Freiburg 24.02.2020

«Karriere sollte kein Selbstzweck sein»

Astrid Epiney, Rektorin der Universität Freiburg, ist seit diesem Monat Präsidentin der universitären Hochschulen. Mit den FN hat sie über ihren Werdegang, Gleichberechtigung und die Freude am Forschen gesprochen.

Sie war gleich zweimal die Erste: 1994 war Astrid Epiney die erste Frau auf einem Professorenposten an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg. Und rund 20 Jahre später, 2015, wurde sie als erste Frau zur Rektorin der Universität gewählt. Zu ihrem bereits eindrücklichen Lebenslauf ist nun noch ein weiterer Punkt hinzugekommen: Seit Februar ist sie Präsidentin der Kammer universitärer Hochschulen und vertritt damit alle Rektoren der Schweizer Unis und der zwei ETH beim Verein der Schweizer Hochschulen.

Gewiss, Astrid Epiney hat hart gearbeitet für all das. Ein Masterplan hingegen steckt nicht dahinter. Als junge Frau hätte sie nie gedacht, dass sie einmal Uni-Rektorin werden würde, sagt sie. «Ich wusste lange nicht, was ich studieren wollte.» Zunächst überlegte sie, einen technischen Beruf zu ergreifen, unter anderem weil ihr Vater ein Unternehmen im Ingenieurwesen hatte. In der Schule habe sie zudem Mathematik und Physik gemocht. «Doch gegen Ende der Schulzeit wurde mir klar, dass mir die Fächer nicht gut genug gefallen, um ein Studium in dieser Richtung zu beginnen.» Da ihr das logische Denken liege, habe sich Jus herauskristallisiert.

Verliebt in Lausanne

Astrid Epiney studierte Rechtswissenschaften in ihrer Heimatstadt Mainz in Deutschland und verbrachte ein Jahr als Austauschstudentin in Lausanne. «Ich wollte unbedingt Französisch lernen», sagt sie und fügt an: «Das war ein gutes Jahr.» Das dürfte auch daran gelegen haben, dass sie in Lausanne ihren Mann kennenlernte. «Das Ziel war ja Integration ...», sagt sie mit einem Lachen. Diese gelang offensichtlich. Epiney blieb nach dem Austauschjahr nicht lange in Mainz, sondern kehrte nach Lausanne zurück und schrieb ihre Doktorarbeit dort. Nach dem Doktorat ging sie für ein Postgraduiertenstudium nach Florenz und habilitierte zwei Jahre später – mit gerade einmal 29 Jahren.

«Ich bin nicht sicher, ob ich all das gemacht hätte ohne Ermutigung durch meinen Professor im Völker- und Europarecht», sagt sie rückblickend. Er habe sie gefragt, ob sie nicht doktorieren wolle – und einige Jahre später die Habilitation vorgeschlagen. «Ich war jung, die Forschung machte mir Spass, und ich dachte mir: warum nicht?» Dass sie nichts zu verlieren hatte, dachte sie auch, als sie sich 1993 auf die Professorenstelle an der Universität Freiburg bewarb. «Ich erinnere mich noch gut an eines der Gespräche – es war kurz vor der Geburt meines ersten Kindes», erzählt Astrid Epiney. «Ich hatte einen ziemlichen Stress, weil ich einfach nichts Anständiges zum Anziehen hatte, das über meinen Bauch passte», sagt sie und lacht. «In einem Laden in Lausanne habe ich dann zum Glück doch noch etwas gefunden.»

«Gut aufgenommen»

Im September 1994 trat Astrid Epiney ihre Stelle als Professorin für Völkerrecht, Europarecht und schweizerisches öffentliches Recht an. Sie war die erste Professorin an der Rechtsfakultät. Das sei speziell gewesen, auch weil viele der Professoren viel älter gewesen seien als sie. «Ich wurde aber sehr gut aufgenommen.» Ihre Kollegen hätten auch Verständnis für die familiäre Situation gehabt. «So kam es durchaus vor, dass eine für 17.30 Uhr geplante Sitzung auf früher oder später verschoben wurde, nachdem ich darauf hingewiesen hatte, dass dieses Zeitfenster nicht gut mit kleinen Kindern zu Hause zu vereinbaren ist.» Das sei recht unproblematisch gewesen. «Ich glaube, es ist wichtig, bei Bedarf und bestehender Flexibilität solche Anliegen klar zu artikulieren, wenn man eine Familie hat und gleichzeitig zu 100 Prozent arbeitet.»

Astrid Epiney verhehlt nicht: «Es war schon viel Arbeit, auch organisatorisch war es anspruchsvoll.» Ihre zwei Kinder – das zweite kam 1996 zur Welt – besuchten teils eine Kinderkrippe, teils war ihr Mann zu Hause, und teils hatte die Familie jemanden angestellt, der auf die Kinder aufpasste. «Insgesamt war die Situation aber auch mit zwei kleinen Kindern durchaus privilegiert.»

Astrid Epiney will jungen Frauen zeigen: Ja, es geht, man kann Familie und Karriere unter einen Hut bringen. Das heisse manchmal aber auch, auf etwas zu verzichten. «Mir wurde zweimal eine mehrwöchige Gastprofessur im Ausland angeboten. Ich habe abgelehnt, denn das war mit zwei kleinen Kindern und einem ebenfalls berufstätigen Mann einfach schwierig. So habe ich die Prioritäten hier anders gesetzt.»

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Astrid Epiney ist ihren Weg auch ohne Gastprofessur im Ausland gegangen. Vieles habe sich auch einfach ergeben – sie sei zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. «Ich glaube, es war nicht wirklich ein persönliches Verdienst, dass ich die erste Rechtsprofessorin und die erste Rektorin war. Die Zeit war reif für eine Frau auf diesen Posten.» Da sei dann eben eine die erste.

Und sie fügt an: «Ich finde es wichtig, die Karriere nicht als Selbstzweck zu sehen.» Sie habe viel Freude an der Arbeit. «Es ist ein Privileg, zu jenen Themen forschen zu können, die einen interessieren, und den Kontakt zu jungen Leuten zu pflegen. Die Lehre ist eine tolle Sache.» Das Europa- und Völkerrecht habe sie schon als junge Frau im Studium fasziniert. «Die Idee, dass sich Staaten zusammenschliessen und rechtliche Grundsätze festlegen, um ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten – das ist ja eigentlich die Idee der EU.» Zu untersuchen, wie diese Idee aus juristischer Sicht gestaltet und umgesetzt wird, sei sehr spannend.

Keine dritte Amtszeit

Ab 2024 dürfte Astrid Epiney wieder mehr Zeit haben, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Dann nämlich läuft ihre zweite Amtszeit als Rektorin aus. Auf die Frage, ob sie sich für eine weitere Amtszeit bewerben wolle, antwortet sie mit einem klaren Nein. «Ich glaube, es ist für die Institution gut, wenn es 2024 nach neun Jahren einen Wechsel gibt und jemand mit einer anderen Sichtweise und anderen Schwerpunkten kommt», sagt sie. «Ich habe grossen Respekt vor diesem Amt, es ist sehr fordernd, und ja, manchmal bin ich müde.» Sie wisse nicht, wie sich jemand mit 76 Jahren auf das Amt als Präsident der USA bewerben könne, sagt die 54-Jährige mit einem Augenzwinkern.

Kritik sachlich angehen

«Ich versuche, meine Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen wahrzunehmen. Aber das bedeutet mitunter auch, unpopuläre Entscheidungen zu treffen.» So etwa, als die Studiengebühren erhöht wurden, wobei Astrid Epiney betont: «Die Entscheidungskompetenz lag hier beim Staatsrat, nicht beim Rektorat.» Auch Tierversuche an der Uni oder jüngst die Homophobievorwürfe gegen eine Theologiedozentin provozieren teils wütende Mails an die Adresse der Rektorin. Wie geht sie damit um? Sie versuche, solche Dinge sachlich anzugehen und eine gewisse Linie beizubehalten. «Kritik, abgesehen von persönlichen Angriffen, muss man sicher immer reflektieren. Sie hat aber letztlich nichts mit meiner Person, sondern mit meinem Amt zu tun. So versuche ich, Kritik nicht zu sehr an mich persönlich herankommen zu lassen.» Das gelinge meist, aber auch nicht immer gleich gut. «Ich bin ja auch nur ein Mensch.»

Muss sie den Kopf lüften, tut Astrid Epiney das beim Laufen oder bei Skitouren in den Bergen – oder beim Musizieren. Sie spielt regelmässig Orgel in der Christkönig-Kirche in Freiburg. «Als junge Frau übte ich sehr viel und konnte die grossen Bach-Fugen spielen», sagt sie. Das könne sie jetzt nicht mehr, es fehle momentan die Zeit zum Üben. «Das ist dann etwas für die Zeit nach der Pensionierung», fügt sie an und lacht.