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«Kinderschutz ist etwas sehr Heikles»

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Fast sein ganzes Berufsleben hat Gilbert Bielmann im Jugendamt Freiburg verbracht. In diesen 41 Jahren hat sich der Dienst erweitert, spezialisiert und professionalisiert. Auch die Art und die Hilfsmittel, mit denen Kinder und Jugendliche geschützt und begleitet werden, haben sich verändert, erzählt der Rechthaltner im Gespräch mit den FN.

«Am Anfang haben alle alles gemacht», fasst er zusammen. Die Sozialarbeiter waren für die Begleitung der Familien und Kinder, für die Opferberatung, für die Pflegekinderaufsicht, für Adoptionsabklärungen und für Jugendförderung und -politik ebenso zuständig wie für die Mandate, die ihnen zum Beispiel von Friedensgericht, Zivilgericht oder Jugendgericht übertragen wurden. «Die Spezialisierung fand erst später statt.» Ihn habe die Mandatsarbeit von Anfang an fasziniert. Während 15 Jahren war er auf dem Terrain und hat Familien betreut, wenn Eltern, Schulen, Friedensrichter, Jugendrichter oder Kinder und Jugendliche selbst an das Jugendamt gelangten. Für einige von ihnen war er, bis sie 18 wurden, als Vormund oder Beistand zuständig, wenn ein oder beide Elternteile nicht in der Lage waren, sich um sie zu kümmern.

Kinder privat untergebracht

Es habe in den 1980er-Jahren sehr wenig Möglichkeiten gegeben, Kinder und Jugendliche in Notsituationen unterzubringen. «Wir mussten schon damals oft von einer Stunde auf die andere ein Kind platzieren, etwa weil die Eltern in ein Spital, in die Psychiatrie oder ins Gefängnis gekommen sind», erzählt er. «Ich habe dann meine Frau angerufen, dass sie ein Bett parat machen soll, weil ich das Kind mit nach Hause nehmen würde.» Es sei nicht richtig gewesen, «aber wir wussten uns nicht anders zu helfen. Heute ginge das in keiner Art und Weise mehr.»

Es gab zwar Heime, aber keine Notfalllösung. Deshalb hat sich Gilbert Bielmann in einer Arbeitsgruppe für den Aufbau eines Notaufnahmeheims eingesetzt. Mit sechs Plätzen wurde es in den 1990er-Jahren eröffnet, heute stehen 16 Plätze zur Verfügung. «Es entspricht einem grossen Bedürfnis und ist immer recht gut belegt.» Diese Notaufnahme sei eine Zwischenstation, um zu vermeiden, dass ein Kind in einem Heim oder in einer Pflegefamilie platziert werden müsse. «Denn eine Heimplatzierung ist für ein Kind ein massiver Eingriff in sein Leben.»

Immer auf der Seite des Kindes

Oft kämpfte er gegen das Vorurteil, dass das Jugendamt der «Feind» der Familien sei. «Wir sind nicht die Bösen», hält der Sozialarbeiter fest. «Aber wir ergreifen halt immer die Partei der Kinder.» Wenn Eltern nicht das gleiche Interesse am Wohl ihrer Kinder hätten, komme es zu Konflikten. «Kinderschutz ist etwas Heikles und Sensibles. Welche Eltern lassen sich schon gerne ein Kind wegnehmen? Niemand will eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater sein.» Er habe gelernt, dass Kinder- und Jugendschutz in allen Bevölkerungsschichten ein Thema sein könne. «Ob Minderbemittelte, Randständige, Arbeiter oder Uniprofessoren, Lehrer und Juristen – das Unvermögen, mit Kindern umzugehen, ist überall anzutreffen.» Er habe stets versucht, Eltern unabhängig von ihrem Hintergrund als Menschen zu respektieren.

Bei Kleinkindern sei das Jugendamt sehr sensibel. «Denn ein kleines Kind kann nicht sagen, dass es seit Tagen nicht genügend zu essen bekommt oder regelmässig geschlagen wird.» Es komme leider vor, dass die Sozialarbeiter in Fällen von Kleinkindern, die massiv misshandelt würden, intervenieren müssten. «Mich haben die Schicksale von Kindern in Not immer bewegt, selbst nach all den Jahren.» Das sei auch gut so, sagt der Vater von zwei Kindern. «Solange dies der Fall war, wusste ich, dass ich nicht abgestumpft bin.»

Ziel des Jugendamts ist es, die Eltern so weit zu bringen, dass sie wieder funktionieren. «Deshalb treffen wir Entscheide nicht für die Leute, sondern mit ihnen», erklärt Bielmann. «Wir sind ja nicht auf Dauer in ihrem Leben präsent, sondern helfen ihnen, es wieder in den Griff zu bekommen.» Es gehe darum, Kompromisse zu finden. Seine Zusatzausbildung als Mediator habe ihm bei dieser Arbeit sehr geholfen.

Auf dem Buckel der Kinder

Wie wichtig Kommunikation ist, hat er bei schwierigen Scheidungen miterlebt. «Ich habe die Kämpfe miterlebt, die Eltern auf dem Buckel ihrer Kinder ausgetragen haben.» Manchmal sei es nur um Kleinigkeiten gegangen. «Doch es wurden wahnsinnig harte und verletzende Machtspiele auf Kosten des Kindes ausgetragen.» Er lanciert einen Appell an Scheidungspaare, sich zu überlegen, wie sie es ihren Kindern ermöglichen, dass beide Elternteile nach einer Trennung für sie noch Mutter und Vater bleiben können. «Ein Kind hat das Recht, beide Elternteile zu erleben. Ein schlechter Ehemann muss nicht zwingend ein schlechter Vater sein.»

Fälle im Stall besprochen

Gilbert Bielmann hat mit 14  Friedensrichterinnen und -richtern zusammengearbeitet. Deren Arbeit ist im Laufe der Zeit professionalisiert worden. Als er angefangen hat, waren sie noch keine Fachleute. Einmal habe er mit einem Landwirt im Stall einen Fall besprochen. «Nicht, dass er oder die anderen Laien ihre Sache nicht gut gemacht hätten.» Sie hätten halt oft eher aus dem Bauch heraus entschieden statt auf juristischer Basis.

Gesunder Menschenverstand sowie ein Gespür für Menschen und Situationen seien wichtig. Soll die strafrechtliche Maschinerie ins Rollen gebracht werden, wenn ein Kind meldet, geohrfeigt worden zu sein, oder braucht die Familie eine andere Art von Hilfe? «Denn ein Kind zu ohrfeigen, ist ein Zeichen der Überforderung in der Erziehung.» Das Jugendamt könne Eltern unterstützen, anders als mit Schlägen zu reagieren. Etwa mithilfe einer sozialpädagogischen Familienbegleitung. «Erzieher arbeiten mit den Eltern und den Kindern. Sie stellen für beide Seiten Verhaltensregeln auf, die helfen, schwierige Situationen zu regeln.» Der Bedarf für dieses Angebot sei in den letzten Jahren stark gewachsen.

Zu wenig Personal

In letzter Zeit ist das Jugendamt in die Schlagzeilen gekommen, weil die Mitarbeiter mehr Stellen forderten, um die im Vergleich zu anderen Kantonen sehr hohe Fallbelastung zu senken. «Es braucht mehr Leute», sagt Gilbert Bielmann. Er selbst habe sich im Lauf der Jahre damit arrangiert, «das zu tun, was ich kann, und nicht so viel tun zu können, wie ich wollte oder sollte. Es ist kein wirklich gutes Gefühl, heimzugehen, obwohl noch so viel Arbeit da ist.» Er sei aber optimistisch, dass der besorgte Ruf des Teams bei Grossräten und im Staatsrat gehört worden sei und sich etwas ändert. «Angesichts der Verantwortung und Belastung dürfte auch der Verdienst höher sein.»

Zur Person

Vom Jubla-Leiter zum Jugendamt

Zufällig landete Gilbert Bielmann nicht beim Jugendamt: Er betreute Kinder als Schar- und Jubla-Leiter. Nach dem Kollegium St.  Michel unterrichtete er im damaligen Blindenheim in Freiburg. Zum Jugendamt kam er via Vorpraktikum in Rahmen der Ausbildung zum Sozialarbeiter. In den letzten 25 Jahren war er als Sektorchef erst für die Sozialarbeiter der Stadt Freiburg, des Sense- und des Seebezirks zuständig, nach einer Reorganisation für alle Bezirke des Kantons ausser dem Broyebezirk. Mit 64 geht er nun in Pension. «Es war eine anspruchsvolle, aber auch spannende und interessante Arbeit, die ich sehr gerne gemacht habe. Ich war mit Leib und Seele Sozialarbeiter.» Er habe gut abschliessen können und verlasse das Jugendamt mit einem guten Gefühl.»

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