Daniel Wegmann 17.05.2018

Bsszzzzzzzzz … !

Haben Sie sich auch auf den Sommer gefreut? Auf die lauen Abende im Freien, aufs Schlafen bei offenem Fenster, auf das Vogelgezwitscher zu früh am nächsten Morgen? Ich auch – bis gestern.

Die Schönfärberei des Gehirns ist schon beeindruckend: Meine Erinnerungen an den letzten Sommer suggerieren dauerhaft schönes Wetter, gemütliche Abende und erholsamen Schlaf. Auch beim besten Willen kann ich mich nicht daran erinnern, jede Nacht von diesen heimtückischen Biestern heimgesucht worden zu sein. Aber seit gestern sind sie wieder da. Scheiss Mücken!

Okay, es war nur eine. Aber wo eine ist, gibt es bald Tausende, denn ein einziges Weibchen legt über hundert Eier nach einer einzigen wohlschmeckenden Blutmahlzeit. Und trotz vehementer Gegenwehr meinerseits zog das Mistvieh gestern mit vollem Magen davon. Zugegeben, die knauserigen 0,005  Milliliter werden meine Gesundheit nicht dramatisch beeinträchtigen. Immerhin müssten sich über eine Million Mücken zusammenraufen, um mich auszusaugen. Da ich jetzt aber nur einhändig tippen kann (man muss sich schliesslich kratzen), dauert es fast doppelt so lang, um diesen Text auf den Bildschirm zu kriegen.

In der Schweiz treten um die 100 Stechmückenarten auf. Nicht alle sind so lästig wie Cu­lex pipiens, welche auf Deutsch treffend als Gemeine Stechmücke bezeichnet wird. Meine Kol­legen aus der Syste- matik möch­ten mich jetzt sicher darauf hinweisen, dass sich die­- se Präzi­sierung auf das grosse geografische Vorkommen und die Häufigkeit dieser Art be­- zieht. Zum Glück lässt die deut-­ sche Sprache aber auch emotio­- nalere Interpretationen zu.

Der emotionale Gemütszustand von Carl von Linné, als er der Art im 18. Jahrhundert ihren lateinischen Namen gab, lässt sich nur erahnen. Übersetzt bedeutet dieser so viel wie die piepende oder zwitschernde Stechmücke. Als gebürtiger Schwede assoziierte Carl von Linné die lieblich zwitschernden Mückchen vielleicht so sehr mit Sommer, dass er sich ihrer an dunklen Wintertagen nur mit Schwermut erinnerte. Mir raubt ihr Piepen den Schlaf.

Es ist jede Nacht dasselbe. Kaum beginne ich in sanfte Träume zu entschwinden, höre ich ein hohes Bsszzzzzzzzz, das sich langsam meinem Ohr nähert. Mit ihren perfektionierten Sensoren sind weibliche Mücken magisch angezogen vom CO2, das ich ausatme, und dem Para-Kresol, das ich ausdünste. Überschreitet das Gepiepe eine angeborene Schallgrenze, bin ich in einem angeregten Wachzustand und schlage hysterisch um mich. Im Dunklen bin ich zu unbeholfen, um die Angreiferin nachhaltig von ihrem Fortpflanzungsdrang zu kurieren. Immerhin zwangen meine Luftwirbel die schlechte Fliegerin zu einer Notlandung, glücklicherweise ausser Reichweite meiner vom erhöhten Puls strapazierten Arterien. Dort rüstet sie sich für den nächsten, kaltblütigen Angriff. Sie weiss um das Risiko: Sie wäre definitiv nicht die Erste, deren Leben ich ausgeklatscht hätte. Also wartet sie ruhig, bis sich mein Atem abgeflacht und sich mein Bewusstsein Träumereien hingegeben hat. Dann bringt sie vorsichtig ihre Schwingkörperchen in Stimmung, breitet ihre Flügel aus … bsszzzzzzzzz … und alles beginnt wieder von vorn.

Wieso gibt es überhaupt Mücken? Und dann noch solche, die Krankheiten übertragen? Das ist natürlich eine überflüssige Frage, denn die Evolution schert sich einen Dreck um meinen Schlaf. Solange eine Art genügend erfolgreich ist, sich fortzupflanzen, kann sie existieren. Und erfolgreich ist die Strategie der Mücken zweifelsohne: Dank der unglaublichen Fertilität reicht es, wenn nur einige Weibchen mit ihrer Attacke erfolgreich sind. So flinke Hände, um das zu verhindern, hat die Menschheit nicht. Kein Wunder, hilft sie mit Pestiziden etwas nach.

Im Kanton Freiburg wird zum Beispiel regelmässig am Greyerzersee BTI gespritzt. BTI steht für ein natürlich vorkommendes Bodenbakterium. Dieser Nützling produziert einen Giftstoff, der gezielt Mückenlarven tötet, jedoch gemäss aktuellem Wissen für andere Tiere nicht oder kaum schädlich ist. Auch treten gegen die BTI-Giftstoffe (bisher) keine Resistenzen auf. Eins zu null für die Menschheit, ihr zwitschernden Zweiflügler!

Dummerweise dezimiert BTI aber auch Zuckmücken, welche an meinem Blut in keiner Weise interessiert sind; die meisten können nicht einmal stechen. Zuckmückenlarven sind die Hauptnahrung vieler heimischer Fische, und die kurzlebigen Adulten sind eine wichtige Beute von Vögeln für die Auf­- zucht ihrer Jungen. Ach, wieso ist immer alles so kompliziert! Vielleicht sollte ich einfach nach Island auswandern. Dort gibt es keine Stechmücken – natürlicherweise.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Uni Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er ist Mitglied einer FN-Autorengruppe, die hier natur­- wissenschaftliche Themen bearbeitet.