Hubert Schaller 06.02.2020

«Gott, der Herr, hat sie gezählet, ­ dass ihm auch nicht eines fehlet …»

Gemäss Schätzungen sollen die Buschbrände in Australien mehr als einer Milliarde Tieren das Leben gekostet haben. Das kann nur jenen gleichgültig sein, die das Leiden von Tieren für bedeutungslos halten. Der australische Tierethiker Peter Singer hat für diese Menschen den Ausdruck «Speziesisten» geprägt. Speziesisten sind Menschen, die die Interessen der eigenen Spezies höher gewichten als die Interessen jeder anderen Spezies. So wie Rassisten das Wohlergehen der eigenen Rasse über das Wohlergehen aller anderen Rassen stellen, ohne dafür moralisch triftige Gründe zu haben, so halten Speziesisten das Leiden von Menschen grundsätzlich für schlimmer als das Leiden von Tieren. Sie berufen sich dabei in der Regel auf die Vernunft, die dem Menschen eine Sonderstellung innerhalb der Schöpfung gewähre. Singer lässt dieses Argument nicht gelten, denn ob und wie stark ein Lebewesen leidet, hängt nicht von der Frage ab, ob es vernünftig ist, sondern ob es schmerzempfindlich ist. Wenn es um die Zumutbarkeit von Leiden und Schmerzen geht, sind Leidensfähigkeit und Schmerzempfindlichkeit die einzig relevanten Kriterien, die nach Singer in ethischer Hinsicht zu berücksichtigen sind.

Der Historiker Xaver Holtzmann hält in seiner Eröffnungsbilanz für das 21. Jahrhundert fest, dass es mehr Tiere auf Erden gibt als Sterne in der Milchstrasse. Bei einer Fehlerquote von 0,3  Prozent sollen es 200 Milliarden Sterne sein, während die Erde von einer Trillion Tieren (das ist eine Eins mit 18  Nullen) bevölkert wird. Auf einen Menschen entfallen demnach 130 Millionen Tiere. In Bezug auf einzelne Tier­arten liefert Holtzmann folgende Zahlen: 10 Billiarden Ameisen, 300 Milliarden Vögel, 3 Billionen Bienen, 13 Milliarden Hühner, 1,3 Milliarden Rinder, 1 Milliarde Schafe, 935 Millionen Schweine, 699 Millionen Ziegen, 60,9  Millionen Pferde, 19 Millionen Kamele usw.

Im Jahr 2003 gab es von der Gattung der Spixara – einer Papageienart – nur noch ein einziges Exemplar, heute ist diese Vogelart ausgestorben. Sie teilt dieses Schicksal mit 58 000 anderen Tierarten, die jährlich von der Erde verschwinden. «Pro Natura» schätzt, dass innerhalb der letzten drei Jahrzehnte die Insektenpopulation in gewissen Gegenden um bis zu 75 Prozent dezimiert wurde.

Das Leben auf der Erde wiegt 1850 Milliarden Tonnen. 99 Prozent davon sind pflanzlicher Natur. Die Biomasse der Menschheit ist mit 0,1 Milliarden Tonnen vergleichsweise bescheiden.

Rund 60 Milliarden Nutztiere werden weltweit jährlich geschlachtet. Das entspricht mehr als dem Siebenfachen der menschlichen Erdbevölkerung. Pro Sekunde verenden 1900 Tiere in Schlachthöfen überall auf der Welt. Tendenz steigend.

Speziesisten mögen dieses Datenmaterial achselzuckend hinnehmen. Pedanten mögen einwenden, dass es unmöglich ist, Ameisen oder Bienen zu zählen. Für den Fall einer Sammelklage – so der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge – könnten diese Zahlen (selbst bei einer Fehlerquote von 30 Prozent) durchaus erheblich sein.

Hubert Schaller ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Kollegium St.  Michael in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt Hubert Schaller regelmässig über selbst gewählte Themen.