Archiv 12.05.2001

Ein Kollektiv voller Individuen

Ein Kollektiv voller Individuen

Die Big Band des Konservatoriums feiert ihr zehnjähriges Jubiläum

Vor zehn Jahren, im Mai 1991, gründete das Konservatorium Freiburg im Rahmen der 700-Jahr-Feier die erste Jazz Big Band der Stadt. Gründer und Leiter ist bis heute der Freiburger Max Jendly. Im nachfolgenden Gespräch spricht er über seine Erfahrungen und wirft einen Blick in die Zukunft.

Mit MAX JENDLY sprach
THOMAS PITTINO

Max Jendly, seit zehn Jahren leiten Sie die Big Band. Hat sich die grosse Arbeit gelohnt?

Ja, sehr. Wir haben zu Beginn den Entscheid gefasst, kein einfaches Repertoire einzuüben, sondern eines, das uns auch Schwierigkeiten bereitet. Dieser Entscheid hat sich gelohnt, da sich die Arbeit mit der Zeit stark verbesserte und das Niveau rasch gestiegen ist.

Nicht umsonst hatten wir in den letzten Jahren auch die Möglichkeit, mit renommierten Gastmusikern zusammenzuspielen. Wie Christoph Vaucher seinerzeit gesagt hat: Aus einer angenehmen Brassband wurde eine echte Big Band.

Gibt es einen Auftritt oder einen Gastmusiker, der Ihnen rückblickend in spezieller Erinnerung bleibt?

Ich denke, die Erfahrungen, die die Band mit Marvin Stamm machte, gehören bestimmt zu den Höhepunkten der letzten zehn Jahre. Die zwei wichtigsten Ereignisse waren aber klar die Teilnahme an Festivals in Kuba und New Orleans. Für die Musiker waren diese Reisen kulturell sehr wichtig, da sie die Wurzeln des Jazz live erleben konnten.

Gibt es schlechte Erinnerungen?

Wir erlebten in den zehn Jahren vielleicht eine musikalische Qualitätskrise, welche jedoch bald wieder verschwand. Sonst kann ich mich an keine wirklich schlechte Erfahrung erinnern.

Wurde die Band mit den Jahren professioneller?

Professioneller würde ich nicht sagen. Die Musiker sind und bleiben alle Amateure. Ich habe aber das Glück, dass es sehr gute Amateure sind, die eine professionelle Qualität ihrer Musik anstreben. Nur dadurch haben sie auch die Möglichkeit und Chance, mit professionellen Gastmusikern zu arbeiten.

Haben sich die Ziele der Band mitverändert?

Jein. Am Anfang habe ich ein eher didaktisches Programm zusammengestellt, damit die Musiker verschiedene Tendenzen des Jazz kennen lernen. Mit der Zeit haben wir dies jedoch geändert, da die älteren Arrangements schnell verstanden wurden und der Geschmack der Musiker sich mehr in Richtung Swing, Bop und moderne Stile entwickelte. Trotzdem behalten und bearbeiten wir weiterhin einige traditionelle Stücke.

Kann man trotz dieser modernen Tendenz von einem publikumskonformen Repertoire der Big Band sprechen?

Unsere Zuhörerschaft ist sehr breit. Es ist aber sicherlich so, dass unser Publikum mehrheitlich ältere odere einfachere Stücke schätzt, mit der Offenheit für Neues. Das Publikum wurde bestimmt viel jünger, da der Jazz in den letzten Jahren an Popularität gewann. Ich muss aber offen sagen, wir richten uns bei der Musikauswahl nicht nach dem Publikum, sondern nach den Musikern.

Wie wird man Mitglied in der Big Band und wie sieht das Engagement aus?

Es ist grundsätzlich eine Schul-Big-Band. Die Priorität haben also interessierte Schüler des Konservatoriums. Praktisch alle Mitglieder sind ehemalige Studenten des Konsis, einige haben Privatkurse genommen, andere Ensembleklassen. Die Big Band wird von den meisten als weiterführender Unterricht betrachtet.

Sie gehen also nicht auf die Suche nach Musikern, sondern können auswählen?

Genau. Wir würden gerne mehr Musiker bei uns aufnehmen, das Konzept einer Big Band erlaubt dies jedoch nicht. Es entsteht nun das Projekt einer Mini Big Band, für die Leute, die noch keinen Platz in der Big Band gefunden haben. Ein Wartezimmer sozusagen.

Kann Ihre Band als Sprungbrett für eine professionelle Karriere dienen?

Professionelle Karriere eher nicht. Doch es kommt oft vor, dass Mitglieder angefragt werden, um in anderen Bands oder bei Plattenaufnahmen mitzuwirken. Es dient sicherlich als Qualitätsausweis, Mitglied der Big Band zu sein.

Obwohl die Big Band aus einem Kollektiv von 23 Musikern besteht, ist das Individuum gerade in einer Jazz-Gruppe sehr wichtig. Wie erleben Sie diese Situation?

Es funktioniert gut, wie ein Kollektiv voller Individuen. Sicherlich haben wir starke Persönlichkeiten, die mehr Lust zur Improvisation zeigen als andere. Jeder Musiker hat aber die Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu zeigen und zu erleben. Viele haben nebenbei weitere Gruppen, in denen sie spielen. Die Big Band dient schon eher als Kollektiverfahrung.

Wie sieht die Arbeit des Leiters in einem solchen Kollektiv von Musikern aus?

Es ist eine schwierige, aber erfreuliche Arbeit mit viel Verantwortung. Die Leute kommen in die Band, um die Sprache des Jazz, die Töne, Phrasierungen und Geheimnisse des Jazz besser kennen zu lernen. Das ist meine Aufgabe. Zusätzlich versuche ich, dem Repertoire meine persönliche Farbe zu verleihen.

Hat der Leiter und Lehrer Max Jendly in den letzten zehn Jahren der Big Band auch etwas für sich gelernt?

Jedes Mal, bei jeder Probe. Auch in der Leitung der Band habe ich dazugelernt. Ich wurde viel demokratischer, aber auch stärker. Ich bin immer offen für Vorschläge der Musiker. Manchmal akzeptiere ich sie, manchmal nicht ...

In den letzten Jahren wurde die Big Band zu einer gern gesehenen Institution in der Stadt Freiburg. Wie bewerten Sie selbst das musikalische Leben in der Stadt?

Ich glaube kaum, dass der Freiburger, wie oft gesagt, als Musiker auf die Welt kommt. Aber ich glaube, viele grosse Komponisten haben in diesem Kanton gelebt und ihren Einfluss hinterlassen. In Freiburg existiert ein reiches Potential an Musik, Musik auf hohem Niveau. Es fehlen teilweise aber die professionellen Strukturen. Die Jazzmusik wurde in den letzten Jahrzehnten viel populärer. Noch vor zehn oder zwanzig Jahren war der Jazz kaum bekannt. Viel zur Popularität beigetragen hat natürlich die Jazzparade.

Was sind die nächsten Ziele der Big Band?

Ein Ziel ist natürlich, nächstes Jahr wieder an Festivals in Amerika zu gastieren. Einige Musiker haben sich auch das Ziel gesetzt, modernere Stücke zu spielen.

Und natürlich das zehnjährige Jubiläum feiern. Mit Marvin Stamm und Frank Foster konnten wunderbare Musiker engagiert werden, die an der Jazzparade mit uns spielen werden. Das sind schwierige, aber auch sehr schöne Ziele.

Max Jendly

Max Jendly wurde 1945 in Freiburg geboren. Nach einem Wirtschaftsstudium arbeitete er unter anderem als Drucker und Journalist.

Seine musikalische Bildung genoss er an verschiedenen renommierten Universitäten im In- und Ausland.

Seit 1980 konzentriert er sich vollamtlich auf den Jazz. Als Musiklehrer unterrichtet er in Freiburg und Montreux. Jendly gab unzählige Konzerte, veröffentlichte verschiedenste Alben und komponiert M