Freiburg 28.10.2019

Hart, aber herzlich

Sylvia Aeby Hasler: «Ich bin sehr zielorientiert. Wenn ich etwas erreichen will, setzte ich es auch um.»
Einst selber Leichtathletin von nationalem Niveau, arbeitet Sylvia Aeby Hasler seit 25 Jahren erfolgreich als Trainerin. Dabei musste sie lernen, gegenüber den Athletinnen und Athleten fordernder zu werden. Ihre Sensibilität für den Menschen hat sie dabei nicht verloren.

«Die Leichtathletik ist mein zweites Leben», sagt Sylvia Aeby ­Hasler, die für ihre langjährige Verdienste in dieser Sportart kürzlich den Sportpreis des Staates Freiburg zugesprochen erhalten hat. So richtig zu ihrer Leidenschaft gefunden hat die gebürtige Tentlingerin aber erst verhältnismässig spät, im Alter von 19  Jahren. «Zunächst habe ich in Giffers 2.-Liga-Volleyball gespielt, obwohl ich eigentlich viel lieber Leichtathletik betreiben wollte. Weil für mich aber nur ein Club mit den richtigen Strukturen infrage kam, musste ich eben warten, bis ich das Auto-Permis hatte, um jeweils ins Training nach Düdingen fahren zu können.» So ganz ohne die Leichtathletik mochte Aeby Hasler in der Zwischenzeit trotzdem nicht sein, und so bastelte sie sich im STV Giffers-Tentlingen zusammen mit anderen behelfsmässig selber Hürden, um zu trainieren. Einmal Mitglied im TSV Düdingen stellten sich die Erfolge der Sprintspezialistin trotz des späten Einstiegs rasch ein. «Weil ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin, war die allgemeine Kräftigung bereits gegeben, genau gleich wie die Schnelligkeit. Der Weg zur Käserei war nicht weit und ich bin jeweils mit dem Karren und den zwei Milchkannen hingesprintet.» Dadurch habe sie indirekt schon damals trainiert, erklärt Aeby Hasler in der Retroperspektive. Als Athletin gewann die Senslerin einige Medaillen an nationalen Meisterschaften und konnte mit der Schweizer Staffel an diverse internationale Anlässe, mehr lag zum Bedauern der Spätzünderin aber nicht drin.

An ihrer Verbundenheit zur Leichtathletik ändert das freilich nichts. Im TSV Düdingen übernahm Aeby Hasler im 1994 das Amt der Trainerin der Laufgruppe, wo sie von den Freizeitsportlern bis hin zu Athletinnen und Athleten von internationalem Niveau die gesamte Palette betreute. Erst in den letzten Jahren hat sich die 56-Jährige auf Vereinsebene dank Talenten wie Arnaud Dupré und insbesondere Veronica Vancardo, die sie kontinuierlich an die Spitze der internationalen Nachwuchs-Leichtathletik geführt hat, in Richtung Leistungssport orientiert. Eine Domäne, die die diplomierte Trainerin mit eidgenössischem Fachausweis dank des langjährigen Engagements bei Swiss Athletics (seit 2000) bestens kennt, und das sie regelmässig an internationale Anlässe, speziell bei den Junioren (etwa U20-Weltmeisterschaften, die Jeux de la Francophonie oder die Olympischen Jungendtage), führt. Mit ihren Schützlingen auszuloten, wo deren Grenzen liegen, das war immer der Antrieb für Aeby Hasler. Auch die soziale Komponente hatte sie stets im Hinterkopf. «Als ich mit den Jungen zu arbeiten begann, war eine der Überlegungen durchaus, dass sie nicht am Bahnhof rumhängen können, so lange sie bei mir im Training sind.»

Druck durch die sozialen Medien

Als Trainerin ist Aeby Hasler heute dafür mit einem neuen Jugendphänomen konfrontiert – den sozialen Medien. «Heute haben die jungen Leichtathleten teils keine Geduld mehr, weil sie sich anhand Facebook und Insta­gram permanent miteinander vergleichen können. Während man zu meiner Zeit erst an Wettkämpfen erfahren konnte, was die Konkurrenz im Stande zu leisten ist, weiss heute über die sozialen Medien jeder, was für Trainings und Zeiten die Konkurrenz am Vortag gelaufen ist. Diese Entwicklung gefällt mir nicht, weil dadurch der Druck viel grösser ist und sich die Athleten viel schneller verunsichern lassen.» Damit umzugehen, stelle zuweilen eine Herausforderung dar.

Keine einfache Aufgabe sei auch der richtige Umgang mit ihren Athletinnen und Athleten. «Je höher die Ziele gesteckt sind, desto härter musst du sein.» Diese Härte auszuüben, musste die passionierte Trainerin nach und nach erlernen. «Sonst hast du im Leistungssport keine Chance. Es muss im Training auch mal schmerzhaft werden.» Aeby Hasler ist in der Umsetzung ihrer Pläne deshalb noch konsequenter geworden – ohne jedoch die Sensibilität für ihr Gegenüber zu verlieren. «Natürlich passe ich mein Training an, wenn ich merke, dass es nötig ist. Da bin ich sehr einfühlsam.» Sie räumt aber ein, dass ihr der Zugang zu den Athletinnen deutlich einfacher falle als zu den Männern. «Die Männer empfinde ich als verschlossener. Ich kann es auch mit ihnen gut, und das Vertrauen ist da. Aber Männer offenbaren sich weniger schnell, wenn sie Probleme mit dem Druck haben. Für mich als Frau ist es manchmal schwierig, herauszu­spüren, wo das Problem bei den ­Athleten liegt. Bei Frauen fällt es mir leichter, mich in ihre Situation hineinzufühlen.» Dieser psychologische ­Aspekt des Trainerjobs ist für Aeby Hasler nicht weniger spannend als der ­komplexe technische Teil der Leichtathletik.

Etwas zurückgeben

Der Sport erlaubt es ihr, Erfahrungen zu sammeln, die sich auch ins Berufsleben übertragen lassen. «Als frühere Athletin und jetzt Trainerin musst du organisatorisch top sein», sagt die in einem 80-Prozent-Pensum angestellte Fachassistentin und Beraterin Abteilungsleitung der Eidgenössischen Steuerverwaltung in Bern. «Und ich bin sehr zielorientiert. Wenn ich etwas erreichen will, setzte ich es auch im Beruf um.» Weil die Zeit auf der Stoppuhr immer präsent ist, könne sie mit ihren Athleten und Athletinnen nie ganz zufrieden sein. «Aber wenn ich sehe, dass jemand für seinen Aufwand belohnt wird, dann freue ich mich mit.»

Lange Trainingslager, internationale Wettkämpfe, die Organisation des Düdinger Cross (für sie eine Herzensangelegenheit), vergangene Vorstandstätigkeiten im kantonalen Leichtathletik-Verband und dazu Beruf und Familie – wann wird es Aeby Hasler zu viel? «Es war schon immer so, dass ich etwas zu 100 Prozent mache oder gar nicht.» Wie lange sie dem Sport aber noch erhalten bleibt, ist offen. So gibt es immer wieder Athleten, mit denen es nicht passt. «Dann suchen wir eine andere Lösung, sonst verlieren beide Seiten nur Zeit.» Sie scheue sich nicht, in diesen Fällen die Konsequenzen zu ziehen. Sylvia Aeby Hasler liegt viel daran, der Leichtathletik und speziell dem TSV Düdingen etwas zurückzugeben. «Der Verein hat mir viel gegeben und ermöglicht, beispielsweise Weiterbildungen.» Dafür will sie sich mit ihrem unermüdlichen Engagement revanchieren. Dass sie dafür vom Staat mit einem Preis ausgezeichnet wurde, empfindet sie als Wertschätzung – und als Anerkennung für die ganze Leichtathletik-Familie. «Es gibt sehr viele Leute in diesem Sport, die freiwillige Arbeit leisten. Dieser Preis ist auch für sie.»

«Für mich als Frau ist es ­manchmal schwierig, heraus­zuspüren, wo das Problem bei ­einem Athleten liegt. Bei Frauen fällt es mir leichter, mich in ihre Situation hinein­zufühlen.»

Sylvia Aeby Hasler

Leichtathletik-Trainerin