Archiv 14.12.2002

Breite Humordefinition - Platz für Experimente

Festival-Splitter

Breite Humordefinition - Platz für Experimente

Den Veranstaltern ist bewusst, dass Humor schwierig zu definieren ist und breit gefasst werden muss. «Wir könnten einfach versuchen, die zehn weltbesten Künstler herzuholen; aber wir wollen jede Facette von Humor und auch wenig bekannte Künstler zeigen», sagte Tourismusdirektor Hans-Kaspar Schwarzenbach. Deshalb gabs neben Entdeckungen auch riskante Experimente: Die Zürcher Idee des «Bösermontag» ist in Arosa zum ersten Mal versucht worden - vor einem bitterbösen und sackstrengen Publikum wollen Nachwuchskünstler sich aufdrängen und bestandene Profis ihre Gags testen. Neu waren auch die «Poesitcom», gewöhnliche Begebenheiten, die im Umfeld des Festivals zwischen Glaubwürdigkeit und Inszeniertheit für Irritation sorgen sollten. «Solches muss auch Platz haben - auf die Gefahr hin, dass es Abschiffer gibt», sagte Festivalleiter Martin Vincenz.

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Das gilt auch für die Künstler selbst: Der Amerikaner Peter Shup - bekannt für seine unglaublichen Pantomime-Einlagen - hat mit kleinen Videofilmen und Sprechpassagen eine andere Ebene angepackt. Er musste danach selbst sagen, dass dies wohl nicht ganz gelungen sei.

Viel zu reden gab auch der Auftritt der «geholten Stühle» aus Bern. Ihre Verbindung von witzigen, bissigen Teilen mit Themen wie Depressionen, Tod und Trauer war mutig. Der Berner Gerhard Meister und der St. Galler Andres Lutz haben sicher keine Schenkelklopfer produziert, da die Zuschauer kaum je an der gleichen Stelle gelacht hatten. Einige gingen während der Aufführung raus und wollten das Geld zurück, andere fanden den Auftritt genial.

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Was gibts denn für Unterschiede in der Humorszene? Neben Clowns, Kabarett, Pantomime, Musik, Tanz, Akrobatik, Theaterkomödien und Mischformen ist momentan Stand-up-Comedy stark gefragt: Michael Mittermeier, Ingo Appelt, Dieter Nuhr, Kaya Yanar, Gregor Mönter, Marco Rima usw., die ohne grosse Hilfsmittel hinstehen und einen Schenkelklopfer nach dem anderen produzieren.

Als «Mitglied der Spassgesellschaft und des Sauglattismus» sei er deswegen von den Medien bezeichnet worden, beklagte sich Marco Rima auf der Bühne. Und das werde nicht als Kultur akzeptiert. Kultur sei erst, wenn man von der öffentlichen Hand subventioniert werde. All die Zuschauer, die gekommen seien und Eintritt bezahlt hätten, würden das ganze für ihn nur noch schlimmer machen. Sie steckten doch mit den Verteilern des Kulturkuchens unter einer Decke, maulte Rima.

«Ich fürchte, dass ich dran schuld bin, dass die Leute ein bisschen blöd sind», sagte Comedy-Aufsteiger Gregor Mönter und bezog sich auf die Ergebnisse der Pisa-Studie. «Ich mache einfach zu viel Comedy».

Stand-up-Comedy sei auch in England allgegenwärtig, Kleinkunst gebe es nicht, sagte Earl Oakin, der «Beau», auf den angeblich alle Frauen springen (Motto: british but sexy). Deshalb sei er meist auf dem europäischen Festland unterwegs.

Und was ist der Unterschied zu Kabarett? Die Antwort darauf gibt der Kabarettist Andreas Rebers: «Kabarett ist viel Inhalt und grosse Dichte, Comedy umgekehrt. Ich habe bei der letzten Pointe kurz gewartet für den Lacher - da habe ich schnell mal Comedy gemacht.»

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Humor ist Männersache. Jedenfalls könnte man zu diesem Schluss kommen, wenn man die Startliste des diesjährigen Humorfestivals durchforstet. Nur die vier Frauen «Nadeschkin» Nadja Sieger, Gaby Schmutz vom Duo Fullhouse, die Engländerin Krissie Illing und die Deutsche Emmi Willnowsyk sind aufgetreten. Nur Illing solo. Marco Rima würde dazu wohl sagen: «Die Skirennfahrerin hat eine Stange zwischen die Beine bekommen und wurde sogleich ins Männerkader transferiert.» Vielleicht hat Gregor Mönter mit seinem Travestie-Auftritt den umgekehrten Weg versucht und so die Frauenquote erhöhen wollen. chs