Kerzers 30.06.2020

Der Rolls-Royce unter den Brücken

Seit ihrer Sanierung im vergangenen Jahr erstrahlt die Kerzerser Passerelle in neuem Glanz.
Steht man vor der Passerelle in Kerzers, wirkt sie auf den ersten Blick reichlich unspektakulär. Sieht man jedoch genauer hin, zeigt sie ihren wahren nostalgischen Wert. Ein ZiG-Team hat sie zusammen mit einem Eisenbahnfan unter die Lupe genommen.

Beat Winterberger, ein – wie er selbst sagt – hoffnungsloser Nostalgiker, kann dem Betrachter den Charme der Passerelle in Kerzers am besten nahebringen. Die Leidenschaft für die Eisenbahn ist ihm anzumerken, und er setzt sich voll für seinen Verein Passerelle Kerzers ein. Für ihn ist der Bahnübergang mehr als eine normale Brücke: Es ist ein Projekt, in das er viel Kraft und Energie steckt.

1909 beginnt die Geschichte der Passerelle in Kerzers. Das Stahlfachwerk besteht, wie man erst später bemerkt, aus einem ganz besonderen Stahl: Er kommt aus Luxemburg, genauer gesagt von der Firma Differdingen, die bekannt ist für guten und langlebigen Stahl. Man könne also sagen, dass es eine qualitativ hochwertige Brücke sei, so Winterberger: «Das hier ist gewissermassen der Rolls-Royce des Stahls, wie er zum Teil auch in Wolkenkratzern in den Vereinigten Staaten verbaut wurde.»

Eine Brücke mit Geschichte

Die einfach aussehende Brücke war einst die einzige Möglichkeit, über die Gleise zu kommen. Bis im Jahr 2004 wurde die Brücke rege benutzt, weil sie für Passagiere und Anwohner der schnellste Weg ins Dorf war; sonst musste man einen grossen Umweg machen. Heute, wo die Unterführungen direkt an jedes Perron angeschlossen sind, hat die Passerelle nicht mehr die gleiche Funktion. Sie ist zu einem historischen Monument geworden. Man kann auf ihr verweilen und Züge und Landschaft betrachten. Der Nutzen hat sich deutlich verändert.

Die heutige Passerelle ist immer noch ganz die alte, für den Erhalt brauchte es aber eine grosse Sanierung. Die Brücke war zu tief, Arbeiter mussten sie höherstellen, damit sie zukunftssicher ist: Man musste davon ausgehen, dass früher oder später auch Doppelstockzüge durch Kerzers fahren würden. Deswegen wurde die Brücke höhergestellt. Es musste ein Kran kommen, der die ganze Brücke hochhob. Das sieht man ihr an: Passanten können bei den Treppen bis zur sechsten Stufe am Farbunterschied sehen, dass dieser Teil neu ist.

Engagement von Freiwilligen

Die alte Passerelle, die fast zusammenzukrachen drohte und kaum mehr unterhalten wurde, war sieben Jahre lang gesperrt. Sie wurde nicht mehr so oft genutzt und verlor viel an Wert und Ansehen. Schliesslich geriet sie in Vergessenheit. Zu ihrer Rettung brauchte es das Engagement von Freiwilligen wie Beat Winterberger. Sie opferten ihre Freizeit für die «alte Brücke» – mit Erfolg. Die Brücke sollte nicht zwecks Benutzung saniert werden, sondern wegen des historischen Werts. Es gibt sie seit über einem Jahrhundert, und sie soll die junge Generation daran erinnern, wie deren Gross- und Urgrosseltern arbeiteten und sich fortbewegten. Sie steht zudem für die enorme Veränderung, die Kerzers durch den Ausbau des Bahnnetzes erlebt hat.

Laut Winterberger bietet die Passerelle den idealen Ort zur Beobachtung von Attraktionen wie dem Whiskey-Train, einem historischen Dampfzug, der das Seeland durchquert: der einzigartige Blick auf den Zug, der Lärm der Dampflokomotive, der steigende Rauch ... Solche Ereignisse machen die «Rolls-Royce»-Brücke nicht nur für Eisenbahnfans einzigartig.

Drei Fragen an Beat Winterberger, Vereien Paserelle Kerzers

Benutzen Sie die Passerelle oft?

Leider nicht, weil ich in Murten wohne. Aber wenn ich mal etwas in Kerzers zu tun habe und auf die andere Seite des Gleises muss, benutze ich selbstverständlich die Passerelle. Ich überquere die Passerelle sehr gerne, um den schönen Ausblick zu geniessen, aber auch, um die Brücke abzuchecken.

Ist eine solche Sanierung nicht eine Verschwendung von Steuergeldern?

Eine berechtigte Frage. Man muss gewisse Objekte stehen lassen, weil sie einen historischen Wert haben. Es ist wichtig, dass man etwas weitergeben kann und die nachkommende Generation auch nachvollziehen kann, wo wir herkommen. In meiner Familie waren wir fünf Kinder. Wir hatten aber damals kein Auto. Die Bahn war also von grosser Bedeutung für uns wie auch für viele andere. Daran erinnert diese Passerelle. Und diese Erinnerung zu erhalten, kostet Geld.

Wie ist die Brücke in Vergessenheit geraten?

Sie ist tatsächlich in Vergessenheit geraten, und zwar während dieser sieben Jahre, als sie aus Sicherheitsgründen geschlossen war. Irgendwann konnte man nicht mehr über die Passerelle gehen, sie war rostig und alt, also ging man durch die Unterführung und vergass die Brücke. In solchen Fällen ist es wichtig, dass eine Art historisches Gewissen da ist, in diesem Fall in der Person von mir und meinen Mithelfern.

Zahlen und Fakten

111-jähriges Stahlfachwerk

1909 wurde die Passerelle im Bahnhof Kerzers gebaut. Es handelt sich um ein Stahlfachwerk. Die Brücke wird in Kürze von den SBB dem Verein übergeben. Da seit 2004 die neue Bahnhofsunterführung in Betrieb ist, wird die Passerelle nicht mehr gleich stark frequentiert. Ab 2012 war sie aus Sicherheitsgründen zudem für mehrere Jahre gesperrt. Die Kosten für die anschliessende Sanierung betrugen 1,35 Millionen Franken. Finanziell beteiligten sich der Bund, die SBB, der Kanton, die Loterie Romande und weitere Sponsoren.