Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Kreisläufer

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on print

Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Gastkolumne

Autor: Sus Heiniger

Kreisläufer

Es kommt vor, dass einen das Kleine anspringt als das Grosse, sich das Kleine im Grossen spiegelt. Das, was Kinder tun, wenn sie «Leben» spielen, das, was Erwachsene amüsiert oder erschreckt. So begegnete es mir vor kurzer Zeit auf Strandwanderungen am Ozean.

Es war ein weiter, unerschlossener Strand mit Nulltourismus, den ich während Wochen immer entlangging. Ein riesiger Meeresatem hielt mich in meinem kleinen Atem. Schwer und stetig spülen Wellen Unmengen von Krebsen auf den Sandboden. Es ist ein Blubbern und Rasen, alle rennen, um sofort in tausenden von Löchern zu verschwinden. Die meisten dieser Tiere sind winzig klein, fast transparent, und scheinen nur ein Ziel zu haben: sofort ihr Leben zu retten, einen geschützten Ort zu finden, unter ihresgleichen zu sein. Dann wieder die Ozeanwelle … das Hinspülen der Tausend … wieder das Rasen … sich retten, in unermüdlichem Naturrhythmus.

Wie bei den Menschen in ihrem Kreislauf, dachte ich beim Zusehen. Und: Der Mensch als solcher ist kein örtlich gebundenes Wesen. Als Individuum gehört er zum Ganzen. Auch wenn er zufrieden ist mit seiner engen Tradition, reagiert er in vielen Lebenssituationen unabhängig von seiner Ethnie einfach als ausgesetztes Lebewesen. Ein gewaltiges Ausmass an Energie wird verschwendet durch die Furcht.

Da waren noch andere Raser, die Strandläufer. Zierliche, hochbeinige, grauweisse Vögel, stets mehr rennend als fliegend, von Blubberloch zu Blubberloch, um mit gezielten Schnabelstichen eines nach dem andern der zappelnden Krebslein aus den Löchern zu holen. Den Strandläufern gehts göttlich, sie ernähren sich von den Kleinsten. Wie bei den Menschen, dachte ich.

Der nasse Sandboden war immer übersichtlich, und da lag je nach Tageszeit auch real Menschliches. Am frühen Morgen kommen die nahe Wohnenden aus ihren Häusern an den Strand. Sie kauern in die Hocke und übergeben ihre Ausscheidungen mit grosser Selbstverständlichkeit der Erde, wenig später dem Wasser. Als ich das Bild von vielen erledigten Haufen zum ersten Mal sah, erschrak ich gewaltig: Sieht so der ganze Strand aus? Abscheuliche Vorstellung, dann das stille Wissen von Gleichheit mit diesen Menschen: meine Ausscheidung, deine Ausscheidung. Natur zu Natur. Was eine kurze Zeitspanne lang sichtbar von Menschen deponiert ist, ist im Nu weggespült in einem natürlichen Recyclingprozess. Der Naturkreislauf. Ich bin, du bist.

Man merkt sich dann trotzdem die Zeit für eine Morgenwanderung am wilden Strand. Und man hat auch gelernt: Wo Haus, da Mensch, wo Mensch, da Kreislauf. Vieles liegt in Menschenhand, nicht alles, dachte ich. Das Grosse nicht.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet. Der Inhalt braucht sich nicht zwingend mit der Meinung der Redaktion zu decken.

Mehr zum Thema