Gregor Kozlowski 12.03.2020

Pflanzen sind auch Lebewesen

Der westliche Alpenmohn ist vom Aussterben bedroht.

Als meine Tochter noch ganz klein war, fragte sie mich einmal, ob Pflanzen – und insbesondere Bäume – ebenfalls Lebewesen seien. Ein Kind, das eine solche Frage stellt, wirkt auf uns sehr niedlich. Es zeigt die Neugierde eines sehr jungen Menschen, wie dieser zu verstehen versucht, wie unsere Umgebung aufgebaut ist und wie die Natur funktioniert. Ich habe meiner Tochter in aller Ruhe das Wesen und die Bedeutung von Pflanzen erklärt. Bei Erwachsenen – das gebe ich zu – gelingt mir dies weniger, und oft verliere ich schlicht und einfach rasch die Geduld. Ich weiss, dass dies bei einem Wissenschaftler nicht sehr professionell wirkt. Es gibt aber eine gewichtige Entschuldigung für meine Ungeduld: In Zeiten der dramatischen Biodiversitätskrise stösst eine stiefmütterliche Behandlung von Pflanzen auf Unverständnis.

Es ist ganz klar: Pflanzen zeigen alle Eigenschaften eines Lebewesens. Sie können sich auch bewegen. Sie können natürlich nicht laufen, aber man kann an ihnen andere Formen der Bewegung beobachten (so wenden sie zum Beispiel ihre Blätter nach dem Licht aus). Die Samen vieler Pflanzenarten können zudem weite Strecken zurücklegen und sogar entfernte Inseln erreichen und besiedeln. Dies geschieht meistens sehr langsam und ist für uns Menschen kaum wahrnehmbar. Überdies essen Pflanzen, wachsen, streiten um Lebensraum, reagieren auf Reize, vermehren sich … Sie leben.

In letzter Zeit schlagen viele Journalisten und sogar Politiker (was ich natürlich begrüsse) Alarm: «Insektensterben!», «Bienensterben!». Man empört sich und ist traurig darüber, dass der Feldhase von unseren Feldern, das Auerhuhn aus unseren Wäldern und der Schmetterling von unseren Wiesen verschwindet. Pflanzen sind da schon weniger ein Gesprächsthema. Für viele rücken die Pflanzen ein wenig in den Hintergrund – als ob sie schon immer da gewesen wären, wie der Sauerstoff in der Atmosphäre oder Berggipfel auf einer Postkarte.

Diese Zweitrangigkeit der Pflanzen in der Debatte um das Artensterben überrascht mich, sind doch die Pflanzen die Grundlage tierischen Lebens. Als fotosynthetische Organismen gehören sie zu den sogenannten Produzenten, von denen praktisch alle anderen Lebewesen, und damit auch wir Menschen, gänzlich (direkt oder indirekt) abhängig sind. Sie dienen nicht nur als Nahrung, sondern auch als Lebensräume, Klimaanlagen und Landschaftsarchitekten unseres Planeten.

Die Pflanzen verdienen also mehr Aufmerksamkeit, und die Schutzbestrebungen müssen intensiviert werden. Im Kanton Freiburg leben – oder vielmehr lebten – circa 2000 Pflanzenarten. Mehr als 150 von ihnen sind bereits im letzten Jahrhundert ausgestorben. Weitere 150 Arten wurden in den letzten 30  Jahren nicht mehr gesichtet, und Hunderte stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzen (sozusagen im «Wartezimmer des Aussterbens»). Die Freiburger Natur wird monotoner und ist dadurch schlecht gegen globale und klimatische Veränderungen gewappnet. Das ist auch eine schlechte Nachricht für meine Tochter: Sie wird keinen Alpenmohn in den Freiburger Bergen und keinen Igelschlauch im Neuen­bur­ger­see mehr bewundern können, wenn sie einmal erwachsen ist.

Gregor Kozlowski wohnt in Ueberstorf und ist Professor für Biologie und Direktor des Botanischen Gartens der Universität Freiburg. Er ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.