Archiv 24.08.2002

Museums-Boom im Land des Reduit

Museums-Boom im Land des Reduit

Ehemalige Festungen und Bunker der Armee werden umfunktioniert

Mit dem Ende des Kalten Kriegs wurden in der Schweiz 13 000 Kampf- und Führungsbauten überflüssig. Ein gutes Dutzend Anlagen wurde seither in Festungsmuseen umfunktioniert. Eines davon ist das national bedeutsame Artilleriewerk Faulensee bei Spiez.

Von ANDREAS WEIDMANN, sda

Die vier Gebäude mitten im Dorf am Thunersee sind mit viel Holz und landwirtschaftlichem Gerät als Scheunen getarnt. Was sich darunter verbirgt, war bis vor kurzem auch Einheimischen kaum bekannt: Meterdicker Beton, unterirdische Gänge und vier 10,5-cm-Kanonen, errichtet zur Verteidigung von Lötschberglinie und Reduit.

Ein Hauch Reduit-Romantik

Wie in anderen Landesteilen hatte eine eigens gegründete «Stiftung Artilleriwerk Faulensee» das Werk zuvor vom Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) für einen symbolischen vierstelligen Betrag übernommen. Um die Neugierde der Bevölkerung, namentlich jener, die seit Jahrzehnten in unmittelbarer Nähe wohnt, zu befriedigen, wurde das 1941/42 erstellte Werk kürzlich erstmals für Besucher geöffnet.

In engen unterirdischen Gängen erreichen die Besucher Geschützstände, Munitionskammern, Truppenunterkünfte und Feuerleitzentrale. Der riesige Putzstock für die Kanone, die Petroleumlampe für den Notfall: Nichts fehlt, was den Militärnostalgiker begeistert und selbst im normalen Besucher einen Hauch Reduit-Romantik aufkommen lässt. Beeindruckend: 20 Kilometer, weit über die Stadt Thun hinaus, wären von hier aus im Ernstfall die Granaten geflogen.

National bedeutsam

Faulensee ist eines von rund 70 Artilleriewerken und 13 000 kleineren Objekten wie Infanteriebunkern oder Hindernissen, die mit der Armeereform 95 stillgelegt und vom VBS zum Verkauf, zum Rückbau oder zum Erhalt als Denkmal bestimmt worden sind.

Das Werk wird vom VBS als «national bedeutend» und «unbedingt erhaltenswert» eingestuft. Die Anlage mit vier unterirdisch verbundenen Geschützen mitten im Siedlungsgebiet ist laut Experten einzigartig.

Angesichts der rekordverdächtigen Schweizer Museumsdichte und der wachsenden Konkurrenz der Festungsmuseen ein nicht zu unterschätzender Vorteil: Bis Anfang der 90er Jahre existierten nämlich nur die Festungsmuseen in Vallorbe VD und Reuenthal AG. Seit 1993 wurden zusätzlich 12 Artilleriewerke zu Museen und zahlreiche weitere Objekte öffentlich zugänglich gemacht.
Die einzelnen Museen sind trotz viel Fronarbeit auf eine minima-
le Besucherzahl angewiesen. Der Markt aber ist beschränkt, wie die Zahl von jährlich 11 000 Besuchern im etablierten Museum Reuenthal zeigt.
Bernhard Stadlin, Präsident des Dachverbandes der zivilen Festungsorganisationen «Fort-CH» glaubt, «dass eine ausgewogene Streuung an Festungsmuseen erreicht ist». Eine Minderheit von Mitgliedorganisationen habe jedoch Bedenken, dass mit zusätzlichen Museen die Besucherzahlen der einzelnen Anlagen sinken könnten.

Bei der Vermarktung strebe Fort-CH eine bessere Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus an. Man tendiere zudem dazu, Anlagen «besuchbar» zu erhalten, ohne gleich ein Museum einzurichten. Viel versprechend seien Pläne, in erhaltenswerten Festungen öffentliche Archive einzurichten. Faulensee hat im ersten Betriebsjahr die zur Kostendeckung nötigen 1000 Eintritte schon erreicht, wie Stiftungspräsident Bernhard Schaller sagt. Ein Absacken der Besucherzahl soll dank einer Homepage, der Zusammenarbeit mit Tourismusorganisa-tionen sowie mit attraktiven Wechselausstellungen verhindert werden.

Artilleriewerk Faulensee, geöffnet von April bis Oktober am ersten Samstag des Monats von 14 bis 18 Uhr. Weitere Informationen unter www.fort.ch und unter www.faulensee.ch.
Chinesische Mauer der Schweiz

Ein historisches Denkmal und als solches durchaus mit der Chinesischen Mauer oder dem Atlantikwall vergleichbar: So sieht ETH-Architekt Maurice Lovisa die denkmalpflegerische Bedeutung des ehemaligen Reduits.

Maurice Lovisa ist von der VBS-Arbeitsgruppe «Natur und Denkmalschutz bei Militärischen Kampf- und Führungsbauten» (Adab) beauftragt, das Inventar über rund 13 000 deklassierte Festungslagen zu erstellen. Erhaltenswertes hat er dabei anhand militär-, kunst- und technikgeschichtlicher sowie ökologischer Kriterien auszuscheiden.

Dass es sich bei Bunkern und Panzersperren aus den Weltkriegen und dem Kalten Krieg durchaus um erhaltenswertes Kulturgut handeln könne, sei in den Köpfen noch wenig verankert, sagt Lovisa.

Eine mittelalterliche Burg sei als Denkmal akzeptiert, auch als Produkt feudaler Herrschaft. Moderne Festungen hätten «als Produkte einer Demokratie nicht weniger denkmalpflegerischen Respekt verdient». Über die Ideologie des Reduit sei damit kein Urteil gefällt.

3000 Objekte verkauft

Bisher wurden in 12 Kantonen 1190 Objekte jeder Grössenordnung als teilweise oder integral erhaltenswert eingestuft, laut Adab-Leiter Silvio Keller rund ein Viertel des gesichteten Bestands.

Sie sollen auch von den Kantonen unter Schutz gestellt werden, indem sie entweder «gehütet» oder von privaten Käufern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Bei den nicht erhaltenswerten Objekten wird zudem der Rückbau geprüft.

Seit Anfang der 90er Jahre wurden laut VBS 3000 Objekte verkauft. Grössere gingen bisher mehrheitlich an Museumsstiftungen. Weitgehend ausgeschlossen seien wegen den raumplanerischen Auflagen andere Umnutzungen, etwa als Weinkeller oder Ferienhaus. Viele Objekte, deren Abbruch nicht rentiere, verblieben deshalb beim Bund. sda

Befestigungen in der Region

Wie allgemein bekannt ist, gibt es ebenfalls im Kanton Freiburg eine grosse Zahl von Befestigungen und Bunkern, die zum Teil aus der Zeit des Ersten Weltkriegs stammen, meistens aber in den vierziger Jahren erbaut wurden.

Unter ihnen hat die Festung auf dem Euschelspass, die unter anderen mit Artilleriewaffen bestückt war, seit Jahren im militärischen Dispositiv keine Bedeutung mehr. Waffen, Munition und anderes militärisches Material ist entfernt. Der Bund behält im Moment die Anlage, da die Baracken vor dem Festungseingang noch von Truppen gebraucht werden, die den Schiessplatz Fochsen benützen.

Verschiedene andere Talsperren sind ebenfalls bereits deklassiert, so jene bei La Tzintre zwischen Charmey und Jaun. Andere sind im Moment daran, umfunktioniert zu werden, so auch das einzige grössere Artilleriewerk im Kanton. Südlich vom Städtchen Greyerz gibt es verschiedene Bunker, die ursprünglich als Artilleriewerk gedacht waren, aber nie hiefür ausgebaut wurden. Gegenwärtig interessiert sich die Standortgemeinde für eine Übernahme.

Im Kanton Freiburg gibt es somit noch keine militärische Befestigung, die öffentlich zugänglich ist. Hingegen hat der Verein der Artilleristen und Trainsoldaten des Sensebezirks im vergangenen Jahr zwei der acht Artilleriefestungsbunker auf dem Jaunpass erworben.

Drei Personen sind verantwortlich für die Verwaltung, den Unterhalt und allfällige Besuche. Die Bunker sind nämlich auf Voranmeldung zur Besichtigung offen, wobei Personen, die Nicht-Vereinsmitglieder sind, einen Unkostenbeitrag zu bezahlen haben. wb