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Keine Angst vor Widersprüchen

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Wenn Sie einen ungeliebten Menschen beleidigen wollen, dann werfen Sie ihm einfach Widersprüchlichkeit vor. Das wirkt auf die meisten so, als wären sie nicht ganz dicht, als hätten sie irgendwo ein Leck. Ich hatte auch lange Angst davor. Jetzt nicht mehr. Ich habe mich mit der Widersprüchlichkeit versöhnt. Mehr noch, ich bin zu einem Freund des inneren Widerspruchs geworden.

 

So bin ich zum Beispiel grundsätzlich dafür, den Privatverkehr aus den Innenstädten zu verbannen, ärgere mich aber eben so grundsätzlich, wenn ich einmal vergeblich einen Parkplatz suche. Die heutige Massentierhaltung erinnert mich an ausgeklügelte Foltermethoden, aber beim magischen Wort Cordon bleu auf der Speisekarte fällt meine Tierethik wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Mein Leben ist ein einziges Minenfeld von Widersprüchen. Ein drastisches Bild für einen, der zur Gewaltlosigkeit neigt, ich weiss. Da sehen Sie, wie weit die Widersprüchlichkeit in mir schon gediehen ist.

 

Als Freund des inneren Widerspruchs bin ich allerdings in guter Gesellschaft. Einstein, Jahrhundertgenie und Pazifist, behandelte seine Frau wie ein Widerling. Jean Jacques Rousseau, Verfasser eines grandiosen Erziehungsromans, steckte seine eigenen Kinder aus Überforderung in ein Waisenhaus. Nietzsche, der die Frauen mit der Peitsche zähmen wollte, bekam vor der schönen Lou Salomé weiche Knie. Milos Forman entdeckte im Jahrhundertgenie Mozart einen vulgären Kindskopf.

Wenn wir schon dabei sind: Was ist mit dem heiligen Niklaus von Flüe? Fügt dem bevölkerungsarmen Stand Obwalden zehn Kinder hinzu und verschwindet kurzerhand von der Bildfläche. Und – als ob er im Wettkampf der Widersprüchlichkeiten unbedingt auf dem Siegespodest stehen wollte – spricht Papst Pius XII zu Rom nicht etwa die im Stich gelassene Dorothea Wyss heilig, die sich für die kinderreiche Familie abrackerte, sondern den kauzigen Einzelgänger aus dem Ranft.

 

Lauter sympathische Querköpfe, werden Sie jetzt denken. Aber aufgepasst, es gibt auch eine schwarze Liste der Widersprüchlichen: Hitler war bekanntlich Vegetarier (was sein Biograf Robert Payne allerdings mehr auf Verdauungsbeschwerden als auf die Tierliebe des Führers zurückführte). Stalin, der über 20  Millionen Menschen auf dem Gewissen hatte, liess sich von Mozarts Klavierkonzert in d-Moll zu Tränen rühren. Ach so, Sie möchten lieber aktuellere Beispiele. Also gut, nehmen wir Trump, diesen Spitzensportler der Widersprüchlichkeit. Ach nein, den lassen wir lieber, sonst käme ich mit meiner Aufzählung an kein Ende. Denn eigentlich wollte ich Ihnen ja bloss erklären, warum ich dazu neige, mich immer wieder mit meinen eigenen Widersprüchen zu versöhnen.

Ganz einfach, weil es kein Leben ohne Widersprüche gibt. Weil wir Menschen nicht ohne sie auskommen, die Genies ebenso wenig wie die Spiesser, die Heiligen ebenso wenig wie die Massenmörder. Deshalb sollten wir es aufgeben, sie stets bei andern, nur nicht bei uns selbst zu suchen. Das heisst nicht, alle Widersprüche zu dulden oder gar mit ihnen zu kokettieren. Es heisst nur, dass der Widerspruch zur Grundverfassung des Menschen gehört. Dass die meisten von uns weder Engel noch Teufel sind, sondern ­etwas dazwischen, und dazwischen klafft der ungeheure Abgrund der Widersprüchlichkeiten. Um es in der hellsichtigen Sprache von Michel de Montaigne zu sagen: «Ich habe auf der ganzen Welt bisher kein ausgeprägteres Monster und Mirakel gesehen als mich selbst.»

 

Herbert Wehner, ein sozialdemokratisches Urgestein, wurde einmal während eines Votums im Deutschen Bundestag von einem Gegner daran erinnert, dass er unlängst genau das Gegenteil behauptet habe. Wehner, von diesem Vorwurf unbeeindruckt, soll lapidar geantwortet haben: «Auch die politische Opposition kann nicht verhindern, dass ich jeden Tag gescheiter werde!»

Widersprüche nicht um alles in der Welt verleugnen oder verdrängen zu wollen, sondern sie auszuhalten und daraus eine Haltung zu entwickeln, halte ich für ein Zeichen menschlicher Reife. Sie können es meinetwegen widersprüchlich nennen.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig zu selbst gewählte Themen.

 

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