Daniel Wegmann 07.02.2019

Gesundheit!

Jedes Jahr die gleiche Leier: Kaum habe auch ich Flachländer mich über ein paar wenige Schneetage freuen dürfen, beginnt das Keuchen, Husten und Niesen an allen Ecken und Enden. Heimtückisch rollt eine neue Grippewelle über die Region, und jede und jeder dieser fiebriger Keucher, Huster oder Nieser könnte das eine Virus ausdünsten, dass auch mich erwischen wird. Einmal niesen setzt im Schnitt rund 50 000 Tröpfchen frei, die gross genug sind, um meine Lunge zu erreichen. Ich traue mich schon kaum mehr aus dem Haus!

Geschweige denn in den Zug nach Freiburg. Wenig ist bekannt über die Ansteckungsrate in einem SBB-Intercity, aber für Flugzeuge ist die Datenlage klar: Je näher ich bei einer an Grippe erkrankten Person sitze, desto grösser ist die Ansteckungsgefahr. Und diese kann beträchtlich sein: über 60  Prozent aller Personen, die direkt vor, hinter oder neben einer infizierten Person sitzen, werden im Schnitt angesteckt. Sechzig Prozent! Ich fahre nur noch mit der deutlich weniger belegten S-Bahn.

Ich habe bereits letztes Jahr eine Grippe durchseuchen müssen. Aber auch das hilft nichts. Das Grippevirus verändert seine Oberfläche so schnell, dass mein Immunsystem es ein Jahr später nicht wieder erkennen kann. Ein «tolles Beispiel für Evolution», wurde mir während meines Studiums erklärt. Da nach einer Grippewelle viele von uns gegen den aktuellen Virus immun sind, setzt sich im kommenden Jahr derjenige durch, der das Immunsystem überlisten kann. Seit mein Sohn jeden erdenklichen Mist aus der Kita nach Hause bringt, erwärmen mich solche «tollen Beispiele» deutlich weniger.

Und auch in diesem Jahr ist mit den Viren nicht zu spassen. Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit grassieren zurzeit mehrheitlich Viren der Stämme A, die zu den aggressiveren gehören. Der aktuell häufigste Subtyp, H1N1, ist ein Verwandter des Virus, das 1919 die «Spanische Grippe» verursacht hat, eine Grippewelle mit 50 bis 100 Millionen Toten, ein Mehrfaches der Opfer, die der Erste Weltkrieg gefordert hatte.

Davon sind wir natürlich meilenweit entfernt. Aber auf eine Woche im Bett kann ich dennoch ganz gut verzichten. Und zu den rund 200 000 Personen, die in der Schweiz im Schnitt pro Jahr wegen Grippe einen Arzt aufsuchen, muss ich auch nicht gehören. Jetzt mal ehrlich: Wer hat schon Zeit, krank zu sein? So einen bisschen simulieren und ein spannendes Buch lesen, wäre ja ganz okay. Aber mit Grippe reicht meine Konzen­tration nicht mal für eine Twitter-Nachricht.

Es gibt also nur eins: vorbeugen. Die vielversprechendste Massnahme ist, sich zu impfen. Oft sind die Grippeimpfungen aber bedingt effektiv und reduzieren die Wahrscheinlichkeit, an einer Grippe zu erkranken um nur 50 Prozent, im letzten Jahr für Erwachsene sogar um weniger als 20 Prozent. Und die Effektivität nimmt im Verlauf der Grippesaison kontinuierlich ab.

Viele Impfungen halten lebenslang. Dank Impfungen haben wir sowohl Pocken als auch die Rinderpest ausgerottet. Und wir sind kurz davor, diese Liste um Kinderlähmung und die tropischen Krankheiten Drakunkulose und Frambösie zu erweitern. Wieso schaffen wir das nicht auch bei Influenza?

Daran ist wieder die schnelle Evolution des Grippevirus schuld: Es setzen sich die Mutationen durch, die es dem Virus erlauben, auch geimpfte Personen anzustecken. Etliche Forschungsbemühungen sind im Gange, um für die Impfung nicht die schnell ändernde Oberfläche zu benutzen, sondern Strukturen, die nicht mutieren können, ohne dass das Virus seine Funktionalität einbüsst. Aber bis zu einem besseren Impfstoff dauert es wohl noch eine Weile.

Und die zweitbeste Vorbeugungsmassnahme? Den Kontakt mit kranken Personen vermeiden. Super! Also doch mit dem Velo?

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.