Freiburg 10.10.2016

«Wir wollen eine alternative Kraft sein»

Der Tisch mit 14 Plätzen als Anspielung: 14 Personen kandidieren für den Staatsrat, aber nur sieben können gewählt werden.
Bild Charles Ellena
Claudio Rugo und Jessica Goodwin kandidieren für den Staatsrat. Mit ihrer Künstlerpartei wollen sie eine Alternative zu den traditionellen Parteien bieten. Als Ratgeber für «richtiges Denken» sehen sie sich aber nicht.

Sie wollten Würze in den Politikbetrieb bringen, sagen Jessica Goodwin und Claudio Rugo. Fröhlich albern sie rum, während sie sich für den Fotografen in Szene setzen an ihrem Ort der Zukunft: der Tafelrunde auf dem Platz Nova Friburgo im Burgquartier. «Das ist für mich ein Symbol der Kreativität, von Urbanismus. Das Tischtuch, welches von Quartierbewohnern gestaltet wurde, ist für mich Ausdruck von Partizipation und Proaktivität. Man muss selber etwas tun, um etwas zu verändern», begründet Jessica Goodwin die Wahl des Tisches. Sie spricht schnell und ist stets bedacht, die richtige Formulierung zu finden. Wenn man selber etwas tue, dann würden die Menschen dies auch unterstützen. So könne man zum Beispiel niemanden zu Nachhaltigkeit verdonnern. Der Wille dazu müsse von Herzen kommen.

Für Claudio Rugo versinnbildlicht der Tisch die Ausgangslage bei den Wahlen für den Staatsrat vom 6. November. Es gibt genau so viele Kandidaten wie Sitze an diesem Tisch, nämlich 14. «Aber es können nur sieben gewählt werden», freut sich Rugo schelmisch – irgendwie als ob er schon jetzt zu den Gewinnern gehören würde.

Global denken

Mit ihrer Staatsratskandidatur gibt Jessica Goodwin ihren politischen Einstand. «Gleich für den Staatsrat zu kandidieren, das ist ein wenig waghalsig, aber ich gebe mich nicht vor der Schlacht geschlagen.» Sie denke, dass sie Qualitäten mitbringe, die nützlich sind, zum Beispiel ihre «Spontaneität in der Professionalität», wie sie sagt. Und obwohl sie stolz sei auf das Land, in dem sie lebe, und seine politischen Institutionen, findet Goodwin gewisse Aspekte rückständig. «Freiburg ist zum Teil innovativ, ohne wirklich innovativ zu sein.»

Konkret denkt sie an die Start-ups, die viel zu wenig stark gefördert würden. Im Rahmen der Neuen Regionalpolitik würde sie darum zum Beispiel Projekte fördern wollen, die ländliches und städtisches Wirtschaften verbinden. Stichworte seien etwa Agritourismus, neue Zuchtmethoden, Abfallbewirtschaftung, Jugendherbergen.

Goodwin denkt aber auch an den Rückstand in der Internet-Administration. Dabei bedauert die nicht zuletzt von Berufs wegen – sie ist Grafikdesignerin – computeraffine Staatsratskandidatin, dass E-Voting für Schweizer im Inland immer noch nicht möglich ist. «Dabei würden damit gerade jene angesprochen, die uns möglicherweise wählen würden.» Goodwin ist grundsätzlich die Internetfreiheit ein Anliegen.

Insgesamt sei man sich in Freiburg zudem zu wenig der globalen Bewegungen bewusst, sei es in Bezug auf die Migration von Menschen, aber auch bezüglich Güter und Finanzen.

Für den kleinen Mann

Bei Claudio Rugo liegt die Sache anders: «Mich hat die Politik gesucht», sagt er zu seinem politischen Engagement. «Eigentlich wollte ich einst Koch werden. Da ich aber seit 35 Jahren Vegetarier bin, wäre das schwierig gewesen. Also wurde ich Musiker.» In Brasilien habe er einen Lehrer gehabt, der sich immer infrage gestellt habe. Er sei für ihn stets ein Vorbild gewesen. «Während ich früher allein gegen alle gekämpft habe, möchte ich mich heute gerne der Welt öffnen», erklärt Claudio Rugo. Er finde aber auch Gefallen daran, «immer da zu sein, wo mich niemand erwartet, wie beim Dropping in der Musik». Da er schliesslich als Musiklehrer bei den ausserschulischen kulturellen Aktivitäten der Stadt Freiburg Ärger bekommen habe, sei er in die Politik gegangen.

Stolz erzählt Rugo, dass er dabei auch schon erste Erfolge eingefahren habe. «Mein erstes Postulat als Generalrat hat die Stadt bereits positiv beantwortet. Es gehe darum, dass sich künftig eine externe Unternehmung um Mobbing bei Stadtangestellten kümmert und nicht der Personalverantwortliche der Stadt. Ein zweites Postulat, das eine Neubeurteilung der Einstellungsbedingungen von Lehrpersonen im Bereich Mini-Bühne anstrebt, hat Rugo auch schon verfasst.

Seine rebellische Seite sieht der 50-Jährige im Klassenkampf. «Ich möchte mich für jene einsetzen, die sich nicht selber wehren können», sagt Rugo. Dieses Ziel wird auch in den Statuten der Künstlerpartei formuliert.

«Wir sind der Staat!»

Den beiden Staatsratskandidaten ist im Weiteren der freie Zugang zu Kultur und Wissen wichtig. Dabei betonen sie aber, dass es ihnen nicht um mehr Subventionen für Kunstschaffende gehe, wie ihnen oft fälschlicherweise unterstellt werde.

Dass sie trotz ihres Parteinamens nicht automatisch für alle Künstler, insbesondere die etablierte Kunstszene, reden könnten, ist Rugo und Goodwin bewusst. Ihnen gehe es vielmehr um einen künstlerischen Blickwinkel auf die Dinge, erklärt Rugo. Und Goodwin meint: «Ich hatte nie Lust, in einer der traditionellen Parteien mitzumachen mit ihren starren Identitäten, wo ich keinen Einfluss nehmen kann.» In der Politik seien zudem vor allem Leute mit Universitätsabschluss vertreten, ergänzt Rugo. Sie wollten aber die Idee verkörpern: «Wir sind der Staat, der Künstler ist fester Bestandteil des Staates!»

Kein Sammelbecken

Dass sie und ihre Partei noch wenig fassbar seien, habe einerseits damit zu tun, dass die Künstlerpartei noch sehr jung sei, räumen beide Kandidaten ein. Teilweise sei es aber auch Programm. «Wir verstehen uns nicht als Handbuch für richtiges Denken», sagt Goodwin. Gemäss Statuten ist die Künstlerpartei weder rechts noch links. Es gehe ihnen vielmehr um die Verschiedenartigkeit der Menschen, betont Goodwin. Proaktiv wolle die Partei sein und nicht ein Sammelbecken für Unzufriedene. «Wir kämpfen gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung», stellen Rugo und Goodwin klar.

Konstruktiv ...

«Ich nehme die Dinge nicht auf die leichte Schulter, ich will nicht alle Errungenschaften wegfegen. Ich möchte konstruktiv sein», sagt Goodwin zum Abschluss des Gesprächs und liefert damit auch eine Vorstellung von ihrem Führungsstil, den sie als Staatsrätin praktizieren würde. Ihre Wunschdirektion wäre die Erziehungs-, Kultur- und Sportdirektion, aber auch die Raumplanungs-, Umwelt- und Baudirektion.

... und offen

Claudio Rugo seinerseits möchte für alle Angestellten ein offenes Ohr haben, sollte er gewählt werden. «Ich kann gut mit Zahlen umgehen. Die Finanzdirektion könnte ich mir daher gut vorstellen», meint er. Aber auch die Erziehungs-, Kultur- und Sportdirektion würde ihn reizen.

Zur Person

Der Mann mit der Borsalino-Mütze

Der in Freiburg geborene Claudio Rugo hat italienische Wurzeln. Er ist 50-jährig und verheiratet. Nach der Matura am Kollegium St. Michael wurde er Berufsmusiker. Neben seiner Konzerttätigkeit als Gitarrist unterrichtet er auch. Rugo hat ein eigenes Jazz-Quartett und schrieb 2001 das Album «2 mondes» mit Jessica Goodwin. Zudem war er Arrangeur für Toni’s Big Band. 2016 wurde er mit seiner Künstlerpartei in den Freiburger Generalrat gewählt. Rugo kandidiert nicht nur für den Staatsrat, sondern auch für den Grossen Rat.

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Zur Person

Temperamentvoll und kommunikativ

Jessica Goodwin ist 40-jährig, in der Dominikanischen Republik geboren und in der Westschweiz gross geworden. Die Mutter eines 14-jährigen Sohnes war zunächst als Videojournalistin tätig, bevor sie am Emaf Multimedia studierte und als Beste ihres Jahrganges abschloss. 2006 gründete sie ein eigenes Unternehmen für visuelle Kommunikation. 2012 absolvierte sie den Master als Grafikdesignerin. Daneben ist sie als Jazz- Sängerin unterwegs, unter anderem mit Claudio Rugo. Neben dem Staatsrat kandidiert Goodwin auch für den Grossen Rat.

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Abseits der Politik

Vater der freien Software oder Dalai Lama

Die FN haben den beiden Staatsratskandidaten der Künstlerpartei auch einige unpolitische Fragen gestellt.

Wie viel Zeit verbringen Sie morgens im Badezimmer?

Claudio Rugo: Das hängt davon ab, ob ich mich rasiere. Wenn ja, eine halbe Stunde, sonst 10  Minuten.

Jessica Goodwin: fünf Minuten.

Welche Musikstilrichtung sagt Ihnen am meisten zu?

Rugo: Mein Idol ist der Jazz-Gitarrist Wes Montgomery. Ich mag aber auch Bossa-Nova.

Goodwin: Jazz, alter Rock (Frank Zappa) oder Funk.

Wie viele Autos gibt es in Ihrem Haushalt?

Rugo: eines, das ich vor allem für den Transport von Musikmaterial benutze.

Goodwin: keins.

Was ist Ihr Lieblingsspiel auf dem Smartphone?

Rugo: Ich spiele nur auf dem Computer Schach.

Goodwin: Ich habe kein Handy.

Mit welcher Person würden Sie manchmal gerne die Rolle tauschen?

Rugo: mit dem Dalai Lama oder mit Gandhi.

Goodwin: Richard Stallman. Er ist der Vater der freien Software.

Wenn Sie die Schweiz verlassen würden, wo würden Sie am liebsten leben?

Rugo: nach Kuba, wo ich auch Verwandte habe.

Goodwin: Ich würde in ein autark funktionierendes Ökodorf im Amazonasgebiet gehen, zur Göttin Pachamama.

Falls Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt würde: Was würden Sie ihm in einem Glückwunschtelegramm schreiben?

Rugo (lacht): Qu’il ne Trump pas sa femme! Nein, im Ernst: Dass er die Menschen respektieren möge, weil sie genauso zählen wie jeder Dollar.

Goodwin: Es tut mir leid für das amerikanische Volk, für Sie freu ich mich. C’était votre déstinée manifestement.

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