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«Man muss die Bevölkerung früh einbinden»

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Spätestens seit der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative 2014 interessieren sich breite Kreise für die ansonsten eher abstrakte Raumplanung. «10-Millionen-Schweiz», «überfüllte Züge» und «Verdichtung» waren Schlagworte im Abstimmungskampf. Für die Berner Gemeinden in der Region legt die Regionalkonferenz Bern-Mittelland die Grundzüge der Raum- und Verkehrsplanung fest (siehe Kasten). Die FN luden die Präsidenten der Verkehrs- und Raumplanungskommission, Thomas Iten und Jörg Zumstein, zum Gespräch.

Vor welchen Herausforderungen steht die Regionalkonferenz Bern-Mittelland raumplanerisch?

Jörg Zumstein: Wir stehen vor der Herausforderung, genügend Wohn- und Arbeitsraum für die künftige Bevölkerung zu schaffen, ohne das Verkehrssystem zu überlasten.

Von welcher Bevölkerungsentwicklung gehen Sie aus?

Zumstein: Wir gehen für das Berner Mittelland von einer Zunahme von rund zehn Prozent bis 2030 aus. Zunehmen wird die Bevölkerung aber vor allem in den Zentrums- und Agglomerationsgemeinden. Keine Gemeinde rechnet aber mit einem Rückgang.

Muss man die Zentrums- und Agglomerationsgemeinden also verdichten, um genügend Wohnraum zu haben?

Zumstein: Wir verzichten auf den Begriff Verdichtung, weil er in der Bevölkerung falsche Vorstellungen weckt. Wir sprechen stattdessen von der Siedlungsentwicklung nach innen. Dabei wachsen die Siedlungen nicht immer weiter nach aus­sen, sondern nutzen den vorhandenen Raum besser aus. Ein Beispiel ist Golaten. Um den Bevölkerungsrückgang zu bremsen, musste die Gemeinde neue Wege suchen. Golaten ist stark landwirtschaftlich geprägt. Mitten im Dorf gibt es Landwirtschaftszonen, die man bisher nicht überbauen darf. Die Gemeinde startete deshalb einen Prozess, in dem sie innerhalb des Dorfes verfügbare Flächen suchte, anstatt gegen aussen neues Bauland einzuzonen. Man stellte fest, dass viel Volumen zur Verfügung steht, welches kaum genutzt werden kann. Man sah auch, dass man mit kleinen Eingriffen innerhalb des Dorfes zusätzliche Flächen gewinnen könnte, um qualitativ hochstehenden Wohnraum zu schaffen.

Was bedeutet das konkret?

Zumstein: Das kann bedeuten, Landwirtschaftsgebäude zu Wohnhäusern umzunutzen. Oder man betrachtet das Landwirtschaftsland im Dorfkern genauer. Macht solches Land in der heutigen Landwirtschaft noch Sinn? Oder wäre der Gesamtentwicklung mehr gedient, wenn man diese kleinen Landstücke, die ja innerhalb der Bauzonen liegen, auch den Bauzonen zuschlagen würde?

Neue Wege suchte auch Oberdiessbach mit einem Industrieareal.

Zumstein: Dieses Areal wird nicht mehr industriell genutzt. Die Gemeinde will das Areal deshalb für Wohnraum und Dienstleistungen bereitstellen. Beide Gemeinden banden die Bevölkerung von Beginn an in den Prozess ein. Sie sollte aktiv bei der Suche nach Lösungen helfen.

Warum sollen sich ländliche Gemeinden nach innen entwickeln, wenn sie ohnehin stagnieren?

Zumstein: Siedlungsentwicklung nach innen ist eine politische und rechtliche Vorgabe. Grundsätzlich kann sich keine Gemeinde mehr gegen aussen entwickeln. Gemeinden müssen heute zusätzliche Einzonungen von Bauland sehr gut begründen können.

Die Raumplanung soll ja auch Grundlagen für eine florierende Wirtschaft legen.

Zumstein: Die Wirtschaft hat sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Ein Spediteur stellt andere Anforderungen an den Standort als ein Mikroelektronikunternehmen. Die Landwirtschaft wiederum muss den Wünschen der Konsumenten nachkommen. Dafür müsste sie möglichst witterungsunabhängig sein. Grosse überdachte Produktionsanlagen widersprechen aber wieder dem schonenden Umgang mit dem Boden. Wir haben also stets widerstrebende Interessen. Wirtschaftliche Akteure wollen aus­serdem kurzfristig auf geänderte Voraussetzungen reagieren. Ein Unternehmen oder ein Landwirt kann eigentlich nicht fünf bis acht Jahre auf raumplanerische Massnahmen der Gemeinden warten. Denn der Markt erwartet bereits morgen eine Lösung. Das kann aber die Raumplanungspolitik nicht bieten.

Wie lösen Sie diese widerstrebenden Interessen auf?

Zumstein: Das Wichtigste ist, die Raumplanung zu entpolitisieren. Denn eigentlich ist Raumplanung eine Sachfrage, die gerne politisch genutzt wird. Das sieht man an den jahrzehntelangen Verkehrsdiskussionen in der Stadt Bern. Eigentlich müsste man nüchtern feststellen, dass eine Altstadt aus dem 13. Jahrhundert nicht für den heutigen Verkehr gebaut ist, erst recht nicht, wenn die Stadt auf Hügeln und in einer Flussschlaufe liegt. Überspitzt könnte man also sagen: Man passt den Verkehr dieser Stadt an. Dann muss jeder Einbussen in Kauf nehmen. Man kann zum Beispiel nicht jederzeit mit dem Auto zu seiner Wohnung fahren. Die Alternative wäre, die Stadt neu zu bauen. Dann könnte man sie perfekt auf die Bedürfnisse unserer Zeit ausrichten. Auf der Strecke bleibt dann aber das Unesco-Weltkulturerbe.

Was heisst das in der Praxis für die Verkehrsplanung?

Zumstein: Es war zum Beispiel unnötig, dass die Diskussionen um eine neue Tramlinie von Köniz nach Ostermundigen so emotional geführt wurden. Denn die Zahl der erwarteten Nutzer definiert das geeignetste Verkehrsmittel, und das war in diesem Fall wohl das Tram. Denn das Tram kann mehr Fahrgäste in weniger Zeit transportieren.

Thomas Iten: Wir müssen die Diskussion dringend versachlichen. Es bringt uns nicht weiter, die Autos gegen den öffentlichen Verkehr oder die Velofahrer auszuspielen. Die Frage ist, was ist das richtige Gefäss für welche Mobilitätsbedürfnisse. Dass der Schwarzenburger Gewerbler seine Baustelle in Köniz nicht mit dem Zug erreichen kann, ist nachvollziehbar. Wenn aber mehr Pendler die S-Bahn nehmen, bietet die Strasse Kapazität für die notwendigen Transporte.

Verkehrswissenschaftliche Erkenntnisse sind das eine. Schlussendlich entscheidet in unserer Demokratie aber immer die Bevölkerung.

Iten: Deshalb muss man die Bevölkerung möglichst früh einbinden. Die Stimmberechtigten abzuholen, ist aber gerade in städtischen Gemeinden eine Herausforderung. Dabei stellt sich unter anderem die Frage: Wie und über welche Kommunikationskanäle können wir unseren Bürgern aufzeigen, dass ein wichtiges Projekt läuft? Selbst mit dem Einsatz von Social Media gelingt der Einbezug der Einwohner nicht immer. Soziale Netzwerke können zudem auch den Widerstand gegen ein Projekt potenzieren. Auch Mitwirkungsveranstaltungen sind kein Patentrezept. Häufig sieht man dort eher die ältere Generation, die sonst schon viele Versammlungen besuchen. Eine Musterlösung gibt es nicht. Die Erfahrung zeigt, dass wir viele Gefässe aktivieren müssen. Ich denke, ländliche Gemeinden haben es da einfacher. Man kennt sich etwa aus dem Männerchor oder dem Turnverein.

Wie stark sollen sich die Gemeinden auf die Stadt Bern ausrichten?

Iten: Die Pendlerstatistiken zeigen klar, dass der grösste Anteil aller Pendler die Stadt Bern oder die Kernagglomeration durchquert. Wir wollen die Menschen dazu bringen, näher dort zu wohnen, wo sie arbeiten. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen, dass Arbeitsplätze auch aus­serhalb der grossen Zentren entstehen. Viele Bundesämter sind zum Beispiel in Ittigen angesiedelt. Da kann es hilfreich sein, wenn die Angestellten in der Agglomeration zu Hause sind und nicht über den Hauptbahnhof Bern reisen müssen. Auch Tangentiallinien, welche nicht durch die zentralen Knoten führen, entlasten die Innenstadt.

Wie könnte man die belasteten Verkehrswege weiter entlasten?

Iten: Wir haben irgendwann keinen Platz mehr für neue Infrastrukturen. Wir setzen deshalb auf Lösungen wie Homeoffice. Zudem muss es uns gelingen, die Pendlerspitzen zu brechen. Ein wichtiger Beitrag könnten Gymnasien, Hochschulen und Berufsfachschulen leisten, indem sie die Stundenpläne anpassen. Eine andere Option sind sogenannte Mobilitätshubs. So könnte man bis an den Rand der Agglomeration fahren und dort auf den öffentlichen Verkehr umsteigen. Das können zum Beispiel Park-and-Ride-Anlagen sein, auch wenn diese bislang wenig erfolgreich waren. Auf der mittleren Distanz sehe ich Potenzial für die Förderung von Veloalltagsrouten. E-Bikes bieten neue Möglichkeiten. Die 20 Kilometer von Schwarzenburg nach Bern sind durchaus mit dem E-Bike machbar. Dafür legen wir die planerischen Grundlagen. Das hat nichts mit ideologischer Veloförderung zu tun, wir wollen so schlicht die Strassen entlasten.

Warum haben Park and Rides bislang kaum funktioniert?

Iten: Wir sind offenbar einfach zu bequem. Doch die jüngere Generation ist eher weniger auf das Auto fixiert. Da kommen Alternativen wie Veloverleihsysteme oder ein gutes Angebot des öffentlichen Verkehrs zum Zug. Diese werden an Boden gewinnen. So haben die städtischen Verkehrsbetriebe Bernmobil den Betriebsschluss ausgeweitet. Das Bedürfnis ist vorhanden.

Die meisten Verkehrsprojekte der Regionalkonferenz betreffen die Stadt oder die Kernagglomeration. Was erhalten die Landgemeinden für ihr Geld?

Iten: Heute haben wir vor allem in der Stadt rein physikalisch zu wenig Platz. Wir müssen deshalb die Knoten entlasten, um Kapazitäten ausbauen zu können, von welchen ländliche Gemeinden profitieren können. Bauen wir zum Beispiel den Knoten Ausserholligen nicht aus, können wir den Takt auf der S-Bahn-Linie 6 in Richtung Schwarzenburg nicht verdichten.

Die S-Bahn Zürich hat wirtschaftlich Impulse gesetzt, aber auch Schlafdörfer geschaffen. Wie sieht das in Bern aus?

Zumstein: Je zentraler Arbeitsplätze angeboten werden, desto mehr werden aussen liegende Gebiete zu Schlafdörfern. Dies auch, weil der Wohnraum in der Agglomeration nicht günstig ist.

Iten: Auch in Bern gibt es Handlungsbedarf. Das sieht man etwa im Wankdorf, wo zahlreiche Betriebe wie die SBB oder die Post ihren Hauptsitz haben. In kommenden Etappen muss man auch Wohnungen in das Gebiet integrieren. Die Stadt Bern strebt in diesem Gebiet eine gemischte Nutzung an. So wären diese Areale in der Nacht weniger verlassen. Das Bedürfnis wäre ja da: Denn das urbane Wohnen ist im Moment recht stark nachgefragt. Schlafdörfer werden auch durch Entwicklungen wie Online-Shopping und grosse Einkaufszentren begünstigt. Die Raumplanung ist deshalb auch ein Abbild der gesellschaftlichen Realitäten.

«Das Wichtigste ist, die Raumplanung zu entpolitisieren. Denn Raumplanung ist eine Sachfrage.»

Jörg Zumstein

Präsident Raumplanungskommission

Zur Definition

Ein Gremium für die Zusammenarbeit

Die Regionalkonferenz Bern-Mittelland ist ein Zusammenschluss von rund 80 Mittelländer Gemeinden. Als eine Art Zwischenstufe zwischen Gemeinden und Kanton koordiniert sie gemeindeübergreifende Aufgaben und realisiert gemeinsame Projekte. Die zur Zeit drei Regionalkonferenzen übernehmen im Kanton Bern unter anderem Koordinationsaufgaben in den Bereichen Raumplanung, Verkehr, Kultur, Regionalpolitik und Wirtschaft. Thomas Iten, parteiloser Gemeindepräsident von Ostermundigen, präsidiert die Fachkommission Verkehr. Jörg Zumstein, Alt-Gemeinderat von Gerzensee, die Kommission Raumplanung.

sos

«Selbst mit Social Media gelingt der Einbezug der Einwohner nicht immer.»

Thomas Iten

Präsident Verkehrskommission

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