Freiburg 12.04.2019

«Jede Pflanze zählt»

Gregor Kozlowski in einem Gewächshaus des Botanischen Gartens, in dem bedrohte Pflanzen grossgezogen werden.
Durch den Klimawandel wird sich die Freiburger Pflanzenwelt grundlegend verändern. Zahlreiche Arten sind vom Aussterben bedroht. Biologe Gregor Kozlowski erklärt, was der Botanische Garten in Freiburg dagegen tut – und weshalb jede Art wichtig ist.

Der Botanische Garten der Universität Freiburg ist schweizweit bekannt für seine Bemühungen, vom Klimawandel bedrohte Pflanzenarten zu retten. Dahinter steht das Team rund um den Kurator des Gartens, Gregor Kozlowski.

Gregor Kozlowski, welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf Pflanzen?

Eine Erwärmung um ein oder zwei Grad hat enorme Auswirkungen. Nehmen wir Palmen: Sie reagieren empfindlich auf Frost und kommen deshalb nur in wärmeren Regionen vor. Steigt die Durchschnittstemperatur um zwei Grad, können Palmen hundert Kilometer weiter nördlich vorkommen als heute.

Und was bedeutet der Klimawandel konkret für Pflanzen in Freiburg?

Es gibt mehrere Pflanzenarten, die nur in den Freiburger und westlichen Voralpen ab einer Höhe von rund 2000 Metern vorkommen, zum Beispiel das Berner Wimper-Sandkraut oder der Westliche Alpen-Mohn. Steigt die Temperatur, können diese Pflanzen nicht mehr höher klettern – denn in ihrem Verbreitungsgebiet sind die Berge nicht höher. Sie sterben also aus.

Könnte man sie also an höheren Lagen zum Beispiel im Wallis oder Berner Oberland ansiedeln?

Das ist nicht so einfach. Es hat ja einen Grund, weshalb diese Pflanzen nur in den westlichen Voralpen vorkommen. Sie so weit zu verpflanzen, wäre eine Verfälschung der Natur. Darum sind wir sehr vorsichtig, obwohl es durchaus Überlegungen in diese Richtung gibt. Wir versuchen zunächst, die Lebensräume vor Ort zu retten.

Wäre es denn so schlimm, wenn das Berner Wimper-­Sandkraut oder der Westliche Alpen-Mohn aussterben würden?

Es ist einerseits eine ethische und andererseits eine ökonomische Frage: Können wir verantworten, dass durch unser Handeln Arten verschwinden, wenn wir dies verhindern könnten? Ich finde, das ist moralisch nicht zu verteidigen. Zudem können wir nicht wissen, aus welchen Arten wir in Zukunft einen Nutzen ziehen könnten.

Wie meinen Sie das?

Wir könnten zum Beispiel herausfinden, dass in einer Pflanze ein wichtiges Heilmittel enthalten ist. Diese Optionen sollten wir uns nicht vorenthalten. Jede Pflanze zählt. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass wir Menschen auch lebende Organismen sind und wir ohne Pflanzen nicht leben können. Unsere Ernährung beruht auf Pflanzen.

Wir könnten ja dem wärmeren Klima angepasste Pflanzen kultivieren und zum Beispiel Olivenbäume anpflanzen.

Das klingt zunächst lustig, aber es ist gar nicht so weit von der Realität entfernt. Für die Produktion von Greyerzer Käse zum Beispiel braucht es viel Wasser. Gibt es in Zukunft nicht mehr genug Niederschlag für saftige Wiesen für die Kühe, so gibt es auch keinen Greyerzer Käse mehr.

Müssen sich auch andere Wirtschaftszweige anpassen?

Die Forstwirtschaft muss sich bereits jetzt Gedanken machen. Eine Studie besagt, dass Fichten – das beliebteste Bauholz – in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren aus den Wäldern im Mittelland verschwinden werden. Dafür könnte es mehr Eichen geben. Die ganze Waldstruktur wird sich verändern. Das wird eine grosse Umstellung für die gesamte Holzbranche, denn Eichenholz muss anders verarbeitet werden als Fichtenholz. Der Kanton Freiburg setzt sich bereits mit diesem Problem auseinander.

Arbeitet der Botanische Garten auch mit dem Kanton zusammen?

Ja, wir haben eine enge Zusammenarbeit mit dem Amt für Natur und Wald und auch mit dem Naturhistorischen Museum. Unsere Forschungsarbeit liefert die Grundlage für Entscheidungen, zum Beispiel für die Rote Liste der bedrohten Arten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die vom Klimawandel bedrohten Pflanzen untersuchen.

Was tut der Botanische Garten zu deren Rettung?

Wir untersuchen, wie diese Pflanzen funktionieren und wo ihr Platz in fünfzig bis hundert Jahren sein könnte. Von gewissen Pflanzen sammeln wir Samen und züchten sie im Botanischen Garten, um sie später wieder in der Natur auszusiedeln. Manchmal komme ich mir dabei aber vor wie Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft.

Warum?

Es gibt in Freiburg 2000 Pflanzenarten, davon sind mehrere Hundert bedroht. 20 bis 30 davon züchten wir, und pro Jahr können wir zu einer bis zwei Arten intensive Forschungsprojekte realisieren. Es bleibt noch so viel Arbeit.

Das klingt dramatisch.

Wir wollen keine Panik verbreiten, aber unsere Forschungsergebnisse sind nun einmal dramatisch. Wir sind die Lobby der Pflanzen und hoffen, dass unsere Forschung die Bevölkerung sensibilisiert und die Politik bewegt.

Glauben Sie, dass die nun aufgekommene Jugendbewegung mit den Klimastreiks etwas bringt?

Ich hoffe es. Es braucht jetzt eine grosse Bewegung. Und die Politik muss aktiv werden. Es nützt nichts, wenn wir bei uns im Botanischen Garten bedrohte Pflanzen züchten, diese aber gar keinen Lebensraum in der freien Natur mehr haben.

Zur Person

Seit 2015 Kurator des Botanischen Gartens

Gregor Kozlowski stammt ursprünglich aus Polen. Vor rund dreissig Jahren kam er nach Freiburg, um hier sein Studium abzuschliessen. Er doktorierte, wurde 1998 Forschungsleiter und 2015 Kurator des Botanischen Gartens in Freiburg. Der Biologe wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter in Ueberstorf. In seinem Privatleben versucht er, möglichst viel für den Klimaschutz zu tun: «Ich kaufe wenn möglich Bio-Nahrungsmittel, die aus der Umgebung stammen, Fleisch zum Beispiel vom lokalen Metzger in Ueberstorf.» Auch bei der Kleidung achtet er auf eine möglichst ökologische Herstellung und kauft nur das absolut Nötige. «Zudem versuche ich, längere Forschungsreisen zu vermeiden und wenn möglich über Skype mit Forschern aus anderen Ländern zu kommunizieren.»

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«Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Menschen ohne Pflanzen nicht überleben können.»