FREIBURG 12.02.2019

Was ist «gutes Sterben»?

Eine neue interdisziplinäre Studie widmet sich dem «Lebensende in der Schweiz». Der Freiburger Theologe Markus Zimmermann ist einer der vier Autorinnen und Autoren.

Der Freiburger Theologieprofessor Markus Zimmermann hat mit dem Basler Ökonomen Stefan Felder, der Berner Soziologin Ursula Streckeisen und der Zürcher Juristin Brigitte Tag ein Buch geschrieben, das dem «Lebensende in der Schweiz» gewidmet und vor kurzem erschienen ist. Anlass ist die Beendigung eines siebenjährigen nationalen Forschungsprogramms mit insgesamt 33 Projekten. Die Arbeit an dem 200-seitigen Buch hat sich laut Zimmermann über anderthalb Jahre hingezogen, wobei bewusst ein interdisziplinärer Ansatz gewählt wurde. «Es geht weder um Sterbehilfe noch um Palliativmedizin», stellt der Freiburger Theologe klar, «sondern vielmehr um die Frage, wie Menschen in der Schweiz und ihre Angehörigen das Sterben heute erleben.» Damit verbunden seien die Fragen nach den institu­tionellen, rechtlichen und ökonomischen Bedingungen des Sterbens sowie danach, welche Ideale heute mit einem «guten Sterben» verbunden würden.

«Am Ende jedes Lebens stehen zudem wichtige Entscheidungen an», so Zimmermann. «Es stellt sich die Frage, wer diese trifft.» Es bestünden teils signifikante Unterschiede zwischen den Sprachregionen. In der Deutschschweiz würden Ärzte in 27 Prozent der Fälle Entscheidungen, die das Lebensende betreffen, ohne Einbezug der Sterbenden treffen, obwohl diese noch urteilsfähig seien – wenn es etwa um die Weiterführung bestimmter Behandlungen gehe. Im Tessin betrage dieser Anteil rund 40  Prozent. «Die meisten denken heute an die Suizidhilfe, wenn es um das Thema Autonomie am Lebensende geht», sagt Zimmermann. «Doch das Problem ist viel umfassender.»

Auch über das «gute Sterben» gebe es verschiedene Vorstellungen – die einander teilweise auch ausschliessen würden. «Die einen wollen ihren Todeszeitpunkt selbst bestimmen», so Zimmermann. «Andere sehen das Sterben als spirituelle Erfahrung an, die sie bewusst durchleben möchten, um innerlich daran zu wachsen. Wieder andere wollen einfach abends einschlafen und morgens nicht mehr erwachen.» Je nach Priorität sei da Suizidhilfe, ein Behandlungsabbruch oder auch Palliative Care mit spiritueller Begleitung gefragt. «Die Haltung vieler Menschen zum Thema Sterben ist nach wie vor ambivalent», betont der Theologe. «Einerseits ist es seit rund 20 Jahren kein Tabuthema mehr. Doch immer noch ist es für viele Menschen in der direkten Begegnung und im familiären Rahmen ein schwieriges Thema.»

Markus Zimmermann, Stefan Felder, Ursula Streckeisen, Brigitte Tag. Das Lebensende in der Schweiz. Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven. Basel (Schwabe), 2019.