Archiv 24.01.2004

Schwere Zeiten für den Mann

Schwere Zeiten für den Mann

Generalangriff von Genforschern auf das eigene Geschlecht: Ist der Mann am Aussterben?

Zunehmend setzt sich unter den Genforschern die Einsicht durch, dass der Mann ein Mangelwesen der Natur ist - und dass er ausstirbt. Doch bis es so weit ist, muss er noch einiges ertragen.

Von GUDRUN SACHSE

Dass Männer unter der Oberfläche im Grunde genetisch veränderte Frauen sind, ist zwar keine neue Erkenntnis, aber noch immer nicht für jeden zu verkraften. Was also geschieht erst bei der Mitteilung, mit der Wissenschaftler derzeit einen Generalangriff auf das eigene Geschlecht vornehmen, indem sie verkünden, der Mann sterbe aus? Schuld daran sei das Y-Chromosom. Das nämlich schrumpft mit alarmierendem Tempo und sieht mittlerweile äusserst unvorteilhaft aus.

Neben Bryan Sykes, Genetiker an der Universität Oxford, der sich in seinem Buch «Keine Zukunft für Adam» besorgt zeigt, ist es vor allem Steve Jones, Genetiker am Londoner University College, der die Männer das Fürchten lehrt, wenn er in seinem neuen Buch: «Der Mann. Ein Irrtum der Natur?» schreibt: «Im Laufe der Jahrtausende hat das Symbol der Männlichkeit zwei Drittel seiner Grösse eingebüsst.»

Der Defekte

Zunehmend setzt sich unter den Genforschern die Einsicht durch, dass der Mann ein Mangelwesen der Natur ist. «Männer kommen bereits mit eingebauten Defekten auf die Welt», beklagt Bryan Sykes, der menschliches Erbgut aus alten Knochenfunden gewinnt und untersucht. «Von der Spermienzahl bis zur gesellschaftlichen Stellung und von der Befruchtung bis zum Tod sind die Träger des Y-Chromosoms im Niedergang begriffen», schreibt Steve Jones.

Zu finden ist das Übel im männlichen Zellkern. Frauen tragen in ihren Zellen zwei vitale X-Chromosomen, die weit gehend identisch sind und dazu dienen, bei allfälligen Störungen sich gegenseitig zu helfen und einzuspringen. Männer dagegen besitzen ein einziges, verkürztes Y-Chromosom, das zudem die Fähigkeit, sich zu regenerieren, verloren hat.

«Das Y-Chromosom lebt im Zölibat», beschreibt Jones den Zustand, «es hat keinen Austausch mit anderen Chromosomen. Es hat keinen Sex, wie wir Genetiker sagen. In Sachen Sex enthaltsam zu sein, ist ziemlich gefährlich für ein Chromosom, denn dadurch sammelt es Schäden an.»

Mutationen und genetische Verluste gehen somit zwangsläufig vom Vater auf den Sohn über. Mit dem Mann wird es also bald vorüber sein. Doch wann? Jones glaubt, dass das Y-Chromosom «in den nächsten zehn Millionen Jahren vom Erdboden verschwinden wird». Bryan Sykes rechnet früher damit, in rund 5000 Generationen, «was ungefähr 125 000 Jahren entspricht».

Der Böse

In beiden Fällen eine lange Zeit. Muss uns das heute wirklich interessieren? Für Genetiker sei das «wie übermorgen», erklärt Jones, der sich als Hobbysoziologe betätigt: Das kränkelnde Y-Chromosom sei auch für das soziale Verhalten des Mannes verantwortlich - Schuld an nahezu allen männlichen Übeln, vom Tod durch Alkohol bis zum Risikosport. «Männer werden häufiger vom Blitz getroffen, weil sie häufiger gefährliche Dinge tun, auf Berge klettern oder Golf spielen», so Jones.

Eine These, von der der deutsche Soziologe Dieter Otten wenig hält. Das soziale Verhalten habe etwas mit der Moderne zu tun, der genetische Zerfall mit der Evolution. Dabei schlägt er in seinem Buch «MännerVersagen» auch nicht eben gütige Worte an: Otten spricht Männern generell die moralische Orientierung ab. Sie seien gewaltbereiter und krimineller als Frauen: «Wenn 99 Prozent der Gewaltdelikte von Männern verübt werden, heisst das nicht, dass 99 Prozent der Männer kriminell sind. Nur gewisse Männer sind ein Gefährdungspotenzial für die Gesellschaft.»

Der Verlorene

Sozialer Abstieg und biologischer Zerfall - Aussichten, die das Leben des eh schon gebeutelten Mannes nicht einfacher machen. Denn in Zeiten, in denen sich die Rollenvorgaben auflösen, haben es Männer besonders schwer. Frauen ist es gelungen, ein neues Bild von einer selbstbewussten und intelligenten Frau zu erschaffen, die Beruf, Beziehung und Kinder vereint.

Im Gegensatz dazu fehlt ein modernes Männerbild. «Es gibt verschiedenste Fragmente. Aber kein dominantes kulturelles Muster», weiss Otten. Männer können und müssen sich heute in der kommerzialisierten Medienwelt aus einer ganzen Serie von Männerrollen bedienen. Vom metrosexuellen Fussballer David Beckham, der seine Zehennägel bemalt, bis zum heterosexuellen Muskelprotz à la Arnold Schwarzenegger.

Der Prolet

«Männer können tun und lassen, was sie wollen, niemand sanktioniert sie, wenn sie sich schlecht benehmen», klagt Otten und führt als Beispiel Dieter Bohlen an. «Wer sich aufführt wie er, wird heute nicht von den Medien und der Gesellschaft gerügt, im Gegenteil, der wird als Star gefeiert.» Als Folge davon sieht Otten, dass sich durchsetzt, was die wenigsten Ansprüche an uns stellt: das sozial Schlechteste. «Der bequemste Weg wird beschritten: Saufen, Fressen, Draufhauen.» Kurz: Proletenhaftigkeit setzt sich durch.

Was nach mangelnder Intelligenz klingt, hat beim Mann, gemäss Soziologie, mit einer starken Regelorientierung zu tun. «Männer tun für das Einhalten der Regeln alles», weiss Otten. Die meisten Männer suchen geradezu nach hierarchischen Strukturen, denen sie sich unterwerfen können. «Sonst wären ja all die Männerbünde - Militär, Vereine, Studentenschaften - nicht zu verstehen.» Während Frauen eher Mitgefühl zeigen, suchen Männer nach einem konkreten Vorgehen, «nach dem Handbuch», scherzt Otten.

Doch das Lachen vergeht ihm rasch: Wie soll es weitergehen mit dem Mann, Herr Otten? «Schwer, schwer, schwer.» Neue Tugenden müssten entwickelt werden: «Männer müssen lernen, Gewalt nicht als Mittel der Regel zu verstehen. Es müssen partnerschaftliche Konzepte entwickelt werden. Ein Diskurs über ein anderes Männerverhalten muss beginnen. Kurz: Männer müssen sich emanzipieren.»

Der Hartnäckige

Momentan sind es aber noch die Frauen, die mit Alltags- und Berufsbelastung das Nachsehen haben. Das wird sich ändern, prophezeit Otten, da Frauen in fast allen Wissenschafts- und Berufsgebieten dominant vertreten sind und bessere schulische Leistungen erbringen. Frauen seien laut US-Studien auch die besseren Chefs. Das werden die Kapitalgeber bald einsehen.

Eine Krise für das männliche Geschlecht, wie sie Genetiker Jones ebenfalls erkannte: «Die Krise kommt nicht von aussen, sondern von innen: Ihre Ursache ist der starke Verlust an Selbstvertrauen, was sich auf der ganzen Welt bemerkbar macht.»

Daneben droht dem Mann auch noch die Gefahr von künstlichen Substanzen, so vom weiblichen Hormon Östrogen in Nahrungsmitteln und der Umwelt. Bei gewissen männlichen Tierarten habe dies bereits zu einer Geschlechtsumwandlung geführt, schreibt Sykes.

Doch damit genug der schlechten Nachrichten. «Jede Krise ist auch eine Chance», sagt Otten. Und: Er glaubt nicht, dass der Mann ausstirbt. «Wir werden durch bis dahin entwickelte Technologien in der Lage sein, selbst zu bestimmen, ob wir aussterben wollen oder nicht.»

Bücher: Steve Jones, Der Mann. Ein Irrtum der Natur?, Rowohlt, Fr. 33.60. Bryan Sykes, Keine Zukunft für Adam, Lübbe, Fr. 33.60.

Der Makel Y