere können die Fahrenden im Winter nutzen, Letztere im Sommer für jeweils einen Monat.

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«Ich hoffe, dass durch mehr Wissen der Druck auf uns weniger wird.»