Ostern 22.04.2014

Welchen Sinn hat Leiden?

Das Leiden Jesu, abgebildet in der Magdalena-Einsiedelei in Düdingen. Bild Charly Rappo/a
Die Zeit um Ostern erinnert an die Sterblichkeit des Menschen, aber auch an das Leiden Jesu. Während der Tod als Unausweichlichkeit anerkannt wird, versuchen die Menschen, Schmerz zu vermeiden. Sie versuchen, das Leiden zu erklären, und scheitern daran. Doch ein heilsamer Umgang mit Leiden ist nur möglich, wenn es angenommen wird.

 

An den «drei heiligen Tagen» vom Hohen Donnerstagabend bis Ostersonntag feiern die christlichen Kirchen die Hingabe Jesu in das Leiden, das Sterben und in den Tod, und schliesslich am Ostermorgen die Auferweckung Jesu aus dem Grab, wie sie uns die ersten Christen bezeugen. Diese Tage erinnern uns nicht nur daran, dass jeder Mensch sterblich ist, sondern sie thematisieren auch die bohrende Frage in uns: Welchen Sinn hat Leiden?
 
Da wir heute doch die Mittel und Wege haben, sollten wir dem Schmerz nicht tunlichst ausweichen und jedes Leid vermeiden, und sei es auf Kosten des eigenen Lebens? Was habe ich gewonnen, wenn ich Leiden akzeptiere, ohne es zu beschönigen, aber auch ohne es abzuwürgen, gewaltsam zu beenden? Gibt es eine Hoffnung oder gar einen Sinn darin? 
 
Unsere Medizin erlaubt uns viele Möglichkeiten, körperliche und seelische Leiden zu lindern. Zugleich sehen wir, dass wir nicht nur infolge einer Krankheit leiden können oder müssen, sondern dass Leiden noch viele andere Dimensionen hat: Mangel an Angenommen-Sein und Zuneigung, Verlassenheit, Enttäuschung, Gefahr, Verrat und Undankbarkeit, Spott und Erniedrigung, Unglücksschläge, Unfall, Verletzung, Arbeitsplatzverlust …
 
Wir erwarten, dass wir gesund sind: Gesund-Sein ist der Normalzustand, Krank-Sein ist ein Ausnahmezustand, der vermieden oder als vorübergehend überwunden werden muss. Manchmal sehnen wir uns danach, einem Übermenschen gleich zu sein oder besondere auserwählte Kräfte zu haben, damit wir uns Leiden ersparen können.
 
Wir kämpfen damit, Krankheit oder Leiden nicht erklären zu können. Wenn wir es nicht erklären können, hat es keinen Sinn – so dann manchmal die Schlussfolgerung. Wir wollen alles unserer Vernunft unterwerfen – sie ist der einzige Massstab, dem ich vertraue. Doch die Welt und auch meine Existenz, meine Person bestehen nur zu einem kleinen Teil aus Vernunft – wo bleibt mein Bauch, wo mein Herz? 
 
Leiden und Schuld
 
Oft sind wir versucht, zu fordern, Leiden müsse eine Ursache haben, irgendetwas oder irgendjemand müsse daran schuld sein. Die Furcht ist da, dass andere in Hinblick auf mein Leiden diesen Schluss ziehen und mich als schuldig oder halbschuldig betrachten – ohne es laut zu sagen – oder mich mindestens unter diesen Verdacht stellen. Oder sie argwöhnen, ich hätte in meinem Leben etwas falsch gemacht oder gar gesündigt! Das will ich vermeiden, dem will ich entgehen. Wie? Durch Ausklinken – Self-Check-out.
Sterben ist kein Tabu, insofern es als unausweichlich und zwingend ertragen wird. Aber Leiden? Wir können unsere Niederlage vor dem Leiden nicht eingestehen. Wir halten daran fest, dass wir auch da etwas tun müssen, wir wollen das Gesetz des Handelns um jeden Preis auf unserer Seite behalten: Wenn ich schon sterben muss, dann schmerzlos, zugleich bewusst und sauber – aber wir wollen möglichst wenig leiden. 
 
Wir akzeptieren die Unausweichlichkeit des Todes, nicht aber die Unausweichlichkeit des Leidens. Wir wollen uns vom Schmerz fernhalten, selbst wenn es uns das Leben kostet. Am liebsten steigen wir von unserem «Kreuz» herab. 
 
Es ist schwer für uns auszuhalten, dass Leiden kaum einen Sinn bekommt. «Bei guter Gesundheit erscheint es einem selbstverständlich, dass das Leben einen Sinn hat, und es ist erschreckend, wie schnell eine Krankheit diese Gewissheit zunichtemachen kann», schreibt E. T. Bailey in ihrem Buch «Das Geräusch einer Schnecke beim Fressen». Diese amerikanische Journalistin war 34-jährig und konnte aufgrund einer Virus-Erkrankung viele Monate nicht aufstehen: «Tagsüber fand ich das Absonderliche meiner Lage am schmerzlichsten: Ich war zu einer Zeit an mein Bett gefesselt, in der Freunde und Altersgenossinnen an ihren Karrieren bastelten und Kinder grosszogen.»
 
Das Leiden gehört zum Menschen: der Abschied von Träumen, der Schmerz von Enttäuschungen und Misserfolgen, die Trauer des Loslassens, wenn Kinder selbstständig werden, der Verlust eines lieben Menschen. Man will darüber diskutieren, das Leiden eliminieren, weil es keinen Sinn macht.
 
Vom Kreuz herabsteigen zu wollen, ist keine blasphemische Frage: Ist Leiden gottgewollt? Auch Jesus stellte genau diese Frage an Gott: «Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.» (Mt 26,39) Jesus entflieht nicht, auch wenn er den Wunsch danach hat, sondern er ist bereit, solidarisch mit der gesamten Menschheit zu bleiben – auch im Leiden. 
 
Auch eine Krankheit kann nicht geheilt werden, wird sie nicht angenommen. Heilsamer Umgang mit Leiden ist nur dort möglich, wo es angenommen worden ist:
• Angenommen in Solidarität mit anderen: Leiden hat den Sinn, solidarisch zu sein mit vielen anderen. «Mein Bett war eine Insel im trostlosen Meer meines Zimmers. Doch ich wusste, dass es in Dörfern und Städten auf der ganzen Welt noch andere Menschen gab, die durch Krankheit oder Verletzung ans Haus gefesselt waren. Und wie ich da in meinem Bett lag, fühlte ich mich mit ihnen allen verbunden.» (E. T. Bailey)
• Angenommen als Aufgabe für andere: Über ihre Besucher schreibt Bailey: «Ich merkte, dass ich sie an all das erinnerte, wovor sie sich fürchteten: an Zufall, Ungewissheit, Verlust, den schmalen Grat der Sterblichkeit. Wir Kranken sind die Hüter der geheimen Ängste all jener, die bei guter Gesundheit sind.» Würden wir die Kranken aus unserer Gesellschaft eliminieren, würden wir uns dieser Erinnerungsinstanz berauben. 
• Angenommen als Solidarität mit Christus, der für die Welt leidet: Apostel Paulus sagt es mit den Worten: «Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben, was an den Leiden Christi noch fehlt.» (Kol 1,24) 
Dass Jesus sich um die Leidenden kümmerte, zeigte er während seiner Wanderjahre: Den Kranken und Behinderten galt seine Zuneigung. Er ist ihnen nicht ausgewichen. Und er ist seinem eigenen Leiden nicht davongelaufen. 
Jesus ist überzeugt, dass sein Lebensweg durch Spott, Leiden und Kreuzigung zur Auferstehung führen wird. Nach dem Johannesevangelium spricht Jesus: «Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.» (Joh 3,16)
 
Kein schlechtes Gewissen
 
Weil Christus auferweckt worden ist und mit uns solidarisch ist im schmerzlichen Leiden, im herzzerreissenden Abschied, dürfen wir Hoffnung haben: Hoffnung in unserem Leiden, Hoffnung in unserem quälenden Sterben – Hoffnung auf Auferweckung und Vollendung. 
 
Deshalb schliesst jedes Angelus-Gebet mit dem Satz: «Lass uns durch sein [Christi] Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen.»
 
Wir dürfen seither mit Gewissheit darauf setzen, dass Gott uns auch im Leiden, im unerklärlichen, im unschuldigen Leiden nicht allein lässt – sein Sohn lebte in dieser Gottferne, in dieser Ausgesetztheit, in dieser Offenheit und Antwortlosigkeit, er litt bis ins Äusserste. Wenn Gott schon dorthin gegangen ist, dann müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, wenn Leiden uns trifft.
 
 
Der Autor
Ein Patristiker und Pilger
Franz Mali ist Professor für Patristik, Geschichte der alten Kirchen und christlich-orientale Sprachen an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Geboren ist Franz Mali 1960 in Österreich, wo er zum katholischen Priester geweiht wurde. Nach Studienaufenthalten in Italien, Deutschland und Russland hat er sich 1999 in Freiburg niedergelassen. Der Schwerpunkt seiner akademischen Tätigkeit liegt in der griechischen und syrischen Patristik. Neben seiner universitären Tätigkeit hilft er ehrenamtlich in der Seelsorge. 2011 ist er zu Fuss nach Jerusalem gepilgert. uh