Andreas Kempf 27.02.2020

Die Krux mit den Schuhen

 

Meine Kolumne im vergangenen Herbst widmete ich dem Projekt «Ineos 1:59», wo der Kenianer Eliud Kipchoge in Wien mit wechselnden Pacemakern als erster Mensch einen Marathon unter zwei Stunden lief. Aufgrund der Aktualität möchte ich auf ein womöglich wichtiges Puzzleteil dieses Erfolgs näher eingehen, den Laufschuh.

Das Material spielte bis anhin im Laufsport im Vergleich zu anderen Ausdauersportarten wie Radfahren, Langlauf oder Schwimmen (man erinnere sich zum Beispiel an den Aufruhr über die Hightech-Ganzkörperschwimmanzüge und deren Verbot im 2010) eine untergeordnete Rolle. Lange Zeit waren Laufschuhe für den Wettkampf vorzugsweise leicht, filigran und wenig gedämpft, damit der Läufer einen möglichst direkten Bodenkontakt und optimale Kraftübertragung hat. Dann kam die Sportartikelfirma Nike im Zuge des Projekts «Breaking2», dem Vorgänger von «Ineos 1:59», mit einem neuen Ansatz und entwickelte den Vaporfly 4%. Dieser Schuh hat ausser dem leichten Gewicht nicht mehr viel gemeinsam mit den bisher bekannten Wettkampfschuhen. Er wirkt mit einer Sohlendicke von über 30 Millimetern ziemlich klobig und hat im stark federnden Dämpfungsmaterial eine dünne Karbonplatte verbaut, die den Läufer mit einer hohen Energierückgewinnung nach vorne katapultiert. Zudem soll durch die spezielle Dämpfung die Muskulatur bei längeren Strassenläufen wie Halbmarathon und Marathon weniger schnell ermüden. Anfänglich wurde die von Nike behauptete Verbesserung der Laufökonomie um 4% belächelt und als Marketinggag abgetan. Allerdings explodierte plötzlich die Anzahl schneller Zeiten auf den Langstrecken. Bei den Männern und den Frauen wurde im Nachfolger, dem Nike Vaporfly Next%, neue Halb- und Marathonweltrekorde aufgestellt. Letztes Jahr attestierten auch die seriöse «New York Times» und weitere unabhängige Studien den beiden Vaporfly-Modellen, signifikant schnellere Laufzeiten um 2–3% zuzulassen im Vergleich zu Wettkampfschuhen anderer Hersteller. Das sind im Laufsport Welten!

Es verwundert deshalb nicht, dass es bereits mehrere Fälle von Läufern gab, die trotz Sponsorenvertrag mit einer anderen Firma in der Verzweiflung einen Nike-Schuh an den Füssen hatten und diesen entsprechend umgestalteten. Mittlerweile ist der Zugzwang so gross, dass praktisch alle bedeutenden Laufschuhhersteller für 2020 ähnliche Modelle mit einer Karbonplatte im Zwischensohlenmaterial angekündigt haben. Nike nutzte derweil den First Mover Advantage geschickt aus. Während der Vaporfly 4% noch in kleiner Stückzahl produziert wurde und schnell vergriffen war (und dadurch einen riesigen Hype auslöste), wurde der Vaporfly Next% in genügender Menge hergestellt und scheint trotz des horrenden Preises von 350 Schweizer Franken oder 275 Euro pro Paar ein absoluter Verkaufsschlager zu sein. Das macht gut einen Euro pro Kilometer, denn nach 200 bis 300 Laufkilometern lässt das reaktive Zwischensohlenmaterial spürbar nach.

Auch die Regelhüter von World Athletics, dem internationalen Leichtathletikverband, schauen dem bunten Treiben nicht mehr länger zu. Vor knapp einem Monat wurde beschlossen, dass die Sohlendicke eines Laufschuhs maximal 40 Millimeter betragen darf und nur eine Platte jeglichen Materials beinhalten darf. Zudem darf ein Laufschuh ab dem 30. April 2020 nur wettkampfmässig getragen werden, wenn er bereits für vier Monate im Handel erhältlich ist. Somit werden Prototypen für Spitzenläufer verboten. Eliud Kipchoge trug übrigens letzten Herbst in Wien bereits einen Prototyp des Alpha­fly, dem nächsten Modell von Nike, mit einer Sohlendicke von – wen wundert’s – genau 40  Millimetern.

Der Heitenrieder Läufer und ausgebildete Betriebsökonom Andreas Kempf arbeitet Teilzeit im Personalwesen bei einem bundesnahen Betrieb. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat 2016 an der Leichtathletik-EM mit der Schweiz Team-Gold im Halbmarathon gewonnen und hält die Freiburger Rekorde über die Halb­marathon- sowie Marathondistanz.