Freiburg 23.05.2020

Studenten müssen ein Budgetloch stopfen

Der Rückzug in die eigenen vier Wände während der Corona-Krise konnte für Studentinnen und Studenten auch positiv sein.
Studentinnen und Studenten fragen an der Universität Freiburg seit den letzten zwei Wochen vermehrt nach finanzieller Hilfe. Die Nachfrage nach psychologischen Beratungsgesprächen hingegen hat während der Corona-Pandemie bislang nicht zugenommen.

Der Nebenjob in einer Bar ist weg, die Bibliotheken sind geschlossen, was Recherchen erschwert, und lange war unklar, wie die Prüfungen am Ende des Semesters gestaltet werden: Die vergangenen zwei Monate waren für die Studentinnen und Studenten der Universität Freiburg mit Unsicherheiten und Veränderungen verbunden.

Dennoch kontaktierten nicht mehr Studenten als üblich die psychologische Studierendenberatung der Universität. Deren Aufgabe ist es, Studenten, aber auch Mitarbeiter der Universität in persönlichen, emotionalen oder sozialen Krisensituationen zu beraten. «Pro Monat erhalten wir ungefähr 30 bis 35 Anfragen. Seit Beginn der Corona-Krise sind es viel weniger», sagt die Psychologin Rita Raemy auf Anfrage. Aufgrund der kleinen Fallzahlen wolle sie keine generalisierenden Aussagen darüber machen, was die Studenten bewegt, aber sie habe Tendenzen beobachtet.

«Stressansteckung verhindert»

Die Abnahme der Anfragen an die psychologische Studierendenberatung führt Rita Raemy auf ein Erstarren einiger Studentinnen und Studenten zurück. «Sie denken, dass sie sich Angst jetzt nicht leisten können.» Die Psychologin spricht von einer intensiven Resilienzsituation. Resilienz bedeutet, in belastenden Situationen psychisch und körperlich widerstandsfähig zu bleiben. «Das zeigt, wie kompetent wir Menschen im Umgang mit einer bedrohlichen Situation sind.»

Mit der Lockerung der Corona-Massnahmen könnten wieder mehr Anfragen kommen, meint die Psychologin. «Nun kommt ein heikler Übergang. Die Menschen legen ihre Erstarrung wieder ab.»

Als nicht ausschliesslich negativ erscheint ihr die Abnahme der sozialen Kontakte. Zwar hätten sich einige Studentinnen und Studenten wieder nach einem direkten Austausch mit ihren Kommilitonen gesehnt, doch andere konnten in den vergangenen Wochen mehr Zeit für sich finden und neue Strukturen für sich selbst schaffen. «Durch den Rückzug in die eigenen vier Wände wurde eine Stressansteckung verhindert. Denn das ständige Vergleichen der eigenen Leistung mit anderen Personen ist weggefallen», so die Psychologin.

Beratung via Telefon und Mail

Die psychologische Beratung geschah in den vergangenen Wochen via Telefon und ­E-Mail. «Beim Gespräch am Telefon fällt die nonverbale Ebene weg, und das Spielen mit der Sprache rückt in den Vordergrund. Ich arbeite noch mehr als vorher mit Metaphern, um der Sprache mehr Inhalt zu geben.» Die Gespräche am Telefon würden mit 30  bis 60 Minuten etwa gleich lange dauern wie früher die Gespräche in den Büros der psychologischen Studierendenberatung.

Der E-Mail-Kanal sei wichtig für Studentinnen und Studenten, die «nicht lautsprachlich beraten werden können», sagt Rita Raemy. Als Beispiel nennt sie Personen, die keinen Raum haben, um ein Gespräch ohne Drittpersonen zu führen.

Sind die Beratungen via Telefon und E-Mail erfolgreich? «Es gab seit Beginn der Corona-Krise keine Abbrüche», antwortet die Psychologin. Doch die Studentinnen und Studenten, die derzeit das Beratungsangebot nutzen, hätten den Wunsch geäussert, sich wieder für ein direktes Gespräch treffen zu können.

Bis 1000 Franken pro Monat

Eine weitere Anlaufstelle der Universität Freiburg für ihre Studentinnen und Studenten ist der Dienst Uni-Social. Finanzielle Hilfen zu vergeben und Studenten zu coachen, zum Beispiel bei Lernblockaden oder Prüfungsangst, sind dessen Hauptaufgaben.

«In den letzten zwei Wochen nahmen die Anfragen für Finanzhilfen leicht zu», sagt Ariane Linder, Leiterin von Uni-Social, den FN. Zuvor sei die Anzahl Anfragen konstant geblieben. «Ich vermute, dass die Studenten leichte finanzielle Reserven hatten, die langsam aufgebraucht sind. Zudem konnten sie ihre Nebenjobs wohl noch nicht wieder aufnehmen.»

Die von Uni-Social gesprochenen finanziellen Hilfen können sich je nach Situation auf 500 bis 1000 Franken pro Monat belaufen. «Wir schauen mit den Studentinnen und Studenten ihre Einnahmen sowie Ausgaben an», erklärt Ariane Linder die Vorgehensweise. Diese Zahlen werden mit einem von der Uni erstellten typischen Monatsbudget abgeglichen. Zudem werde mit den Studenten geschaut, dass ihre Eltern ihnen finanziell unter die Arme greifen oder sie Stipendien beantragen. Wenn im Budget des Studenten trotzdem noch ein Defizit vorhanden ist, helfe Uni-So­cial finanziell. «Diese Unterstützung muss nicht zurückgezahlt werden und hat auch keine Auswirkungen auf den Aufenthaltsstatus bei ausländischen Studentinnen und Studenten.»

Bis zur Corona-Krise war ein Termin in den Büros von Uni-Social im Studierendenzen­trum Centre Fries Pflicht, um eine finanzielle Unterstützung zu erhalten. «Nun sprechen wir mit den Studenten per Videotelefonie», sagt Ariane Linder. Auch gebe es nun mehr Kulanz, wenn Studierende nicht alle Dokumente für ihren Antrag auf Finanzhilfe beschaffen könnten.

Sekundarstufe 2

Privater Raum fehlt für Telefon

Die psychologische Studierendenberatung der Universität Freiburg hilft auch Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe 2. Hier habe sie ähnliche Tendenzen gesehen, wie bei den Studenten, sagt Psychologin Rita Raemy. «Die Schülerinnen und Schüler erstarren und warten ab. Als man zu Hause bleiben sollte, haben Schüler, die zu Hause familiäre Konfliktsituationen erleben, sich in gewissem Sinne totgestellt.» Seit der Corona-Krise gebe es weniger Kontaktaufnahmen durch die Jugendlichen. 150 Fälle auf Sekundarstufe 2 betreue die psychologische Studierendenberatung pro Jahr. Bei den zwischen 15  bis 20 Jahre alten Schülerinnen und Schülern sei die telefonische Beratung schwieriger als bei den Studenten, weil etlichen ein privater Raum zum Telefonieren fehle.

jmw