Murten/Corminboeuf 30.06.2020

Die Stärke der Frauen

Frauen sind heute Arbeitnehmerinnen wie alle anderen. Dennoch gibt es im beruflichen Bereich nach wie vor Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. ZiG-Reporterinnen haben mit zwei Frauen gesprochen, die mitten im Berufsleben stehen.

Liliane Kramer ist Chefin der Joggi  AG in Murten, Laure Aeby ist Allgemeinmedizinerin in Corminboeuf. Zwei unterschiedliche Ausgangslagen, aber es gibt auch einige Gemeinsamkeiten: Im ZiG-Interview erzählen die beiden Frauen von ihren Erfahrungen als berufstätige Frauen und von der Vereinbarkeit ihrer Arbeit mit der Familie.

Liliane Kramer und Laure Aeby, bemerken Sie einen Unterschied zwischen Ihnen als Frauen und den Männern in Ihrem Beruf?

Liliane Kramer: Vor 20 Jahren gab es klare Unterschiede. Im Umfeld der Bauwirtschaft war eine Frau aussergewöhnlich, sie brauchte viel mehr Überzeugungskraft, um glaubwürdig zu sein. Heute ist das nicht mehr so.

Laure Aeby: Persönlich habe ich in meiner beruflichen Laufbahn keine grossen Unterschiede bemerkt. Ich habe sie in anderen Diensten gesehen, aber ich habe keine Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts erlebt. Ich hatte immer die gleichen Chancen wie meine männlichen Kollegen, die gleiche Anerkennung von meinen Kollegen, und ich wurde immer gleich bezahlt. Ich weiss aber, dass das nicht in jedem Beruf der Fall ist.

Ist es komplizierter, als Frau Erfolg zu haben?

Kramer: Mit Kindern ja. Es sei denn, der Partner kann die Frau bei der Kinderbetreuung stark unterstützen.

Aeby: Ich bemerkte bei den Patienten, dass es für einige schwierig war zu glauben, dass eine Frau Ärztin sein kann. Tatsächlich erlebte ich in den ersten Jahren sogar Situationen, in denen es nicht möglich war, ein Gespräch mit den Patienten zu führen, weil diese sich weigerten, eine Frau die Konsultation durchführen zu lassen.

Wie haben Sie die Arbeit beziehungsweise das Studium während der Schwangerschaft und mit einem Kind bewältigt?

Kramer: Ich hatte sehr starke Unterstützung von meiner Familie. Ansonsten wäre es kaum möglich gewesen, die Arbeit und alle Nebenämter miteinander zu vereinbaren. Zudem ermöglicht das Familienunternehmen mehr Flexibilität. Home­office war schon vor vielen Jahren möglich.

Aeby: Natürlich muss man nach einer Weile Prioritäten setzen, wenn man einen Beruf ausüben will, der viel verlangt, und eine Familie haben will. Man muss Entscheidungen treffen, um beides umzusetzen, und man muss Unterstützung finden. Hätte ich zum Beispiel keine Kinder und damit kein Familienleben gehabt, hätte ich vielleicht einen anderen Karriereplan aufgestellt als den, den ich jetzt habe. Aber ich bereue die Entscheidungen, die ich getroffen habe, nicht.

Glauben Sie also, dass es möglich ist, ein Studium oder einen 100-Prozent-Job mit dem Leben einer Mutter unter einen Hut zu bringen?

Kramer: Das ist eine sehr grosse Herausforderung. Wenn die Familie nicht vor Ort ist, braucht es Strukturen für die ausserfamiliäre Betreuung, flexible Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen und eine verständnisvolle, offene Gesellschaft.

Sie lesen heute eine Sonderseite mit Zeitungsbeiträgen von Freiburger Mittelschülerinnen und Mittelschülern. Im Rahmen des Projekts «Zeitung im Gymnasium» stehen rund 200 Jugendliche und junge Erwachsene aus fünf Freiburger Mittelschulen als Reporter für die FN im Einsatz. Das medienpädagogische Projekt ist eine Zusammenarbeit zwischen den FN, vier Wirtschaftspartnern und dem Bildungsinstitut Izop aus Aachen.

Heute:

Gleisübergang mit Geschichte: ZiG-Schüler berichten über die kürzlich sanierte Passerelle am Bahnhof Kerzers. Weiter: Zwei berufstätige Frauen sprechen in einem ZiG-Interview über Gleichstellung.

ma

ZiG

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