Tafers 09.09.2017

Littering bedeutet für Kühe oft den Tod

Pascal und Beat Siegenthaler (r.) begutachten den Abfall, der sich über 14 Tage entlang ihrer Felder angesammelt hat.
Freiburger Landwirte wollen der Bevölkerung vermehrt das Abfallproblem ins Bewusstsein rufen. Der Abfall an Strassenrändern nimmt zu und wird oft von Kühen gefressen. Mit schwerwiegenden Folgen: Die Tiere enden häufig in der Kadaversammelstelle.

Bertrand Blanchard, zuständig für den Unterhalt der Kantonalstrassen im Sensebezirk, hat auf einer Länge von rund zweieinhalb Kilometern zwischen dem Freiburger Schönberg-Quartier und Tafers vorgestern Abfälle eingesammelt. Die blaue Plastiktonne ist gut gefüllt: Bierflaschen, Aludosen, Plastikhüllen, eine Medikamentenpackung, Handschuhe, ein Feuerwerkskörper und ein vermutlich nach bestandener Fahrprüfung weggeworfenes «L» auf blauem Grund.

Gefahr am Strassenrand

Die Abfälle befanden sich zum Teil auf den Grundstücken des Bauernbetriebs Kleinmaggenberg, den Beat Siegen­thaler zusammen mit seinem Sohn Pascal bewirtschaftet. Für die beiden Landwirte ist Littering ein reelles Problem. Ein Grossteil ihres Landes liegt an der Kantonsstrasse, und die meist aus Autos geworfenen Gegenstände sind vor allem für die Tiere des Betriebs eine Gefahr. «Mindestens eine Kuh pro Jahr müssen wir wegen verschluckter Abfälle behandeln, und die Überlebenschancen sind meist nicht sehr gross», sagt Beat Siegenthaler.

Der Betriebstierarzt Paul Trachsel meint, dass diese Zahl eher tief geschätzt sei. «Bei gewissen Betrieben entlang stark befahrener Strassen betrifft es jährlich bis zu 20 Prozent des Viehbestandes», sagt er. «Es ist ein deprimierendes Thema. Seit 15 Jahren arbeite ich als Nutztierarzt in St. Antoni, und in dieser Zeit haben die Behandlungen aufgrund verschluckter Fremdkörper ganz klar zugenommen.»

Allesfresser wider Willen

Wie Trachsel erklärt, sei eine Kuh von Natur aus neugierig. Mit dem Maul und der Zunge taste sie ab, was auf ihrer Wiese herumliegt. Sie versuche, die Objekte zu identifizieren, sei aber nicht fähig, zu erkennen, was nicht als Nahrung bestimmt ist, so Trachsel. Eine Kuh versuche über die Nahrung möglichst viel Energie aufnehmen, um Milch zu produzieren. Sie fresse deshalb in möglichst grossen Stücken.

Vieles, was eine Kuh frisst, wird trotz des Wiederkäuens nicht mehr ausgeschieden. Gemäss Trachsel versuche man manchmal mit Magneten, Metallstücke aus dem Verdauungstrakt herauszuführen. Bei anderen Materialien wie Glas, Plastik oder Styropor nütze dies aber nichts. Eine weitere Möglichkeit sei ein operativer Eingriff. Doch bei einem Mageninhalt von 150 Litern komme selbst der Arm eines Veterinärs nicht überall hin.

Muss man eine Kuh mit Antibiotika behandeln, etwa wenn sie sich durch einen scharfen Gegenstand eine Bauchfellentzündung geholt hat, kann sie auch nicht mehr als Schlachtvieh verwertet werden. «Es bleibt dann oft nur die Kadaversammelstelle», so Beat Siegenthaler.

Neun Mulden auf 80 Kilometer

Die Problematik des Litterings stellt sich für die Landwirtschaft im ganzen Kanton. Bertrand Blanchard sagt, dass sein Team in einem Teil des Sensebezirks im letzten Jahr neun Mulden zu je sechs Kubikmetern an Abfällen entlang 80 Kilometern Strassen eingesammelt habe. Besonders stark verschmutzte Bereiche seien beispielsweise Granges-Paccot Richtung Murten, Murten-Löwenberg oder Düdingen-Warpel.

Bald Bussen für Littering?

Die Freiburger Landwirtschaft versucht nun verstärkt, der Bevölkerung das Abfallproblem ins Bewusstsein zu rufen. So beteiligt sie sich gestern und heute aktiv an der nationalen Clean-up-Kampagne (siehe Kasten). In diesem Rahmen informierte die Freiburgische Landwirtschaftskammer gestern auch in Form einer Medienkonferenz auf dem Betrieb von Beat Siegenthaler.

Unterstützung könnte die Landwirtschaft auch von der Freiburger Politik erhalten. Zu Beginn des letzten Jahres hatte der Staatsrat einen Vorentwurf zur Änderung des Gesetzes über die Abfallbewirtschaftung in Vernehmlassung gegeben. Der Grosse Rat könnte sich Ende 2017 oder Anfang des Jahres 2018 mit dem Gesetz befassen, sagte Frédéric Ménétrey von der Landwirtschaftskammer. So würde das Wegwerfen oder Liegenlassen von kleinen Mengen Abfall im öffentlichen Raum oder in der Natur untersagt, was bisher noch nicht der Fall war. Im Gesetz ist eine Busse von 300 Franken vorgesehen.

Kampagne

Sensibilisierung mit Aktionstagen und Plakaten

Gestern und heute finden in der ganzen Schweiz 350 Aktionen im Rahmen des Clean-up-Days statt. Ziel der beiden Tage ist es, die Bevölkerung auf die Gefahren des Litterings zu sensibilisieren. Gemäss den Organisatoren verursacht Littering schweizweit geschätzte Kosten von 200 Millionen Franken jährlich. Diese seit 2013 durchgeführte Aufräum-Aktion bietet Gelegenheit, Abfälle aller Art einzusammeln. Pro Ort werden 50 bis 200 Kilogramm eingesammelter Abfall erwartet.

Die Freiburger Bauern machen dieses Jahr an den Clean-up-Tagen mit. Unabhängig davon stellen sie auch Plakate des Schweizerischen Bauernverbandes und der Interessengemeinschaft Saubere Umwelt auf, die speziell auf die Folgen von Littering in der Landwirtschaft aufmerksam machen. Dabei wird klar kommuniziert, dass Abfall krank machen kann. Auf den Plakaten macht eine Kuh deutlich, dass sie vom Littering am meisten betroffen ist. Es zirkulieren auch Faltflyer, welche sich sowohl an Bauern als auch an Besucher richten. Den Besuchern wird empfohlen, Hunde an der Leine zu halten, Tieren und Kulturen mit Wertschätzung zu begegnen und die Wege freizuhalten. Die Bauern dagegen sollen den öffentlichen Raum respektieren und ihre Arbeiten an das Freizeitverhalten anderer anpassen.

Zusätzlich zu den Clean-up-Days findet im Kanton Freiburg jeweils im Frühling die Aktion «Frühjahrsputz» statt. Etwa 40 Gemeinden und zahlreiche Schulklassen beteiligen sich daran.

uh