08.07.2019

Eine aussergewöhnliche Beziehung

Der niederländische Autor Mathijs Deen erzählt in seinem Buch «Unter den Menschen» von zwei Menschen. Sie sind sich zwar eigentlich fremd, ziehen aber zusammen, um der Einsamkeit zu entfliehen.

Gibt es heute noch Einsamkeit? Jedenfalls sieht man, vor allem in den Städten, kaum oder keine einsamen Leute mehr auf den Strassen. Ist der moderne Mensch allein unterwegs, so heisst das noch lange nicht, dass er einsam ist. Nein, sein treuester Begleiter, sein Smartphone, ist stets mit dabei und lädt ihn ein, mit irgendjemandem zu kommunizieren, zu spielen oder die neuesten Informationen durchzugehen.

Unsichtbare Einsamkeit

Wer ein Handy in der Hand hat, wirkt beschäftigt. Die Einsamkeit, besonders in den Städten und in dicht besiedelten Gebieten, ist nicht mehr sichtbar, ausser vielleicht noch bei alten Menschen, die etwas gedankenverloren im Park dem geschäftigen Treiben hyperaktiver Menschen zusehen.

Was allerdings im urbanen Umfeld zutreffen mag, gilt weniger für den ländlichen Raum.

So sieht es jedenfalls Mathijs Deen in seinem Roman «Unter den Menschen».

Zermürbende Einsamkeit

In den Niederlanden, irgendwo im Norden in einer gottverlassenen Gegend, unweit der rauen See, «steht am Seedeich ein Bauernhof, der wie ein wartendes Arbeitspferd sein Hinterteil dem Meer zuwendet». Dort lebt der Landwirt Jan allein, er hat den Betrieb von seinen Eltern übernommen, die bei einem Ausflug in die österreichischen Alpen bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind.

Besonders in den tristen Wintermonaten, wenn nicht viel Arbeit auf ihn wartet, leidet Jan sehr unter seiner Einsamkeit. Sie zermürbt ihn. Er sehnt sich nach Gesellschaft und nach einer Frau, die er lieben kann, mit der er vielleicht sogar eine Familie gründen kann.

Bauer sucht Frau

Mutig und voller Zuversicht beschliesst er eines Tages, eine Kontaktanzeige aufzugeben. So wie es seiner doch etwas spröden Art entspricht, kommt auch die Anzeige daher, bar jeder Romantik: «Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 ha»

Die erste Fassung des Romans erschien bereits 1997, darum der Begriff der Kontaktanzeige. Heutzutage ginge die Partnersuche wohl über eine Online-Dating-Plattform.

Auf die Anzeige hin meldet sich Wil, eine Frau aus Amsterdam, die ebenso einsam ist und auf der Suche nach einem Haus mit Meeresblick. Und überdies hat sie genaue Vorstellungen, die Jans Erwartungen gar nicht entsprechen. Als Meisterin in Sachen Organisation schreibt sie andauernd Listen und Tagebücher, doch wahre Liebe sucht sie schon gar nicht. Und wie Jan auch hat sie allerlei Macken, die für den jeweils anderen nur schwer zu ertragen sind.

Jeder schleppt eine Menge Probleme mit sich herum, bei den Treffen sind gegenseitige Verletzungen an der Tagesordnung und beide haben Erwartungen, die aber nicht ausgesprochen werden. Hat diese Beziehung eine Zukunft? Obwohl vieles dagegen spricht, entscheiden sie sich, es zumindest zu versuchen.

Die Erzählung zeichnet sich aus durch Tiefgang, bestückt mit tragikomischen Momenten. Das Cover könnte nicht besser ausgewählt sein: Schafe auf dem Deich im Vordergrund, flache, öde Landschaft, so weit das Auge reicht, und ganz im Hintergrund das Meer.

Der einfache Sprachstil passt perfekt zur kargen Gegend und zu den mitunter ziemlich kauzigen Charakteren.

Mathijs Deen: «Unter den Menschen». Roman, 189 Seiten. Mare, Hamburg 2019.

Aldo Fasel ist Leiter der Volksbibliothek Plaffeien-Oberschrot-Zumholz.

Zur Person

Ein wieder­entdecktes Buch

Mathijs Deen, geboren 1962, ist ein niederländischer Jour­nalist und Schriftsteller. Er veröffentlichte Sammlungen seiner Radiokolumnen, Kurzgeschichten und Romane. «Unter den Menschen» erschien erstmals 1997 und wurde 2016 in einer überarbeiteten Fassung als Wiederentdeckung gefeiert, in deren Zug auch die Filmrechte verkauft wurden.

af