Leichtathletik 16.11.2018

Leben und trainieren wie ein Kenianer

Ist fasziniert von der kenianischen Kultur und der Laufszene der Afrikaner: Julien Wanders.
Julien Wanders mischt die internationale Läuferszene auf. Der 22-jährige Genfer lebt zu einem grossen Teil in Kenia und verbesserte zuletzt den Europarekord über 10 km. Morgen startet er bei der Corrida in Bulle.

Vor gut einem Monat schaffte Julien Wanders Historisches. Im südafrikanischen Durban beendete der 22-jährige Genfer das Strassenrennen über die 10  km in 27:32 Minuten hinter Joshua Cheptegei aus Uganda (27:16) als Zweiter. Wanders verbesserte damit den acht Jahre alten Europarekord des britischen Olympiasiegers Mo Farah um zwölf Sekunden. Farah war 2010 in London 27:44 Minuten gelaufen.

Es war ein weiterer Meilenstein in der noch jungen Karriere des Genfers, der zuletzt mehrmals gezeigt hatte, dass er besonders in Strassenrennen mit den Besten der Welt mithalten kann. So war er im Februar beim Halbmarathon in Barcelona in 1:00:09 Stunden einen neuen Schweizer Rekord gelaufen und stellte gleichzeitig einen U23-Europarekord auf. Nach diesem Exploit holte sich Wanders an der Halbmarathon-WM Ende März in Valencia Platz acht, später folgten zwei Top-10-Plätze über 10 000 und 5000  m an den Europameisterschaften in Berlin.

Dem Sport alles untergeordnet

Von ungefähr kommen diese Erfolge nicht. «Ich weiss, was ich will, und mache das auch», sagt Wanders über sich selbst – und ordnet dem Sport alles unter. Mit 18  Jahren machte er sich erstmals auf nach Kenia, um seine Zelte in Iten, nahe dem Läufer-Eldorado Eldoret, aufzuschlagen. «Ich sagte mir: Wenn ich so gut werden will wie die Kenianer, muss ich so leben und trainieren wie sie», beschrieb Wanders einst seine Beweggründe für den Auslandaufenthalt. Seither kehrt er jedes Jahr nach Kenia zurück, um dort zu trainieren. 2017 waren es rund sieben Monate, in diesem Jahr sogar eine noch längere Zeit.

Das Wirtschaftsstudium, das er auf Wunsch seiner Eltern begonnen hatte, ist längst auf Eis gelegt. Wanders will einfach nur laufen. Längst ist Kenia zu seinem Lebensmittelpunkt geworden. In Iten besitzt der Genfer inzwischen ein kleines Häuschen, seine Freundin ist eine Lehrerin aus der Region, und er ist der Chef einer Läufergruppe, bestehend aus rund 15 Mann. Zwar trainieren alle nach den Plänen von Wanders’ Coach Marco Jäger, der ihn seit dem Alter von 15  Jahren und der Zeit beim Genfer Club Stade Genève betreut, gleichzeitig ist der Schweizer fasziniert von der zuweilen ganz anderen Herangehensweise der Kenianer, die oft nach Gefühl laufen und trainieren – ohne Pulsmesser und Schrittzähler.

Fällt der Rekord in Bulle?

Nun ist Wanders aber wieder zurück in der Schweiz, wo er in den kommenden Wochen eine ganze Reihe von Stadtläufen absolvieren wird. Den ersten Auftritt vor heimischem Publikum hat der Wunderläufer morgen Samstag an der Corrida in Bulle. 2016 nahm Wanders erstmals am Greyerzer Lauf teil. Nach einem engagierten Rennen musste sich der Schweizer in der letzten Runde vom zweifachen Corrida-Sieger Patrick Ereng geschlagen geben. Vor Jahresfrist war ihm jedoch keiner der kenianischen Konkurrenten gewachsen. Vor Tausenden von Zuschauern gewann er die Corrida dank einem beeindruckenden Sololauf über die acht Kilometer in 22:45 Minuten und verpasste damit den Streckenrekord des Österreichers Günther Weidlinger aus dem Jahr 2005 nur knapp um acht Sekunden. Dieser Rekord soll diesmal fallen.

Während Ereng und dessen Landsmann Moses Koech – der Drittplatzierte des Rennens vom Oktober in Durban – dem Schweizer den Sieg in den Strassen Bulles streitig machen wollen, werden die anderen einheimischen Athleten um die Ehrenplätze kämpfen. So wird Andreas Kempf zusammen mit seinen Teampartnern im EM-Marathon von Berlin, Geronimo von Wartburg und Marcel Berni, ebenso am Start sein wie Fabian Kuert, der Schweizer Meister über 10 000  m. Eingeladen sind auch die regionalen Läufer wie Jari Piller, Jérémy Schouwey oder Pierre-Yves Cardinaux.

Offener als das Rennen der Männer kündigt sich das der Frauen über die Distanz von sechs Kilometern an. Die Kenianerinnen Cynthia Kosgei (Siegerin 2013 und 2014) und Betty Chepkwony (Fünfte 2017) werden von starken Schweizerinnen wie den Murtenlaufsiegerinnen Maude Mathys und Martina Strähl gefordert. Auch die Vize-Europameisterin im Steeple und Corrida-Siegerin 2016, Fabienne Schlumpf, wird am Start sein.

Corrida in Bulle

Startzeiten

Samstag. 10.40 bis 12.35 Uhr: Kinderkategorien (750 m bis 1,75 km). 12.50 Uhr: Walking (7,75 km). 12.55 Uhr: Nordic Walking (7,75 km): 13.00 Uhr: Behinderte (1,15 km). 13.15 bis 13.30 Uhr: U14 und U16 Knaben und Mädchen (3,15 km). 13.50 Uhr: U18 Mädchen, Junioren und Volksläuferinnen (3,15 km). 14.15 Uhr: U20 Männer (8,15 km). 15.05 Uhr: M20 bis M70 (8,15 km). 16.15 Uhr: Elite Frauen (6 km). 16.55 Uhr: Elite Männer (8 km). 17.40 Uhr: U18 Knaben und U20, F20 bis F70, Volksläufer – unter 28 Min. (6,15 km). 18.15 Uhr: U18 Knaben und U20, F20 bis F70, Volksläufer – unter 33 min. (6,15 km). 19.00 Uhr: U18 Knaben und U20, F20 bis F70, Volksläufer – über 33 min. (6,15 km).

Die letzten Sieger

Männer. 2017: Julien Wanders 22:45. 2016: Patrick Ereng (KEN) 22:53. 2015: Tadesse Abraham 23:04. Frauen. 2017: Tola Bekele (KEN) 18:38. 2016: Fabienne Schlumpf 19:30. 2015: Tola Bekele (KEN) 19:53.