FREIBURG 10.09.2019

Start-up-Förderung im Wandel der Zeit

Grégory Grin und Olivier Allaman (v. l.) diskutieren über die Vergangenheit und die Zukunft von Fri Up.
Drei Jahrzehnte liegen zwischen der Gründung von Fri Up unter dem ehemaligen Direktor Olivier Allaman und den Jubiläumsfeierlichkeiten unter Direktor Grégory Grin. Im Doppelinterview blicken die beiden zurück.

Fri Up, das offizielle kantonale Unterstützungsorgan für neue Unternehmen, feiert dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Die Mission hat sich in diesen drei Jahrzehnten nicht verändert: Start-ups und Unternehmensgründer kostenlos zu beraten und zu unterstützen. Was sich aber verändert hat, ist das Umfeld. Heute hat der 1989 gegründete, nicht gewinnorientierte Verein, der finanziell vom Kanton, vom Bund, den Freiburger Regionen und von Wirtschaftsrepräsentanten unterstützt wird, seinen Hauptsitz auf dem Freiburger Blue-Factory-Areal. Doch er verfügt noch über zwei weitere Gründerzentren in Murten und Vaulruz. Im Gespräch mit den FN lassen der aktuelle Direktor, Grégory Grin, und sein Vorgänger, der Gründungsdirektor Olivier Allaman, die letzten 30  Jahre Revue passieren.

In welcher Situation war ein Jungunternehmer vor 30  Jahren, vor der Gründung von Fri Up?

Olivier Allaman: In der gleichen Situation wie ein Herr Ciba, ein Herr Geigy oder ein Herr Brown. Es gab vor den 1990er-Jahren keinerlei Förderungsstruktur für Start-ups. Die Jungunternehmer waren eigentlich ihrer Eigeninitiative überlassen. Unternehmensgründungen gab es natürlich schon immer.

Was waren die Hintergründe, die zum Start von Fri Up führten?

Allaman: Die Initiative kam von einer Organisation, die den Namen Genilem trug und die kantonale Wirtschaftsdirektion kontaktierte. Sie hatte eine entsprechende Förderstruktur im Kanton Genf aufgebaut und wollte diese auf den Kanton Freiburg ausdehnen.

Was war neu an Fri Up?

Allaman: Dass es dabei vor allem um Coaching ging. Beim Kanton gab es damals schon einen Fonds für Risikokapital zur Förderung von Jungunternehmern. Dieser funktionierte leidlich gut. Aber das Coaching war der Schlüssel zum Start unserer Organisation.

Hat sich Fri Up danach schnell entwickelt? Oder gab es am Anfang auch Schwierigkeiten?

Allaman: Nein. Fri Up entsprach einem vorhandenen Bedürfnis. Wir hatten sofort Anfragen von potenziellen Jungunternehmern. Aber auch die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger haben unser Potenzial sehr schnell erkannt und uns entsprechend gefördert. Dass wir als Organisationsform einen neutralen Verein wählten, half uns dabei sicher auch. Denn hinter dem Verein stand ein ausgewogenes Patronat mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft.

Und jetzt – sind Sie zufrieden mit der Entwicklung in den vergangenen 30 Jahren? Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Grégory Grin: Ich bin sicher sehr zufrieden mit der Entwicklung, auf die wir stolz sein dürfen. Es ist bemerkenswert, dass die Unternehmensgründungen im Kanton Freiburg seit so vielen Jahren unterstützt werden. Wichtig ist auch, dass wir stets alle Arten von Unternehmen unterstützt haben: Vom Einmannbetrieb bis zur High-Tech-Firma konnte uns immer jeder um Rat fragen. Die Resultate dieser Arbeit präsentieren sich heute sehr positiv. Wir haben viele Unternehmensgründungen begleitet, die einen echten Mehrwert für den Kanton gebracht haben. Fri Up hat es in nachhaltiger Weise zu einem regelrechten Animator der Wirtschaft gebracht.

Allaman: Fri Up entsprach einem echten Bedürfnis, nicht nur seitens der Jungunternehmer, sondern auch seitens der Arbeitgeberorganisationen. Dadurch, dass bei Fri Up alle Anfragen von Jungunternehmern zentral behandelt werden konnten, wurde dieser Teil der Wirtschaftsförderung viel effizienter als zuvor. Noch heute haben wir jährlich mehrere 100 Anfragen von Menschen, die sich selbstständig machen wollen.

Grin: Gegenwärtig sind es etwa 300 Anfragen pro Jahr. Da­rum kümmern sich bei uns sechs Mitarbeitende, wobei nicht alle 100 Prozent arbeiten.

Was ist der Hauptunterschied zwischen 2019 und 1989 für eine Person, die sich selbstständig machen will?

Allaman: Die Grundproblematik ist die gleiche geblieben: Man nimmt persönliche Risiken auf sich. Man braucht aber nicht nur eine Versicherungslösung für sein Jungunternehmen, sondern muss auch den Markt testen. Das ist heutzutage mit digitalen Mitteln möglich, die vor 30 Jahren noch nicht zur Verfügung standen. Eine Marktanalyse kann man heute sehr einfach mit einem Online-Fragebogen oder auf einer Website durchführen. Vor 30 Jahren war dieser Zugang viel schwieriger.

Grin: Die Bedürfnisse sind grundsätzlich die gleichen wie vor 30 Jahren. Doch die Antworten auf diese Bedürfnisse können viel schneller gegeben werden. Ohne Digitalisierung fehlte dieser Beschleunigungsfaktor. Wer heutzutage beispielsweise einen Prototypen herstellt, kann einfach ein Foto davon auf Facebook veröffentlichen und dann schauen, wie die Reaktion potenzieller Kunden ausfällt. Vor drei Jahrzehnten musste man allfällige interessierte Unternehmen persönlich besuchen – oder gar Menschen im Rahmen einer Strassenumfrage ansprechen.

Welche Art von Firmen melden sich bei Ihnen wegen einer Unterstützung? Gibt es Branchen, die da besonders stark vertreten sind?

Allaman: Wenn man die letzten 30 Jahre als Ganzes betrachtet, kann man eine auffällige Übereinstimmung zwischen dem wirtschaftlichen Gefüge des Kantons und den potenziellen Jungunternehmern feststellen. Das ist aber auch normal. Entsprechend konnten wir im Lauf der Jahre immer wieder gewisse Spitzen in einzelnen Branchen bemerken.

Welche?

Allaman: Als beispielsweise der Pflegebereich liberalisiert wurde, machten sich innerhalb von zwei Jahren sehr viele Pflegefachfrauen selbstständig. Auch der Peak in der Informatik in den 2000er-Jahren war typisch. Dass es immer eine solche Entsprechung zwischen den Peaks und dem Wirtschaftsgefüge gab, hängt meiner Meinung nach aber auch damit zusammen, dass Fri Up von Anfang an offen war für Anfragen aller Art – im Unterschied zu anderen Kantonen, deren Förderorganisationen sich viel mehr auf einzelne Branchen spezialisiert haben. Wir hingegen wollten seit 1989 eine Dienstleistung anbieten, die im Prinzip der ganzen Bevölkerung zur Verfügung steht.

Was lässt sich bezüglich der Firmengrössen sagen?

Allaman: Die meisten Start-ups fangen als Ein- oder Zweimannbetriebe an. Einzelnen unter ihnen ist es danach aber tatsächlich gelungen, zu einer beträchtlichen Grösse anzuwachsen. Ich erwähne etwa die CP Automation AG in Villaz-Saint-Pierre, eine unserer grössten Erfolgsgeschichten. Die Firma begann als Einmannbetrieb und hat heute gegen 160 Mitarbeiter. Es gibt noch weitere Erfolgsbeispiele, die belegen, welchen Mehrwert Fri Up für den Kanton wirklich geschaffen hat.

Grin: Gegenwärtig erleben wir übrigens einen Boom im Baugewerbe, vor allem dort, wo es um neuartige, innovative Baukonzepte geht wie etwa beim Smart Living Lab in der Blue Factory. Ebenso wichtig ist derzeit die Lebensmittelindustrie, wenn ich etwa ans Swiss Center for Agri & Food Innovation in Saint-Aubin denke. Willkommen ist aber auch jeder, der irgendwo im Kanton einen Tearoom oder einen Coiffeursalon eröffnen möchte und Fragen dazu hat.

Hat Fri Up die Form der Unterstützung im Lauf der Jahre anpassen müssen?

Allaman: Nein. Die Basis unserer Tätigkeit ist immer das Zuhören geblieben. Man hat mich schon unzählige Male gefragt, ob diese oder jene Firma erfolgreich sein werde. Und jedes Mal habe ich geantwortet: «Wenn ich das wüsste, würde ich statt Ihnen dieses Business starten und viel Geld damit machen.» Es ist sehr schwierig, erfolgreiche Projekte im Voraus zu erkennen.

Wie viele potenzielle Firmengründer haben in diesen 30  Jahren von der Begleitung durch Fri Up profitiert?

Allaman: Im Mittel etwa 200 pro Jahr. Etwa 20 Prozent von ihnen haben sich dann auch wirklich selbstständig gemacht. Von diesen sind 90 Prozent auch nach fünf Jahren noch da.

Welchen politischen Rahmen setzt Ihnen das Wirtschaftsförderungsgesetz?

Allaman: Es gibt eigentlich sehr wenig Grenzen, die uns dadurch gesetzt wurden – natürlich immer im Rahmen des Legalen. Ich werde nie vergessen, wie einmal ein junger Jurist im Anzug zu uns kam, der in Erwartung einer möglichen Cannabis-Legalisierung ein Hanf-Unternehmen gründen wollte. Ansonsten werden wir immer dann aufmerksam, wenn jemand seine zweite Säule der Altersvorsorge für eine Firmengründung «plündern» möchte. Wenn es mit der Firma dann nicht klappt, haben diese Personen im Alter ein echtes Problem.

Welche Veränderungen stehen bei Ihren Gründerzentren an?

Grin: Fri Up wird die entsprechenden Räumlichkeiten nicht mehr selber verwalten. Die Räume bleiben aber erhalten und werden weiterhin an Start-ups vermietet.

Und wie wichtig ist die Blue Factory für Fri Up?

Allaman: Fri Up war die erste Institution, die sich mit Büros in der Blue Factory eingemietet hat: noch in der Woche, in welcher die Stadt und der Kanton das Areal gekauft haben. Wir sind diesem Standort und seinem Umfeld junger Unternehmer daher sehr verbunden.

Zu den Personen

Der alte und der neue Direktor

Grégory Grin hat im November 2016 die Direktion von Fri Up von Olivier Allaman übernommen. Grin war zuvor 20 Jahre lang in der Einführung neuer Produkte auf dem Markt tätig. Er hat Informatik und General Management studiert, wohnt in Bürglen, ist bald 48-jährig, verheiratet und Vater zweier Töchter. Sein Hobby ist das Gärtnern. Olivier Allaman war 27 Jahre lang Direktor von Fri  Up. Er hat Mechanik und Informatik studiert und vor Fri Up für verschiedene Schweizer Grossfirmen wie Brown-Boveri und Ciba Geigy gearbeitet. Er wohnt in Sâles im Greyerzbezirk, ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Sein Hobby ist das Bogenschiessen.

jcg