Môtier 14.08.2019

Syrah und Co gedeihen im Vully prächtig

Der Rebberg mit dem Merlot ist übervoll mit Trauben. Das Klima im Vully bekommt der mediterranen Rebsorte.
Südliche Länder gelten als ideale Weinanbaugebiete. Doch mit der Klimaerwärmung verschiebt sich die Anbaugrenze immer mehr nach Norden. Für die Winzer im Vully bietet das neue Chancen. Das hat der Familienbetrieb Simonet in Môtier schon früh erkannt.

31 Grad verspricht der Nachrichtensprecher im Radio an diesem Morgen, die Autofahrt ist das reinste Vergnügen. Die Fenster sind runtergekurbelt, die Sommerhits verleiten dazu, stärker als sonst auf das Gaspedal zu drücken. Für einmal ist das schlechte Gewissen wegen des Klimawandels vergessen. Schliesslich geht es heute um einen der seltenen guten Aspekte der dramatischen Klimaveränderungen, zumindest für den Vully. Die Region profitiert nämlich gerade so richtig vom weltweiten Temperaturanstieg.

Braun gebrannt und gut gelaunt führt Önologe Fabrice Simonet die Besucher in den Rebberg. Er liegt im Schutz der Kirche mit dem romanischen Turm und direkt hinter dem Weingut Petit Château der Familie Simonet. Rebmeister Stéphane Simonet inspiziert als Hagelexperte gerade Reben im Genferseegebiet. Auch zu Hause hat der Hagel vor zwei Wochen dem Traminer zugesetzt. Blättern und Beeren sind mit braunen Flecken übersät. «Rund fünf Prozent gingen kaputt», schätzt Fabrice Simonet. «Aber man muss Zen bleiben.» Gegen Hagel könne man ausser mit dem aufwendigen Anbringen unästhetischer Netze nichts machen, sagt der Önologe gelassen. Als Biowinzer sei man in besonderem Masse mit den Widrigkeiten der Natur konfrontiert, und man gewöhne sich an solche Ereignisse. Allerdings hätten die Extreme zugenommen.

«Das grösste Problem ist der Frost», sagt Simonet. Weil es heute früher im Jahr warm wird, reifen die Reben schneller heran. Wenn dann noch einmal Frost kommt, sind die Trauben dahin. Aber auch dagegen könne man nicht viel machen.

Sanfte Lösungen

Ein weiteres Problem ist die starke Sonneneinstrahlung. Gerade weisse Trauben wie der Traminer bekommen bei zuviel Sonne einen Sonnenbrand und das Aroma leidet. Mehr Sonne bedeutet mehr Zucker und damit mehr Alkohol. «Die Leute denken immer, viel Sonne gleich guter Wein. Aber dem ist nicht so. Es braucht auch die Säure, sie bringt Frische in den Wein.»

Die Antwort auf dieses Problem der weissen Trauben heisst Blattmanagement. Dabei verzichtet man auf das Entfernen der Blätter, damit diese den Trauben Schatten spenden. Damit können die Simonets Traditionssorten wie eben den Traminer im Gleichgewicht halten. Wie lange noch, hängt von der weiteren Entwicklung des Klimas ab. «Im Moment sind wir im Optimum. Wir müssen weder Zucker noch Säure zuführen, was im biodynamischen Anbau sowieso nicht erlaubt wäre.»

Neue Sorten aus dem Süden

Gleichwohl hat die Familie Simonet bereits Massnahmen für die Zukunft ergriffen. Und nicht erst seit heute: «Mein Vater ist ein echter Pionier und hat schon vor dreissig Jahren angefangen, Merlot, Syrah und Cabernet Sauvignon anzubauen», Sorten, die aus dem Süden stammen. Hier in der Schweiz könnten sie den Winzern aus Südfrankreich, Spanien und Italien allerdings bald schon den Rang ablaufen. Denn wo es früher zu wenig warm war für die rote Traube, ist es heute ideal, und wo es früher ideal war, ist es heute zu heiss. Im Vully erzielen sie eine gute Reife, nicht zu süss und nicht zu sauer. «So leid es mir tut, das sagen zu müssen: Uns kommt der Klimawandel zugute. Für uns ist es perfekt.» Der Sandstein-Mergel-Boden ermöglicht es den Reben zudem, tiefe Wurzeln zu schlagen, weshalb die Weinbauern im Vully im Unterschied zu anderen Standorten bisher kein Wasserproblem haben.

Weitere Sorten im Test

Die Simonets wären aber nicht die Simonets, würden sie sich auf diesem Glück ausruhen. Darum testen sie auf einem Grundstück direkt am See weitere neue Sorten: Sangiovese und Nebbiolo aus Italien sowie ein Tempranillo aus Spanien, der für die Produktion von Rioja verwendet wird. «Wir schauen, wie sie wachsen, wann sie reifen und wie ihr Geschmack ist.» Und möglicherweise sind sie eines Tages Teil einer Assemblage aus dem Petit Château. «Die Frage ist immer, ob das Publikum bereit ist für neue Weine. Ein zu schnelles Vorpreschen kann dem Ruf eines Weinproduzenten schnell schaden.»

Auf dem Forschungsfeld testen die Simonets aber auch, ob es möglich ist, ganz auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verzichten.

Test von Neuzüchtungen

Zwar werden auf dem Betrieb heute nur natürliche Produkte gespritzt wie Schwefel, Kupfer, Brennnessel, Weide oder Schachtelhalm. Aber gerade Kupfer – ohne das es heute gar nicht gehe, wie Fabrice Simonet sagt – ist ein Schwermetall, das sich im Boden ablagert. Die Lösung könnte nun die von der Forschungsanstalt Agroscope entwickelte multiresistente Traube Divico sein, die auch geschmacklich vielversprechend sei. «Das Dilemma war bis anhin, dass krankheitsanfällige Sorten guten Wein geben, resistente Reben schlechten. Bisher hält sich der Divico aber gut, obwohl wir die Rebe überhaupt nicht spritzen», sagt Fabrice Simonet. Ganz anders ist das beim Blauburgunder nebenan. Er ist von Pilz be­fallen.

Weinproduktion CO2-intensiv

Wein weist einen grossen CO2-Fussabdruck auf. Dieser rührt daher, dass Reben anfällig auf Pilzkrankheiten sind, was vielerorts mit Fungiziden bekämpft wird. Und obwohl sie von den höheren Temperaturen profitiert, ist der Familie der Kampf gegen den Klimawandel wichtig. Natürlich komme im Bioanbau der Traktor im Kampf gegen Unkraut häufiger zum Einsatz, trotz den acht Schafen, die im Winter als «Rasenmäher» in den Reben weiden. «Aber Pestizide sind nicht nur schlecht für Mensch und Umwelt, ihre Produktion ist ebenfalls CO2-lastig. Man muss immer alle Faktoren berücksichtigen.»

«Im Moment sind wir im Optimum. Wir müssen weder Zucker noch Säure zuführen.»

Fabrice Simonet

Önologe

Zahlen und Fakten

Ein Weingut mit langer Tradition

Die Familie Simonet baut seit über 200 Jahren Wein an. Die Reben mitten im Dorf von Môtier werden vollumfänglich biodynamisch bewirtschaftet. Mit 15 Hektaren ist das Petit Château einer der grössten Betriebe im Vully, dessen Rebanbaufläche 150  Hektaren beträgt. Vater Eric Simonet studierte Önologie an der Fachhochschule Changins in Nyon. Er war der erste diplomierte Önologe im Vully. Heute ist er Rentner, arbeitet aber weiter im Betrieb mit. Mutter Anni ist für den Verkauf zuständig, Tochter Sandrine für die Administration. Sohn Stéphane ist der Rebmeister und sein Bruder Fabrice der neue Önologe im Hause Simonet. Der Betrieb beschäftigt derzeit vier Lehrlinge und einen Angestellten.

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Neue Rebsorten

«Wir wollen natürliche Weine und keine Coca-Cola-Weine»

Während früher in den Produktionsländern des Südens mit Argusaugen da­rauf geschaut wurde, dass die Winzer im Norden nicht künstlich nachzuckern, läuft es heute andersrum: Die im Norden schauen, dass die im Süden keine Säure hinzugeben, wie Johannes Rösti, Direktor der Station Viticole des Kantons Neuenburg, auf Anfrage erklärte. Er berät auch Freiburger Winzer bezüglich Pflanzenschutz und Neuanpflanzungen.

Durch die Klimaerwärmung würden mediterrane Sorten nun auch in der Schweiz wachsen, und das biete neue Chancen auf dem globalen Markt. Die Frage sei, wann man am besten auf neue Rebsorten umstelle. Denn es sei auch wichtig, die Kunden mit neuen Sorten nicht zu verprellen. Rösti rät darum zum schrittweisen Umbau, eventuell auch mit Übergangssorten, wie sie von der Forschungsanstalt Agroscope entwickelt werden. «Es geht darum, die Pflanzen nach und nach in ein Gleichgewicht zu bringen.» Der Wein solle ja möglichst natürlich sein und nicht durchdesignt. «Wir wollen keine Coca-Cola-Weine.» Das Blattmanagement (siehe Haupttext), die Ausrichtung der Reben und Massnahmen im Keller seien ebenfalls Möglichkeiten, um auf den Klimawandel zu reagieren.

Nicht alle Weinregionen in der Schweiz hätten im Übrigen die gleichen Möglichkeiten, auf den Klimawandel zu reagieren. Im Wallis oder am Bielersee sei die Trockenheit langfristig ein grösseres Problem als im Vully. Dafür habe man im Vully keine Möglichkeit, in die Höhe zu gehen, wie im Wallis.

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Initial

100-Franken-Wein – früher undenkbar

Der US-amerikanische Weinkritiker Robert Parker nahm ihn in seinen Newsletter «The Wine Advocate» auf, und der «Gault Millau» gab ihm 18  Punkte: Die Rede ist vom Initial Millésime 2014 von Le Petit Château. Der Wein, den die Familie Simonet in diesem Jahr herausbrachte, schlummerte 36  Monate in neuen Holzbarriques, dann wurden die vier einzeln gekelterten Rebsorten zu einem Ganzen vereint: 43  Prozent Diolinoir, 25 Prozent Merlot, 20 Prozent Syrah, 12  Prozent Cabernet Sauvignon. In der Flasche reifte der Wein danach nochmals ein Jahr. «Es ist eindeutig ein Produkt des Klimawandels», sagt Fabrice Simonet. «Vor 30 Jahren hätte man gesagt, das sei komplett verrückt, ein Wein aus der Region für fast hundert Franken.» Doch dank einer Mischung aus südlichen Rebsorten sei dies nun auch hier möglich.

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