Freiburg 08.03.2018

Santésuisse bedroht Modell mit Medikamentenpauschale

Wenn das Freiburger Modell nicht mehr erlaubt ist, könnten die Arzneimittelkosten in die Höhe schnellen.
Ein Freiburger Modell über die Medikamentenabgabe in Pflegeheimen gilt als Erfolg: Die Kosten sind deutlich niedriger als in anderen Kantonen. Nun stellt sich ein Kranken- kassenverband quer: Dem Modell droht das Aus.

Die Arzneimittel kosten für einen Bewohner eines Freiburger Pflegeheims im Durchschnitt pro Tag 4.80  Franken. Im Schweizer Mittel sind es 8.55 Franken.

Auf die 2600 Freiburger Pflegeheimbewohner hochgerechnet sind es 4,55 Millionen Franken im Jahr; mit dem Schweizer Durchschnitt wären es 8,11  Millionen Franken. In Freiburger Pflegeheimen werden somit im Jahr 3,55 Millionen Franken an Arzneimitteln gespart.

Die Erklärung dafür liegt im Modell der pharmazeutischen Betreuung in Pflegeheimen, das 2002 eingeführt wurde. Dank einer Zusammenarbeit zwischen Heimen, Apothekern und Ärzten können Arzneimittel zum Fabrikabgabepreis erworben werden. Es basiert auf einer Pauschale statt auf individueller Abrechnung. Seit Einführung seien so in den Freiburger Heimen 18 Millionen Franken gespart worden, schreibt die Gesundheitsdirektion in einer Mitteilung.

Doch mit diesem Freiburger Modell könnte bald Schluss sein. Wie Gesundheitsdirektorin Anne-Claude Demierre gegenüber den FN sagt, habe die Vereinigung Freiburger Alters­einrichtungen letzte Woche einen Brief des Krankenversicherungsverbandes Santésuisse (insbesondere mit der Mutuel-Gruppe) erhalten, gemäss dem Santésuisse das System nicht mehr anerkennen will. «Es wäre der Tod des Freiburger Modells», so Demierre. Zwar vereint Santésuisse nur 40 Prozent der Versicherten im Kanton, aber gemäss Demierre könne man nicht zwei verschiedene Systeme betreiben.

Lösungsvorschlag abgewiesen

Santésuisse war bei der Einführung einer der Partner des Projekts gewesen. Der Gesinnungswandel ist auf eine seit 2018 gültige Verordnung des Bundes zurückzuführen, die die Aushändigung von individuellen Daten der Pflegeheimbewohner verlangt.

Dieser Vorgabe wollen die Freiburger Partner nachkommen. Sie versuchen, das IT-System so anzupassen, dass die Daten der Heimbewohner trotz Pauschalsystem einzeln eruiert werden können.

Wie Anne-Claude Demierre sagt, sei man in Kontakt mit dem Bundesamt für Gesundheit gewesen, das diese Lösung unterstützt. Zwei weitere Krankenversicherergruppen hätten diese Lösung ebenfalls akzeptiert, so Demierre.

Am 7. Februar fand diesbezüglich noch einmal eine Sitzung mit dem Bundesamt für Gesundheit statt, das beide Seiten aufforderte, sich auf eine gemeinsame Lösung zu einigen. Das Schreiben von Santésuisse machte diese Hoffnungen nun zunichte.

«Es ist unverständlich, dass man sich gegen ein Modell stellt, das sich 16 Jahre lang bewährt hat», so Demierre. Trotz geringeren Kosten sei die Qualität gewährleistet und die Verschwendung von Medikamente werde minimiert.

Finde man sich nicht noch mit Santésuisse, werde dies einen Anstieg der Gesundheitskosten und letztlich der Krankenkassenprämien für die Freiburger Bevölkerung zur Folge haben. Anstrengungen zur Dämpfung dieser Kosten würden zunichtegemacht. «Santésuisse hat uns noch keinen plausiblen Grund geliefert, warum sie unser System nicht mehr akzeptiert.»

Gesundheit

Ein Brief und eine Motion als Strohhalm

In einer Medienmitteilung schreibt die Direktion für Gesundheit und So­ziales, der Staatsrat habe in einem Schreiben an den Verband Santésuisse darum gebeten, seine Position noch einmal zu überdenken. Der Kanton ist bei diesem Dossier nur externer Partner. Letztlich kann eine Lösung nur zwischen den freiburgischen Alterseinrichtungen und den Krankenversicherern gefunden werden. «Es geht dabei nicht um Kantonsgelder», so Demierre. Sie betont gegenüber den FN, dass keine juristischen Schritte möglich seien. Wie sie sagt, versuchen die beiden Ständeräte Beat Vonlanthen (CVP) und Chris­tian Levrat (SP) über eine Motion eine Änderung der Verordnung zu erreichen, die das Ganze ausgelöst hatte. «Wir hoffen, dass der Bundesrat Santésuisse schreibt», so Demierre. Auf Hilfe anderer Kantone ist kaum Verlass: Nur Aargau und Tessin kennen ein ähnliches Modell.

uh