Gerti Haymoz 20.02.2020

Wer wagt, gewinnt … oder?

Auf dem Handydisplay ein unbeantworteter Anruf von den «Freiburger Nachrichten.» Ich hab’s zu spät gesehen, muss gleich zur Physiotherapie und habe keine Zeit, zurückzurufen. Dann vergesse ich es. Am späten Nachmittag dann noch mal ein Anruf von der gleichen Nummer, und mir geht in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf, dass die bestimmt etwas vom Theater wissen wollen. Etwas spät, denke ich, denn die Premiere ist doch schon vorbei. Aber mental bin ich darauf vorbereitet, auf Theaterfragen. Hätte zu allen die passende Antwort.

Aber dann bin ich sprachlos: Die nette Dame am Telefon fragt mich ganz freundlich, ob ich Interesse hätte, von Zeit zu Zeit in den «Freiburger Nachrichten» eine Gastkolumne zu schreiben. Ich? Warum ausgerechnet ich? Meine Gedanken rasen. Ich fühle mich sehr geehrt; dem gebe ich auch Ausdruck. Moniere aber, dass es viele gibt, die mehr zu sagen hätten als ich. «Alle haben etwas zu erzählen», ermuntert sie mich. Okay. – Dass ich aber bestimmt zu kulturlastig sei. «Nein, ein guter Ausgleich», meint sie. Schon wieder verloren. Aber … doch doch, grammatikalisch bin ich stilsicher, aber ich weiss nicht, ob ich spannend genug erzählen kann. Ich bin keine Frau der langen Worte (der vermeintlich grossen manchmal), halte mich gern kurz und bündig, auf das Wesentliche konzentriert. Mag ausufernde Redner nicht. Aber das sage ich ihr nicht. Dann die alles entscheidende Frage: Warum denn ausgerechnet ich? «Ehm, ich weiss gar nicht … ein Arbeitskollege hat Ihren Namen genannt.» Aha. «Und Sie sind eine Frau und würden die zurzeit männerlastigen Kolumnen etwas ausgleichen.» Ach so, das ist es also: Ich bin die Quotenfrau. Natürlich bin ich absolut dafür, dass Mann und Frau paritätisch vertreten sind, aber …

Ich bekomme Zeit, darüber nachzudenken. Die Möglichkeit, etwas zu wagen, und die Angst, zu versagen, wechseln sich ständig ab. Einem kleinen Teufelchen gleich: Versuch’s doch – nein, du schaffst das nicht – doch, versuch’s – nein … Beim Abendessen bei Freunden frage ich ganz beiläufig, ob sie in den FN eine Kolumne von mir lesen würden. Fragende Blicke. Ich muss erklären. «Ja, natürlich würden wir!» Uff, immerhin schon drei Leserinnen und Leser …

Am Abend im Bett, mir und meinen (noch immer rasenden) Gedanken allein überlassen, trifft mich die Erkenntnis einem Stromschlag gleich, fällt es wie Schuppen von den Augen: Ich bin eine Frau. Darum zweifle ich. Ich fasse es nicht. Ich, die ich ein Unternehmen führe, ich, die ich mich auf der Bühne produziere, ich, die Macherin, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Und im Sog der noch immer leisen Zweifel meine ich zu spüren, dass das Teufelchen ganz langsam von meiner Schulter hinunterrutscht. Leise in den Hintergrund verschwindet und einem scheuen Entschluss Platz macht: Ja, ich mach’s! (Oder doch nicht?) Doch!

Der Entschluss ist gefasst, aber der Auslöser zum Entscheid beschäftigt weiterhin. Erst recht. Auch am nächsten Morgen noch. Die Diskussion am Frühstückstisch ist angeregt, liefert nur ansatzweise Erklärungen, warum sich Frauen immer noch so viel zurücknehmen, sich nie etwas zutrauen, ohne die Angst im Nacken, zu scheitern. Ist es die Erziehung? Sind’s äussere Zwänge, die soziokulturelle Evolution? Die Küchentischpsychologie bringt keine Erklärung, aber in der Diskussion stärkt sich die finale Entscheidung immer mehr. Und ich bin fest entschlossen, die nette Dame anzurufen. Wer wagt, gewinnt. – Oder?

Gerti Haymoz ist verheiratet und lebt und arbeitet in Muntelier. Sie ist Mitinhaberin und CEO einer Firma im Broadcastbereich und ist im Vorstand des Kellertheaters Murten zuständig für die künstlerische Leitung.