Daniel Wegmann 23.11.2017

Ausgerechnet Robinien!

Vor knapp drei Monaten ist meine Forschungsgruppe in ein neues Gebäude umgesiedelt, einen schicken Holzbau, erbaut als temporäre Lösung für die kommenden dreissig Jahre. Seither kämpfen wir mit den typischen Kinderkrankheiten solcher Neubauten. Das hochintelligente Gebäude entscheidet zum Beispiel selber, wann und wo das Licht brennt, wobei es sich streng nach physikalischen Gesetzen richtet und nur ausnahmsweise auf unsere Tätigkeiten Rücksicht nimmt. Auch blockiert es wegen der Frostgefahr die Storen bei Temperaturen unter sechs Grad. Zum Glück hatte ich meine Ende Oktober noch hochgezogen! Immerhin wurde an den Fenstern der Herrentoiletten kürzlich ein Sichtschutz angebracht. Jetzt ist zwar die Aussicht beim Wasserlassen etwas getrübt, dafür ist die Arbeitsmoral in den Labors gegenüber merklich gestiegen.

Getrübte Aussichten zeichnen auch unsere Büros aus, denn das Gebäude verkörpert das Versprechen des Kantons zu verdichtetem Bauen exemplarisch. So sind die giftig-grellen Wände des Korridors das einzige Grüne, das wir von unseren Arbeitsplätzen aus sehen. Um den ökologischen Fussabdruck der Universität zu minimieren, nehmen wir das jedoch gerne in Kauf, und erfreuen uns jetzt umso mehr an all den Bäumen und Sträuchern in der Umgebung. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn schräg vor dem Gebäude steht ein Essigbaum (Rhus typhina) und gleich um die Ecke, entlang der Berufsfachschule an der Giessereistrasse, steht eine Reihe Falscher Akazien (Robinia pseudoacacia), auch Robinien genannt. Ausgerechnet Robinien!

Ich bin von Natur aus ein toleranter Mensch (Homo sapiens), sogar was des Nachbarn Kreativität und Gestaltungswut im Garten angeht. Aber Essigbäume und Robinien! Sollten Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser, meinen Unmut nicht nachvollziehen können, möchte ich anmerken, dass Robinien und Essigbäume auf der Schwarzen Liste der invasiven Arten stehen und der Bund für Letztere sogar ein Freisetzungsverbot verhängt hat.

Invasive Arten oder Neobiota sind gebietsfremde Arten, welche sich jedoch sehr schnell verbreiten und dabei die heimische Biodiversität bedrohen. Viele der invasiven Pflanzenarten wurden einst gezielt als Gartenpflanzen oder Parkbäume eingeführt, oft weil sie im Vergleich zu lokalen Arten pflegeleichter sind. Die meisten stellen kein Problem dar. Einige fühlen sich aber leider bei uns so wohl, dass sie sich auch ausserhalb der Gärten und Pärke verbreiten, und im schlimmsten Fall grosse Flächen mit ehemals lokaler Flora überwuchern.

Diese Invasoren richten neben ökologischem oft auch erheblichen ökonomischen Schaden an. Der aktuell am meisten gefürchtete Neophyt in der Schweiz ist das harmlos klingende Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia), welches im Englischen zu Recht ragweed oder Fetzenkraut geschimpft wird. Dieses führt nicht nur zu grossen Ernteausfällen speziell beim Anbau von Soja und Sonnenblumen, sondern stellt wegen seines hochallergenen Pollens auch ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar. Die Bekämpfung solcher invasiven Arten ist sehr kostspielig: So investiert die Schweiz zum Beispiel jährlich rund eine halbe Million Franken, um invasive Goldruten (Solidago canadensis und Solidago gigantea) aus Flachmooren zu entfernen.

An der Universität Freiburg befassen sich weltweit führende Forscherinnen und Forscher mit invasiven Arten. Eine Gruppe sucht zum Beispiel nach Strategien, um die Verbreitung des Traubenkrautes einzudämmen. Eine andere versucht, besser zu verstehen, was invasive Arten von solchen unterscheidet, die zwar bei uns eingeführt, aber nie invasiv werden. Die Hoffnung dabei ist es, in Zukunft gefährliche Arten frühzeitig zu erkennen. Wie wichtig eine solche Früherkennung ist, hat auch die offizielle Eidgenossenschaft erkannt, die mit der Parole «Früh erkennen – sofort handeln» die Behörden auf Kantons- und Gemeindeebene dazu anhalten will, invasive Arten gezielt zu bekämpfen.

Noch besser als Bekämpfen ist es aber, Neobiota gar nicht erst einzuführen, und schon gar nicht zu pflanzen. Mit der Entscheidung vor fünf Jahren, entlang der Route de la Fonderie ausgerechnet Robinien zu pflanzen, hat Freiburg eine Chance verpasst, genau wie beim verdichteten Bauen auch im Bereich der invasiven Arten beispielhaft vorzugehen. Daher mein Vorschlag: Bitte bei der nächsten Gelegenheit auf einheimische Arten setzen, um so auch zwischen den verdichteten Bauten den grösstmöglichen ökologischen Mehrwert zu schaffen.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse auf Grund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.