Leichtathletik 09.08.2018

42,195 Kilometer zum Ruhm

Versuchte zuletzt die Monotonie des EM-Marathons in Berlin zu simulieren: Andreas Kempf.
Als erster Freiburger überhaupt wird Andreas Kempf am Sonntag an einer Europameisterschaft einen Marathon laufen. Mit Carboloading, einem Höhenzimmer und viel Monotonie hat sich der Heitenrieder auf seine Premiere vorbereitet.

Einen Freiburger Leichtathleten, der an einer Europameisterschaft einen Marathon läuft, das hat es bisher noch nicht gegeben. Andreas Kempf wird am Sonntag in Berlin der erste sein, der bei internationalen Meisterschaften über die 42,195 Kilometer an den Start geht.

Es wird erst sein zweiter Marathonlauf überhaupt sein. Bei seinem Marathon-Debüt (!) hatte der Heitenrieder in 2:19:22 Stunden die EM-Limite um acht Sekunden unterboten. Im April wurde der 30-Jährige zusammen mit fünf weiteren Marathonläufern schliesslich von Swiss Athletics selektioniert. An der EM in Berlin wird im Marathon erstmals offiziell eine Team-Wertung durchgeführt. Sechs Läufer dürfen pro Nation starten, die drei besten Zeiten zählen fürs Klassement. «Ich musste etwas um meine Selektion zittern, weil kurz vor Ende der Qualifikationsphase noch einige Athleten versucht haben, die Limite zu schaffen», erinnert sich Kempf. «Ende ­April hatten sieben Läufer die Selektionskriterien erfüllt. Meine Zeit war die sechstschnellste.»

Eine Frage des Alters

Andreas Kempf hat sich in der Vergangenheit vor allem als achtfacher Medaillengewinner an Schweizer Meisterschaften im Cross sowie über 3000 m Indoor und 5000 m einen Namen gemacht. Später kamen die 10 000 m dazu, dann der Halbmarathon, in dem er 2016 mit der Schweiz Team-Europameister wurde. Seine Liebe zum Marathon hat der Masterstudent in BWL erst letztes Jahr entdeckt – mehr oder weniger zufällig.

Weil im August 2017 die Leichtathletik-WM in London stattfand, ging die Bahnsaison relativ früh zu Ende. Nach der WM fanden keine Meetings oder Rennen mehr statt, die dem Niveau von Mittelstreckenläufer Kempf entsprochen hätten. Also suchte er sich eine andere Herausforderung – und fand sie beim Marathon. Sein ehrgeiziges Ziel: die Limite für die EM schaffen, was ihm denn auch gelang. «Auf der Strasse ist es allgemein einfacher, die Limite zu erfüllen als auf der Bahn, weil an den Titelkämpfen bei den Strassenrennen viel grössere Starterfelder zugelassen werden», erklärt Kempf seinen Wechsel zum Marathon. «Hinzu kommt, dass auch ich nicht jünger werde. Im Alter wird man nicht schneller, dafür kann man besser die Ausdauer trainieren. Es ist eine allgemeine Tendenz, dass Läufer mit fortschreitendem Alter auf längere Distanzen wechseln.»

Der 30-Jährige kann sich durchaus vorstellen, künftig ganz auf den Marathon zu setzen. «Ob und wie es weitergeht, werde ich im Herbst mit meinem Trainer aushandeln müssen», sagt Kempf. Er macht keinen Hehl daraus, dass es sein grosses Ziel ist, sich für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio zu qualifizieren. «Warum nicht im Marathon? Von meiner Frau habe ich jedenfalls die Erlaubnis bekommen, bis 2020 weiterzumachen», fügt der seit wenigen Wochen verheiratete Heitenrieder mit einem herzhaften Lachen an.

170 Kilometer pro Woche

Vorerst gilt Kempfs Aufmerksamkeit aber voll und ganz den Europameisterschaften. Seit über zwei Monaten bereitet er sich intensiv darauf vor. Ende Juni begab sich der Sensler zusammen mit dem Schweizer Marathon-Team – ausser Tadesse Abraham, er machte seine EM-Vorbereitung in Äthiopien – auf den 2309 Meter über Meer gelegen Bernina­pass in ein vierwöchiges Höhentrainingslager. Jeweils zwei Trainingseinheiten standen pro Tag auf dem Programm, morgens häufig eine intensivere, nachmittags eine etwas lockerere. «Pro Woche habe ich rund 170 Kilometer zurückgelegt», sagt Kempf. «Es war ein gutes Camp, und ich konnte viel profitieren.»

Das Trainingslager im Engadin war einer von drei Höhenzyklen, die Kempf in seine Saisonplanung eingebaut hat. Den ersten absolvierte er bereits Anfang Jahr mit meinem vierwöchigen Trainingslager in Kenia. Im April verbrachte Kempf dann einen Monat in einem sogenannten Höhenzimmer. In diesem wird durch technische Massnahmen in einem abgedichteten Raum eine künstliche Höhe von rund 2500 Metern über Meer simuliert, was die vermehrte Bildung von roten Blutkörperchen anregt. Dies wiederum führt zu einer verbesserten Ausdauerleistung. Bisher musste An­dreas Kempf jeweils nach Magg­lingen, wenn er in so einem Höhenzimmer wohnen wollte. Inzwischen hat er sich zu Hause sein eigenes Zimmer eingerichtet. Das Trainingscamp auf dem Berninapass bildete schliesslich den Abschluss von Kempfs Höhenzyklen.

Oft hat der Sensler auch beim Flughafen Belp seine Trainingsrunden gedreht, auf flachen Strassen neben den Flugpisten. «So habe ich versucht, die Monotonie zu simulieren, wie sie in Berlin beim Marathon durch die Stadt herrschen wird, damit ich mich daran gewöhnen kann.»

«Carboloading» für den Exploit

Heute Donnerstag fliegt Anderas Kempf mit dem Schweizer Team nach Berlin, wo am Sonntag in der Innenstadt um 10 Uhr der EM-Marathon gestartet wird. «In den letzten zwei Wochen vor dem Wettkampf ist es vor allem darum gegangen, gut zu schlafen», sagte der Heitenrieder vor seinem Abflug. «Diese Woche laufe ich nur noch rund 50 Kilometer vor dem Marathon. Da steht die Erholung in Vordergrund.» Nun gehe es noch darum, möglichst viel Kohlenhydrate zu sich zu nehmen und so die Energiespeicher zu füllen. «Carboloading» nennt sich das im Fachjargon.

Wie viel Energie Kempf bei seinem EM-Marathon-Debüt verbrauchen wird, hängt nicht zuletzt von den Temperaturen ab. «Wenn es beim Rennen heiss ist, muss man sich gut überlegen, welches Tempo man anschlagen will. Da ist es ganz wichtig, seinen ursprünglichen Fahrplan zu überdenken.» Kempfs Fahrplan sieht eine Zeit von 2:17 Stunden vor. «Bei sehr guten Bedingungen sollte das drinliegen. In erster Linie will ich im Ziel aber weiter vorne klassiert sein, als ich in der Startliste aufgeführt bin, die anhand der bisher gelaufenen Marathonzeiten der einzelnen Läufer erstellt wird.» Und natürlich möchte Andreas Kempf eine der drei Schweizer Zeiten laufen, die für die Team-Wertung zählen.

Dann bleibt nur noch die Frage, ob für die Schweiz eine Medaille im Bereich des Möglichen ist? «Aktuell liegen wir etwa auf Rang 10, wenn man die drei besten von uns gelaufenen Zeiten addiert. Vor zwei Jahren, als die Schweiz im Halbmarathon Gold gewonnen hat, war sie auch Aussenseite. Warum sollte uns nicht erneut ein Coup gelingen?»

«Vor zwei Jahren, als die Schweiz im Halbmarathon Gold gewann, war sie auch Aussenseiter. Warum sollte uns nicht erneut ein Coup gelingen?»

Andreas Kempf

Marathon-Läufer