26.04.2019

Auch Mittelmass macht Spass

«Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter», las ich neulich auf einem Zuckerbeutel. Krass, dachte ich. Man weiss ja, dass zu viel Zucker einen frühen Tod bedeutet, aber dass es gleich so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht. Erst beim zweiten Hinschauen merkte ich: Das ist gar kein Warnhinweis vom Bundesamt für Gesundheit. Sondern eine Lebensweisheit. Oder eher eine Lebensdummheit.

Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich nur eines tun: meine Liebsten in den Arm nehmen und nicht mehr loslassen. Nun ist es ja sicher nicht falsch, täglich seine Liebsten zu herzen. Aber eine tagesfüllende Beschäftigung ist das nicht. Und das meinen die Glücksgurus und die Freizeit- und Konsumindustrie auch nicht, wenn sie uns diesen Satz um die Ohren hauen. Ihnen geht’s um was ganz anderes: Fun bis zum Exzess. Downhill am Mount Everest. Tauchkurs auf Bali. Bungee Jumping im Hölloch. Ganz intensiv leben, mit jeder Faser des Körpers; gierig das Mark des Lebens aufsaugen, um nicht auf dem Sterbebett zu merken, dass man gar nicht gelebt hat. Und natürlich alles als Instant-Erlebnis buchbar.

Wahnsinnig anstrengend. Und total egoistisch: Noch einmal Eisbären in der Arktis sehen, bevor es beides nicht mehr gibt. Auf Teufel komm raus Spass haben und nach mir die Sintflut. Vor allem aber geht mir dieser unselige Optimierungswahn auf den Keks: Jeder Moment muss magisch sein. Jeder Tag perfekt. Darunter geht’s nicht. Dabei macht doch auch Mittelmass Spass. Und lauwarm leben ist auch kein Verbrechen.

Je länger ich über den Spruch nachdachte – kurzer Einschub für die jüngeren ­Leser: Nachdenken ist wie ­Googeln, nur krasser, weil man es selber machen muss und meistens nicht innert Sekunden auf 27 245 876 Resultate kommt, sondern auch nach Stunden auf gar keines –, als ich also über den Spruch nachdachte (okay, ich googelte), stiess ich auf einen weiteren Satz: «Lebe jeden Tag so, als wäre es dein erster.» Sich die Neugierde und das Staunen eines Kindes bewahren. Jeden Morgen aufs Neue erstaunt und beglückt merken, dass man nicht alleine im Bett liegt. Schön. Aber auch nicht sehr praktikabel. Denn seien wir ehrlich. Es braucht doch im Leben auch Routine, Vertrautheit, Gewissheit, Verlässlichkeiten. Sie sind der Boden, auf dem das Glück erst spriesst. Oder nicht?

Und übrigens muss man zuerst Zeit säen, bevor man den Tag pflücken kann. Ich weiss zwar nicht genau, was ich damit meine. Tönt aber gut – und würde sich als Spruch gut machen auf einem Zuckerbeutel.