19.04.2018

Erstens kommt es anders, und zweitens noch viel mehr

H

aben Sie auch das Gefühl, die ganze Welt kennt Ihren Kalender und verschwört sich gegen Sie? Da ist man mal zwei Tage an einer Klausursitzung oder fährt über Ostern weg, und schon wird aus dem normalen Alltagsstress eine regelrechte Lawine dringender Angelegenheiten.

Neulich so geschehen: Zwei Tage Klausursitzung extra muros mit vollem Programm von morgens 7 Uhr bis abends 22 Uhr. Kaum Zeit, über etwas anderes nachzudenken oder mal die E-Mails zu checken. Und wenn man es dann doch mal schafft, während einer Kaffeepause das Programm zu öffnen, kommt es einem so vor, als sei «da draussen» die Welt am Untergehen. Plötzlich will jeder schnell etwas von einem, dabei hat man vor der Sitzung noch alle dringenden Angelegenheiten abgearbeitet. Und nun: Drei Kollegen, die den Rest des Jahres kaum von sich hören lassen, müssen unbedingt dringend mit mir telefonieren, es sei sehr wichtig. In der Tat zeigt das Natel mehrere Anrufe, die ich aber nicht mitbekommen habe, denn ich hatte es während der Sitzung lautlos gestellt. Wohl gemerkt: Die drei Kollegen haben nichts miteinander zu tun, das passierte völlig unabhängig voneinander! (Die Statistiker bestätigen sicher, dass das wie ein Sechser im Lotto sein muss …) Eine Mitarbeiterin fände es in einer anderen Mail total normal und dringend, zu mir in die Klausursitzung zu reisen, um mit mir ihre Pläne für die Zukunft zu diskutieren, ich hätte doch sicher mal «kurz» Zeit. Es trudeln zudem zwei Einladungen ein, um Fachmanuskripte zu begutachten, davon eine doch bitte bis heute Abend. Dann die Rückfrage zu einem schon vor zwei Wochen abgegebenen Projektteil, «last minute», ob ich einverstanden sei mit den Änderungen, mit Bitte um Antwort vor 14 Uhr am gleichen Tag. Kurz nach dem Mittagessen, beim Espresso Nummer 3 des Tages, erreicht mich die Nachricht, dass man bei Reparaturarbeiten auf der Strasse aus Versehen die Hauptstromleitung zum Haus, in dem ich wohne, gekappt habe (als Alternativprogramm hierzu kommt gelegentlich auch Starkregen infrage, bei dem es irgendwo einen Wassereintritt in die Wohnung hat, und man den Handwerkern nun sofort Zugang zu gewähren hat). Mein Blutdruck steigt unter dieser Flut an «dringender Nachrichten» in ungeahnte Höhen. Da hilft nur «Oooohhhhmmmmmm». Wie war das eigentlich, als es weder Natel noch E-Mail gab? In der Klausursitzung, bei der ich kreativ mitarbeiten will – es geht schliesslich um neue Konzepte, Programme und Zukunftspläne – muss der Rest des Alltags ausnahmsweise einfach mal draussen bleiben und warten. Basta!

In der Woche vor Ostern kommt eine dringende Anfrage rein, mit der Bitte zur Bearbeitung bis zum Mittwoch nach Ostern. Typisch, ich bin bis einschliesslich Gründonnerstag auf einer Begutachtung in Frankreich und dann ausnahmsweise über die Feiertage bei Verwandten. Dennoch mache ich mich an die Arbeit: Lektüre der Dossiers Karfreitag bis Ostersonntag, Ostermontag dann die Redaktion der Texte, und ab in die E-Mail damit … und was bekomme ich als Antwort innerhalb von Sekunden? «Wir sind in der Woche nach Ostern in den Ferien und erst nach unserer Rückkehr wieder für Sie da. In dringenden Fällen bitten wir Sie, Ihre E-Mail dann noch einmal zu senden.» Na super …!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Gastkolumne