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Kuschellinguistik

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Gastkolumne

Autor: Boris Boller

Kuschellinguistik

Deutlich mehr als auch schon ist in den letzten Jahren von der Volksschule die Rede. Die Zeitungen berichten häufiger über grundsätzliche Fragen der Bildung, in vielen Kantonen fanden Abstimmungen zur Harmonisierung der Schule statt, in Freiburg ein Hors-sol-Referendum; hier wird ein Schritt vorwärts gemacht, dort geht es einen zurück oder auch seitwärts. Übersichtlicher ist die Schuldiskussion jedoch noch nicht geworden. Und wenn von der Schule geschrieben wird, ist der Fremdsprachenunterricht meist auch ein Thema.

Nachdem sie sich bisher vor allem auf die Abwehr von HarmoS und anderen Schulreformen beschränkte, tritt die wählerstärkste Schweizer Partei im Bildungswesen nun auch gestaltend auf den Plan. Als Gegenprojekt zum erst in der Ausarbeitung befindlichen Lehrplan 21 – für die 21 mindestens teilweise deutschsprachigen Kantone – lancierte die Volkspartei letzten Monat ihren eigenen Lehrplan.

Dieser Lehrplan enthält einerseits viele Warnungen vor allerlei Fehlentwicklungen für die Schule, die Schweiz und die Familie. Andererseits enthält das fast 100-seitige Papier auch sehr detaillierte Unterrichtsempfehlungen oder -forderungen, etwa für den Geschichtsunterricht, inklusive Besuch einer Festung aus dem Reduit.

Sehr viel Wert wird auf die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt, deutlich weniger Gewicht erhalten die Fremdsprachen. Für die Sek C, in Zürich die «Leistungsstufe mit Grundansprüchen», vereinzelt «Restschule» und anderswo oft Realschule genannt, sieht der Lehrplan im Bereich Fremdsprachen grundsätzlich Freiwilligkeit vor. Da auf dieser Stufe viele Schüler nur noch mitgeschleppt würden und für sie eine einfache handwerkliche Ausbildung ohnehin ausreiche. Im Papier erscheint Fremdsprachenunterricht für diese Gruppe sogar als eher schädlich, da sie den «Schulverleider» und daher auch Disziplinarprobleme fördere.

Die Begründung erstaunt, stammen doch aus dieser Partei die häufigsten Vorwürfe der «Kuschelpädagogik» wegen angeblich ständig sinkenden Anforderungen und Leistungen sowie mangelnder Disziplin an der Volksschule. Lediglich fakultativer Fremdsprachenunterricht sieht jedenfalls nicht nach der sonst gerne zitierten Formel «fördern und fordern» oder nach besonderer Wertschätzung der Schweizer Mehrsprachigkeit aus.

Das Papier liegt mittlerweile auch in einer französischen Übersetzung vor – einer inhaltlich identischen. Diese wirkt besonders dann originell, wenn im französischen Text etwa verlangt wird, dass im Kindergarten ein «dialecte soigné» gesprochen werden soll. Sollte da etwa in den bereits eingeleiteten «Plan d’études romand» – dem Gegenstück zum Lehrplan 21 der Romandie – noch die späte Forderung nach Unterricht in «patois gruérien» eingefügt werden?

Boris Boller ist im Thurgau geboren, besuchte die Schulen in Bern und lebt heute in Freiburg. Er studierte und arbeitete an deutsch- und französischsprachigen Abteilungen der Universität und überquert zur Zeit praktisch täglich die Sprachgrenze, um zur Arbeit zu fahren. Boris Boller ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet.

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