Freiburg 13.04.2019

Wie weit geht das Vertrauen?

Die Podiumsteilnehmer hatten zum Teil unterschiedliche Vorstellungen über die Funktion des öffentlichen Dienstes.
Was sind die Unterschiede zwischen einer Anstellung im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft? Eine Tagung ging dieser Frage nach – und fand dabei Gemeinsamkeiten.

Der öffentliche und halböffentliche Dienst werden allzu oft nur als Kostenfaktor abgetan: Diese These stand im Zentrum einer «Volksversammlung» gestern in der Aula Miséricorde der Uni Freiburg.

Der Anlass des Staatspersonalverbands Fede und des Personals der Sozialen Institu­tio­nen ging an einem runden Tisch der Frage nach, wie der öffentliche Dienst im Vergleich zur Privatwirtschaft dasteht. Der Unternehmer und Grünen- Politiker Gerhard Andrey meinte: «Gemeinsam ist beiden Sektoren, dass alle Mitarbeiter etwas zum Wohl der Gesellschaft beitragen wollen. Alle wollen es möglichst gut machen und mitbestimmen.»

Der Genfer Maxime Morand, früherer Personalchef bei Lombard Odier, warf einen kritischen Blick auf den Staatsdienst. Er wies darauf hin, dass der Absentismus – also das Fehlen am Arbeitsplatz – bei Staatsbetrieben hoch sei. Im Kanton Genf werde 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts dafür verwendet, den Staatsapparat am Laufen zu halten. «In den Staatsdienst gehen durchschnittlich mehr Kilogramm Hirn als in den Privatsektor.»

«Es muss nicht rentabel sein»

Die Freiburger SP-Gemeinderätin und Grossrätin Andrea Burgener Woeffray entgegnete: «Die Arbeit im öffentlichen Dienst muss nicht unbedingt rentabel sein. Aber sie ist ein Bestandteil zum Funktionieren unserer Gesellschaft.» Deshalb sei auch die Wertschätzung für das Personal wichtig. «Mein Problem bei der Stadt ist nicht der Absentismus, sondern die Überstunden. Wie geht man damit um, damit es für alle passt?», fragte sie.

Die kantonale Gesundheitsdirektorin Anne-Claude Demierre (SP), betonte: «Der öffentliche Dienst gerät seit einigen Jahren immer mehr unter Druck. Die Bevölkerung ist stetig gewachsen, und wir sind ein junger Kanton, was nach gewissen Investitionen verlangt.» Sie erlebt das Staatspersonal als engagiert, es glaube an seine Arbeit: «Es sorgt für bessere Lebensbedingungen der Freiburger.»

Der oberste Personalchef des Kantons, Staatsrat Georges Godel (CVP), sagte, gewisse Dienstleistungen wie die Steuerverwaltung könne man nicht an Private auslagern. Beim Strassenunterhalt wäre dies eher denkbar. Er präsentierte den Kanton als fortschrittlichen Arbeitgeber, der mit der Digitalisierung einen grossen Wandel vorantreibe.

Gerhard Andrey erklärte, dass in seinem Unternehmen die Hierarchien abgeschafft wurden. Wenn der Staat seinem Personal «erlaube», Home Office zu betreiben, so sei das in seiner Firma selbstverständlich. Er forderte: «Man sollte seinem Personal eher vertrauen, statt es zu kontrollieren.» Maxime Morand ergänzte: «Eine zu enge Kontrolle des Personals verursacht Kosten und mindert die Effizienz. Es sind nur wenige Angestellte, die Reglemente nicht respektieren. Und im Betrieb wissen sowieso alle, wen es betrifft.»

«Man sollte seinem Personal eher vertrauen, statt es zu kontrollieren.»

Gerhard Andrey

Unternehmer