FREIBURG 12.12.2018

Zweisprachigkeit und Sprachenpolitik

Der Freiburger Historiker und Politikwissenschaftler Bernhard Altermatt.
Der Freiburger Historiker und Politikwissenschaftler Bernhard Altermatt hat ein neues Buch über das Verhältnis von Deutsch und Welsch im zweisprachigen Kanton Freiburg geschrieben.

Die Zweisprachigkeit gehört zur Identität des Kantons Freiburg. Nun gibt Kultur Natur Deutschfreiburg (KUND), der Nachfolgeverein des Heimatkundevereins und der Deutschfreiburgischen Arbeitsgemeinschaft, am 15. Dezember erneut ein Buch zu dieser Thematik heraus. Das 350-seitige Werk trägt den Titel «Sprache und Politik, Zweisprachigkeit und Geschichte». Geschrieben hat es der Stadtfreiburger Historiker und Politikwissenschaftler Bernhard Altermatt. Für KUND-Mitglieder ist das Buch gratis.

Die Schrift erscheint in einer Auflage von 2000 Exemplaren als zweiter Band der Reihe «Neue Freiburger Bibliothek» im KUND-Eigenverlag, nach dem ersten Band, Pascal Aebischers Anthologie von Moritz Boschungs Arbeiten, der vom Jahr 2013 datiert.

Entlang der Sprachgrenze

Altermatts thematische Kapitel werden ergänzt durch zwei Fotoreportagen entlang der Sprachgrenze, für die eine Deutschfreiburger Fotografin und ein welscher Fotograf verantwortlich zeichnen: die 39-jährige Nadine Andrey und der 41-jährige Pierre-Yves Massot. Die Kontakte zu den beiden etablierten Fotokünstlern vermittelte das KUND-Vorstandsmitglied Charles Folly, der das Buch tatkräftig begleitete.

Nadine Andreys Konzept trägt den Titel «Ost-West». Die Fotografin hat im Laufe einer einzigen, 22-stündigen Session an verschiedenen Orten an der Sprachgrenze jeweils den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang vom gleichen Ort aus fotografiert. So sind ein Dutzend interessanter Stimmungsbilder entstanden. Pierre-Yves Massot ist seinerseits im Frühjahr vom Vully bis zur Wandfluh der Sprachgrenze entlang gewandert und hat dabei rund 100 Fotos für das Buch produziert.

Bern, Wallis und Graubünden

An seinem textlichen Teil hat Altermatt insgesamt ein Jahr lang gearbeitet; die einzelnen Beiträge stammen aber aus zehn Jahren wissenschaftlicher und publizistischer Arbeit, die der Autor zusammengetragen, aktualisiert und erweitert hat.

Der Band ist in drei Teile unterteilt: Im ersten geht es um die Mehrsprachigkeit im gesamtschweizerischen Kontext, wobei Altermatt den Kanton Freiburg namentlich mit den anderen mehrsprachigen Kantonen der Schweiz in Bezug setzt: dem Wallis, Bern und Graubünden. In diesen dreien ist die Situation laut dem Autor nicht eins zu eins mit der in Freiburg vergleichbar. «Im Kanton Wallis gibt es mit Sitten und Brig zwei klare sprachregionale Zentren», so Altermatt. «Ausserdem ist die eigentliche Sprachgrenze aufgrund der geografischen Struktur des Kantons viel kleiner und verläuft nicht wie in Freiburg über lange Strecken durch dichtestes Siedlungsgebiet.»

Der Kanton Graubünden wiederum sei ebenfalls durch die verschiedenen Talschaften viel kleinkammriger unterteilt als Freiburg. Ausserdem fänden sich dort nicht zwei, sondern mit Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch gleich drei Amtssprachen, zu denen noch die konfessionelle Differenz zwischen Katholizismus und Protestantismus dazukomme. Und im Kanton Bern sei das Übergewicht der einen Sprache – des Deutschen – ungleich höher als im Kanton Freiburg.

Der Mythos Germanisierung

Im zweiten Teil des Buches geht es dann um die eigentliche Freiburger Zweisprachigkeit. Dabei thematisiert Altermatt auch den «Mythos von der Germanisierung». Dieser sei ein historisch bedingtes Schreckgespenst, das heute jeglicher Grundlage entbehre. «Im 19. Jahrhundert haben sich sehr viele Bauern aus dem Bernbiet im Kanton Freiburg niedergelassen», so Altermatt. Sie hätten sich aber sehr rasch assimiliert, und ihre Kinder seien meist zu zweisprachigen Frankofonen geworden. Zudem habe es im Süden des Kantons eine ebenso starke Einwanderungswelle aus dem Waadtland und anderen welschen Gebieten gegeben.

Der dritte Teil des Werks widmet sich schliesslich der spezifischen Problematik der Zweisprachigkeit im Freiburger Bildungswesen. Hier unterstreicht Altermatt vor allem, dass es sehr lange gegangen sei, bis eine zweisprachige tertiäre Weiterbildung im Kanton – ausserhalb der Universität – für die Deutschfreiburger möglich geworden sei. Das gelte namentlich für das Landwirtschaftliche Institut Grange­neuve und für die Fachhochschulen.

Bernhard Altermatt. Sprache und Politik, Zweisprachigkeit und Geschichte. Mit zwei Fotoreportagen entlang der Sprachgrenze von Nadine Andrey und Pierre-Yves Massot. Freiburg (Kultur Natur Deutschfreiburg): 2018. Neue Freiburger Bibliothek (NFB), Band 2. 350 Seiten. Fr. 39.–.

«Im Kanton ­Wallis gibt es mit Sitten und Brig zwei ­klare sprachregionale Zentren.»

Bernhard Altermatt

Historiker und Politikwissenschaftler

«Im 19. Jahrhundert haben sich sehr viele Bauern aus dem Bernbiet im Kanton Freiburg ­niedergelassen.»

Bernhard Altermatt

Historiker und Politikwissenschaftler