14.10.2019

Wir brauchen eine politisch motivierte Jugend!

In wenigen Tagen wird in der Schweiz gewählt. Aileen Sankaynagi vom Kollegium St. Michael nimmt dies zum Anlass, im ZiG-Blog über die Rolle der Jugendlichen nachzudenken.

Die Wahlen stehen vor der Tür. Die Parteien haben ihre Plakate aufgehängt, ihre Kampagnenvideos kursieren auf dem Internet, die Wähler haben ihr Wahlmaterial erhalten und viele von ihnen haben ihre Entscheidung schon getroffen, die Liste in den Umschlag gelegt und haben diesen zum Gemeindehaus gebracht. Kurz gesagt: Alle sind bereit.

Nur eine Gruppe wird vermisst. Die jüngsten Wähler bleiben dem Ereignis fast alle fern: Den letzten Statistiken zufolge gehen weniger als 50 Prozent der 18- bis 25-Jährigen an die Urne. Ist das nicht verblüffend? Die Generation, die momentan am meisten Interesse an Politik haben sollte, die Generation, die auf den Strassen protestiert und fordert, es soll sich etwas ändern, geht nicht an die Urne, um über ihre eigene Zukunft mitzubestimmen.

Während in anderen Ländern die Leute demonstrieren, um nur einen Bruchteil unseres Privilegs zu erhalten, sitzen wir in unseren Stuben und wählen, nicht wählen zu gehen, um dann im Nachhinein darüber zu jammern, dass die Sachen nicht so laufen, wie wir es wollen. Wir verhalten uns wie die Figuren aus den Werken Kafkas. Wir scheinen unserem Schicksal hündisch ergeben zu sein.

«Aber ich verstehe doch gar nichts von Politik! Diese ganze Geschichte mit den Parteien, Kandidaten und deren Ziele ist mir zu kompliziert.», werden wahrscheinlich viele sagen und damit haben sie nicht unrecht. Etwas nicht zu verstehen, kann ein Motivationsdämpfer sein.

Doch wie ändern wir das? Wie motivieren wir die jungen Wählerinnen und Wähler und wer soll diese Aufgabe übernehmen? Einerseits ist es sicherlich an uns, den jungen Wählern, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Wir sind schliesslich alle erwachsen und somit reif genug, um uns selber zu motivieren und zu informieren. Wir könnten auch versuchen, uns gegenseitig zu motivieren. Die meisten Leute haben diese eine Kollegin, die sich für Politik interessiert. Vielleicht sollte man dieser Kollegin mal zuhören, wenn sie wieder in eine politische Rede abschweift. Sie würde sich wahrscheinlich darüber freuen.

Doch es liegt nicht nur an uns, uns zu motivieren. Am Gymnasium wird uns oft gesagt, dass alles, was wir im Unterricht besprechen, lernen und bearbeiten uns auf eine Sache vorbereiten soll: die Matura. Sobald wir diese Matura haben, haben wir gemäss den Erwartungen der Gymnasien unsere Reife erreicht. Wenn uns das Gymnasium also zu dieser Reife bringen und uns somit auf das echte Leben vorbreiten sollte, liegt es auch nicht ein kleines bisschen am Gymnasium, uns in die Thematik der Politik einzuführen? Ich sage keineswegs, dass dies noch gar nicht gemacht wird. Im Geschichts-, Philosophie- und im Deutschunterricht werden ab und zu politische Themen angesprochen. Das ist schon ein guter Anfang.

Doch ich finde, dass es noch nicht ganz genug ist. Die Schülerinnen und Schüler sollten mit dem Thema direkt konfrontiert werden. Sie müssen sich der Realität der Sache bewusst werden. Man könnte zum Beispiel Anlässe veranstalten, an welche man Politiker einlädt, die den Schülern erklären, um was es in ihrer Partei geht und mit ihnen die aktuellen Themen besprechen. Vielleicht könnte man sogar Debatten organisieren, an welchen die Politiker teilnehmen.  An den Kollegien Heilig Kreuz und Gambach wurden vor kurzem ähnlich Anlässe veranstaltet. Man könnte sich doch daran ein Beispiel nehmen. Man könnte auch kleine Workshops organisieren, die von schon politisch motivierten Schülern geleitet werden. Solche Anlässe sollten obligatorisch sein. Manchmal muss man einen Menschen zu seinem eigenen Glück zwingen. Ausserdem sollte es nicht erst am Gymnasium anfangen. Auch an den Orientierungsschulen sollte es solche Anlässe geben. Man könnte auch versuchen, die Schüler auf eine spielerische Art auf den Geschmack zu bringen, indem man kleine und einfach strukturierte Debatten organisiert.

Schlussendlich ist es aber immer noch an uns, den jungen Wählern, etwas zu unternehmen. Wir sind die, die entscheiden, welche Liste wir in den Umschlag legen und ob wir das überhaupt tun. Wir sind die, die momentan am meisten von den politischen Entscheidungen betroffen sind und wir sind die, die ein Vorbild für die nächste Generation sein müssen. Ich sage nicht, dass wir alle ab heute alle rechtlichen, wirtschaftlichen und soziopolitischen Ebenen unseres Systems erforschen und komplett verstehen müssen. Alles, was mir am Herzen liegt, ist, dass wir die Wahlunterlagen wenigstens durchblättern und uns informieren, was all diese seltsamen Begriffe bedeuten könnten. Schliesslich sind wir nicht allein. Unsere Freunde, Mitschülerinnen und -schüler sitzen schliesslich im gleichen Boot.

Wir müssen auch etwas an unserer Einstellung ändern. Wir müssen uns bewusst werden, dass jeder und jede von uns einen Einfluss hat und wir müssen aufhören zu denken, dass jemand anders die Arbeit für uns machen wird. Wir sind keine Kinder mehr. Der Einfluss, den wir haben, mag zwar klein sein. Aber wenn wir uns bewusst werden, dass wir diesen haben, können wir vielleicht etwas Grosses bewirken.

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird: www.freiburger-nachrichten.ch/zig-blog