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«Macht euch die Erde untertan» – oder?

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Die Tierversuche an der Universität Freiburg geben immer wieder zu reden. Im April dieses Jahres demonstrierten über 200 Personen im Freiburger Perollesquartier gegen diese Versuche (die FN berichteten). Einer, der sich mit Tierethik bestens auskennt, ist der emeritierte Freiburger Ethiker Adrian Holderegger.

 

Was ist Tierethik eigentlich?

Die Tierethik ist ein Teilbereich der Ethik. Sie untersucht das Verhältnis des Menschen zum Tier unter moralischen Gesichtspunkten und statuiert Kriterien für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Tier. Wenn wir die europäische Geistesgeschichte unter diesem Gesichtspunkt betrachten, stellen wir freilich fest, dass es hier einen weissen Fleck gibt: Bis ins 20. Jahrhundert existiert keine elaborierte Tierethik. Angestossen wurde eine umfassende Diskussion erst durch den australischen Philosophen Peter Singer in den 1980er-Jahren. Aber schon viel früher gab es selbstverständlich Positionen zu dieser Thematik.

 

Bei wem?

Eine der wichtigsten findet sich beim Begründer des Utilitarismus, dem englischen Philosophen Jeremy Bentham. Er ging davon aus, dass es nicht von Bedeutung sei, ob ein Tier Bewusstsein habe – sondern, ob es leiden könne. Die Leidensfähigkeit begründet hier den moralischen Status. Das stellte eine klare Kehrtwende gegenüber der Tradition dar, die eine grosse Differenz zwischen Mensch und Tier setzte, weil man dem Tier kein Bewusstsein zugestand. Nicht zuletzt in dieser Position gründet die Tierschutzbewegung, die im 19. Jahrhundert entstand.

 

Ist Bewusstsein und Leidensfähigkeit nicht dasselbe?

Eben nicht. Ich kann einem Tier Schmerzen zufügen, die sich in bestimmten Reflexen wie Flucht, Aggression oder Verwirrtheit manifestieren. Das heisst aber noch nicht, dass das Tier sich dessen auch bewusst ist, denn das würde minimale mentale Fähigkeiten voraussetzen – wie das Wahrnehmen fremdpsychischer Zustände. Man unterscheidet heute denn auch zwischen einfacher Empfindungsfähigkeit und komplexer Leidensfähigkeit. Diese Unterscheidung ist allerdings neueren Datums. Erst seit den 1960er-Jahren geht die Verhaltensforschung davon aus, dass Tiere – jedenfalls jene, die uns genetisch nahe stehen – auch Angst und Freude, Lust und Unlust empfinden und somit eine Art Gefühlswelt entwickeln können.

Was gab es noch für Positionen zu diesem Thema?

Es gibt natürlich eine Position, die bis ins 20. Jahrhundert ganz massgeblich bestimmend war: diejenige des deutschen Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant. Ihm gemäss haben wir den Tieren gegenüber keine Pflichten. Tiere zählen nur indirekt, weil die Zufügung von Grausamkeit gegenüber Tieren die Grausamkeit beim Menschen befördern könne. Nur aus «Selbstachtung» habe ich die Tiere pfleglich zu behandeln. Grundsätzlich wird das Tier bei Kant nur als «lebende» Sache betrachtet, und zwar, weil es keine Pflichten wahrnehmen kann. Diese Position hat unser Verhalten den Tieren gegenüber lange mitbestimmt.

Sie haben Peter Singer angesprochen. Inwiefern hat er die Diskussion verändert?

Für Singer müssen die Empfindungen und Interessen von Tieren genauso wahrgenommen werden wie die von Menschen. Diese egalitaristische Position hat weitreichende Konsequenzen: Es sind nämlich praktisch keine Tierversuche mehr möglich. Verschiedene aktivistische Tierschutz-Bewegungen vertreten denn auch genau diese Haltung.

 

Müssten wir dann nicht alle Vegetarier sein?

Ja, wenn wir diese Position konsequent vertreten. Ich denke aber, es gibt – ohne diesen Ansatz tel quel übernehmen zu müssen – auch so gute Gründe, vegetarisch zu leben: gesundheitliche, umwelt- und tierbezogene Gründe. Das muss aber jeder und jede für sich entscheiden. In jedem Fall sind wir aber verpflichtet, unser Konsumverhalten zu überprüfen, hinzuschauen, unter welchen Bedingungen Tiere gezüchtet und gehalten werden.

 

Welche Haltung nehmen die Bundesverfassung und das Tierschutzgesetz ein?

Beide sprechen sich ganz klar für die Würde des Tieres aus, aber im Sinne einer abgestuften Biozentrik: Gemeint ist damit, dass nicht nur der Mensch eine Würde besitzt, sondern auch alle Lebensformen in abgestufter Art. In praktischer Hinsicht heisst dies: Das Tier hat keinen ausschliesslichen Gebrauchs- und Nutzwert, sondern zuerst einmal einen Eigenwert. Wir müssen seinen Eigenwert in der Abwägung von Interessen berücksichtigen. Dabei haben wir jeweils zu überlegen, welche Belastungen sein «Wohlbefinden» tangieren, welche genetische Nähe es zum Menschen aufweist. Es geht schliesslich um die Frage, ob es bloss Empfindungsfähigkeit oder auch Bewusstsein oder gar Selbstbewusstsein – wie Schimpansen – besitzt.

Sind Sie gegen Tierversuche?

Jeder belastende Tierversuch führt in ein ethisches Dilemma. Auf der einen Seite fügen wir Tieren Schmerzen zu, setzen sie Belastungen aus, und auf der andern Seite dient dies beispielsweise unserer Gesundheit. Das Dilemma ist nicht aus der Welt zu schaffen, daher sind Tierversuche strittig. In jedem Fall ist eine sehr sorgfältige Interessenabwägung erforderlich.

 

Gibt es Grenzen?

Ja, bestimmt. Sie sind bei uns vom Tierschutzgesetz teilweise vorgegeben. Die Verbote sind aber strittig. Ich persönlich bin der Meinung, dass auf Versuche an nicht-humanen Primaten – an sogenannten Tieraffen – verzichtet werden sollte, denn erstens teilen wir viele Eigenschaften mit ihnen, und zweitens sind die Forschungsergebnisse bis heute relativ dürftig.

Wie aktuell ist diese ganze Thematik?

Sehr aktuell. Es geht um die Problematik der Massentierhaltung, der industriellen Fleischproduktion, denn die Art und Weise, wie wir Menschen sie betreiben, ist höchst fragwürdig. Es geht aber auch um die Frage, ob wir in der Landwirtschaft durch genetisch gesteuerte Züchtung die Produktion steigern sollen und dürfen. Letztlich treten aber auch die Fragen auf den Plan, ob wir transgene Tiere oder gar ganz neue Lebensformen – etwa Chimären, tierisch-menschliche Mischwesen – züchten und ob wir Tier­eigenschaften zum Zweck der Organtransplantation verändern dürfen. Oder dürfen wir empfindungsunfähige Tiere züchten, nur damit sie unseren moralischen Bedenken standhalten? All dies ist längst nicht mehr nur Science-Fiction. Das Gen-Spleissen ist eine Realität.

Was sagt denn die Bibel dazu?

Selbstverständlich kennt die Bibel unsere modernen Probleme nicht, aber sie gibt Hinweise für den Umgang mit Tieren. In der christlichen Tradition hat das Buch Genesis eine aus­sergewöhnliche und folgenreiche Wirkung entfaltet. Dort heisst es nämlich im ersten Kapitel, in den Versen 26 bis 28: «Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild… Seid fruchtbar und vermehret euch… Macht euch die Erde untertan und herrscht über die Tiere».» Die Gottebenbildlichkeit verleiht dem Menschen innerhalb der Schöpfung tatsächlich eine Sonderstellung und schafft eine beträchtliche Differenz zu den übrigen Lebewesen. In dieser Sonderstellung lebt der Mensch aber in einer Schicksalsgemeinschaft mit den Tieren und teilt ihren Lebensraum. Es ist also eine Art gegenseitige Rücksichtnahme gefordert.

 

Wie wird dies begründet?

Der Mensch und die Landtiere werden – in der Sprache der Bibel – beide am sechsten Schöpfungstag geschaffen. Und zudem werden beide aus dem gleichen Erdboden geformt. Sie haben also eine gemeinsame Herkunftsgeschichte. Schwieriger ist der Vers, «sich die Erde untertan machen». Er diente immer wieder als Rechtfertigung für das ausbeuterische, exzessive Handeln der Natur gegenüber. Forschungen zeigen aber, dass erst die Neuzeit diesen Satz in dem Sinne interpretiert hat, dass der Mensch nach Belieben mit der Natur umgehen könne.

«Die Gotteben­bildlichkeit verleiht dem Menschen innerhalb der Schöpfung tatsächlich eine Sonderstellung.»

«Letztlich treten die Fragen auf den Plan, ob wir transgene Tiere oder gar ganz neue Lebensformen züchten dürfen.»

Zur Person

Mitglied in mehreren Kommissionen

Adrian Holderegger hat Theologie, Philosophie und Psychologie in Freiburg, Basel und Tübingen studiert. Er ist Mitglied des Kapuzinerordens. Von 1981 bis 2012 wirkte er als Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg und absolvierte verschiedene Forschungsauf­enthalte mit Lehraufträgen, unter anderem in Berkeley, Paris und Montreal. Holderegger war von 1992 bis 2000 Mitglied der Ethik-Kommission für wissenschaftliche Tierexperimente der Schweizer Akademie der Naturwissenschaften und der Schweizer Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Seit 2012 ist er Mitglied der kantonalen Tierversuchs-Kommission des Kantons Freiburg, seit 2014 deren Vizepräsident. Seit 2017 nimmt er zudem in der Bundes-Kommission «Würde des Tieres» Einsitz. Dieses Jahr hat der emeritierte Moraltheologe ein Lesebuch mit Texten des vor zwei Jahren verstorbenen Kapuziners und Tierschützers Anton Rotzetter herausgegeben.

jcg

 

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