22.06.2020

Rassismus ist das Problem von allen

Am 1. Juni demonstrierten in Zürich Menschen gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus.
Rassistische Strukturen sind in unserer Gesellschaft verankert und damit auch in unseren Köpfen.

Im Kampf gegen Rassismus ist vor allem eines wichtig: die Anerkennung, dass alle Vorurteile haben und Diskriminierung tatsächlich geschieht. «Wir von der Fachstelle für Integration der Migrantinnen und Migranten und Rassismusprävention sind unter anderem dafür zuständig, staatliche Organe zu sensibilisieren», sagt Lisa Wyss, wissenschaftliche Mitarbeiterin, im Telefoninterview mit den FN. Sie kommentiert unterschiedliche Szenen, die institutionellen und subtilen Rassismus verbildlichen.

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

Es ist 1 Uhr in der Nacht, aus dem Club tritt eine Gruppe von weissen Männern, gefolgt von einer Gruppe schwarzer Männer. Die Polizei steht einige Meter vom Clubausgang entfernt, beäugt die weissen Männer und ruft den schwarzen Männern «Ausweiskontrolle!» zu.

Bei «Respekt für alle», der kantonalen Anlaufstelle für juristische Beratung für Opfer rassistischer Diskriminierung, wurden im Jahr 2019 vier Fälle von Racial Profiling gemeldet; schweizweit meldeten sich 23 Personen. «Bei keinem der Fälle kam es zu einer Anklage», sagt Lisa Wyss. Den Betroffenen fehle es oft an Beweismitteln und psychischer Kraft. Racial Profiling passiert, wenn Stereotype und äussere Merkmale wie Rasse, ethnische Zugehörigkeit, Religion oder nationale Herkunft Anlass zu Polizei-, Sicherheits-, Einwanderungs- oder Zollkontrollen sind. 2019 suchten schweizweit 352 Menschen eine Anlaufstelle wegen rassistischer Diskriminierung auf. In Freiburg waren es 18 Personen.

Floyd wurde doch aber nicht in der Schweiz getötet

Am 25. Mai tötete in Minneapolis ein Polizist – der weisse Derek Chauvin – den Schwarzen George Floyd auf offener Strasse vor laufender Kamera. Seither protestieren Menschen weltweit mit Black-Lives-Matter-Plakaten, so auch in der Schweiz (siehe auch Bericht auf Seite 5).

«Das Video von Floyds Tötung hat Betroffenheit ausgelöst und uns daran erinnert, dass wir Realitäten nicht mehr banalisieren können. Wenn auch der Rassismus in der Schweiz nicht in derselben Intensität und Offenheit vorkommt wie in den USA, macht es ihn für die Betroffenen nicht weniger schlimm», sagt Wyss.

Der 40-jährige Nigerianer Mike Ben starb beispielsweise 2018 bei einem Polizeieinsatz in Lausanne. Die Strafuntersuchung gegen die sechs Polizisten läuft nach wie vor. Ein weiteres Beispiele ist der Fall von Mohamed Wa Baile. «Die Proteste in der Schweiz richten sich gegen strukturellen und subtilen Rassismus», sagt Wyss.

«Das war nicht so gemeint»

«Deine Haare sind so kraus, darf ich sie anfassen?», fragt ein weisses Kind ein schwarzes. «Nein», erwidert das schwarze. «Deine Hautfarbe sieht ja aus wie Kacke. Du stinkst», sagt das weisse Kind. Das schwarze Kind ruft die Lehrperson zur Hilfe und bekommt «Das war nicht so gemeint» zu hören. Nicht nur Kinder nutzen Hautfarbe, Religion, Sprache und/oder Herkunft als Angriffsflächen. «In der Schweiz haben viele Kinder von Mi­grantinnen und Migranten erlebt, wie ihre Eltern gedemütigt und diskriminiert wurden. Die Jungen wollen das nicht mehr hinnehmen», sagt Wyss.

Wir haben viele junge Schwarze nach Erfahrungsberichten gefragt, doch sie sagten durchwegs ab: Sie sind es leid, ihre Rassismuserfahrungen offenzulegen. Es wäre für sie so, als würde man sie wiederholt in die gleiche schmerzhafte Situation katapultieren; denn auch wenn «es nicht so gemeint ist», tut es trotzdem weh.

Sind alle gleich?

«Ich hatte mal einen Schwarzen eingestellt, das war so ein fauler Sack. Das mach ich nie mehr», sagt der eine Arbeitgeber dem anderen. «Wirklich? Ich hatte mal einen eritreischen Lehrling, und das war ein wahnsinnig intelligenter Bursche. Perfektes Schweizerdeutsch!» erwidert der andere.

Laut einer Studie des NCCR (National Centre of Competence in Research in Neuenburg) müssen Kinder von Migrantinnen und Migranten mit einer doppelten Nationalität und in der Schweiz ausgebildet, bei der Arbeitssuche bis zu 30 Prozent mehr Bewerbungen verschicken, bis sie zu einem Gespräch eingeladen werden.

Serena O. Dankwa, eine anti-rassistische Aktivistin und feministische Anthropologin, plädierte in einer Fernsehsendung zur Hautfarbe dafür, dass es aufhören muss, dass einzelne Schwarze die Last tragen müssen, alle Schwarzen zu repräsentieren. Laut Dankwa hat die Schweiz generell ein grosses Problem mit der Unterrepräsentation der eigenen Bevölkerung, nämlich der schwarzen Schweizerinnen und Schweizer in Spitzenpositionen.

Welche Farbe ist Hautfarbe?

Das Kind schaut ins Etui und sucht nach der Farbe, die als Hautfarbe bekannt ist. Welche ist es?

«Schauen wir die Zusammensetzung des Bundesrats an: Entspricht diese der Diversität unserer Gesellschaft? Dies wäre mittelfristig wünschenswert», sagt Wyss. Dazu gilt es, sich eigener Privilegien bewusst zu werden, Betroffenen zuzuhören, zuzuhören und nochmals zuzuhören, sich angemessen zu entschuldigen. Wir müssen unsere Vorurteile und Bilder von Menschen mit anderer Herkunft, Sprache, Religion und Hautfarbe ständig hinterfragen und akzeptieren, dass wir alle rassistisch sozialisiert sind. Es liegt in unserer Verantwortung, die Reproduktionen von strukturellem Rassismus zu verlernen. Ja, Antirassismus ist lernbar. Das schafft Hoffnung.

Fakten

Demonstrationen in der Schweiz

Nach den Ereignissen in den USA und dem internationalen Aufschrei gingen auch in der Schweiz viele auf die Strasse, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. Am Samstag, 13. Juni, versammelten sich allein in Zürich rund 10 000 Menschen, vor allem junge Leute, auf dem Sechseläuten-Platz. Kleinere Proteste fanden in St. Gallen (über 1000 Teilnehmer), Lausanne (rund 1000), Bern, Luzern, Basel und Freiburg statt. Die Demonstrationen verliefen grösstenteils friedlich, nur ein kleinerer Zwischenfall zwischen Linksautonomen und der Zürcher Polizei ist zu vermerken. Viele der Demon­strierenden waren schwarz gekleidet, um an den Tod von George Floyd und an die Black-Lives-Matter-Bewegung zu erinnern. Die Demons­trationen waren durch ihre Teilnehmerzahl gemäss der Covid-Verordnung des Bundesrates bis am Freitag verboten, doch wurden sie unter der Bedingung, dass sie friedlich verlaufen, von der Polizei toleriert. Ein grosser Teil der Demonstranten trug eine Schutzmaske.

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«In der Schweiz haben viele Kinder von Migrantinnen und Migranten erlebt, wie ihre Eltern gedemütigt und diskriminiert wurden. Die Jungen wollen das nicht mehr hinnehmen.»

Lisa Wyss

Fachstelle für Integration der Migrantinnen und Migranten und Rassismusprävention