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«Mein CO2 ist auch dein CO2»

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Jacques Dubochet, Sie haben vor gut einem Jahr den Nobelpreis in Chemie bekommen, ist Ihr Leben seither anders geworden?

Mein Leben hat sich massgeblich verändert. Ich war zu dem Zeitpunkt schon seit zehn Jahren Rentner. Als ich pensioniert wurde, sagte mir meine Schwester, die weiser war als ich: Im ersten Jahr der Pensionierung triffst du keine Entscheidungen, du erlernst deine neue Rolle als Rentner. Das habe ich gemacht. Ein Jahr, zwei Jahre. Nach zehn Jahren habe ich gedacht, jetzt bist du ein guter Rentner. Und dann kam der Nobelpreis. Dann habe ich mich gefragt, was man macht, wenn man deinem Wort plötzlich so viel Macht zuschreibt, als ob man plötzlich allwissend wäre.

Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Bevor ich nach Stockholm zur Preisverleihung fuhr, hatte ich entschieden, vom Allgemeingut der Menschen zu reden. Davon, dass jeder ein Anrecht auf Wissen hat. Als Wissenschaftler kreiere ich Wissen, liefere ich Erkenntnisse. Dieses Wissen gehört allen. Und niemand hat das Recht, dieses für sich zu pachten, sei es aus persönlichen oder finanziellen Gründen.

Wissen ist das eine. Aber man muss es auch anwenden. Wir wissen nun schon seit Jahrzehnten, dass wir mit dem Treibhausgas so nicht weitermachen können – spätestens seit dem Klimaabkommen von Rio 1992 müsste die Generation, die jetzt am Drücker ist, die nötigen Konsequenzen aus diesem Wissen gezogen haben. Und dennoch hat sie es nicht getan. Wie ist das zu erklären?

Sie haben Ihre tägliche Arbeit als Journalistin gemacht, ich meine Arbeit als Forscher. Rar sind jene, die aus ihren Gewohnheiten ausbrechen, um dem die Stirn zu bieten, was der Zustand der Welt erfordern würde. Meine Verlegerin Lia Rosso beispielsweise war früher Neurobiologin. Als sie merkte, dass das Forschungsmaterial, das sie von einer Firma bezogen hatte, von Leichen stammte, die die New Yorker Polizei am Morgen einsammelte – notabene ohne die Einwilligung des Spenders – wechselte sie den Beruf.

Das braucht Mut.

Ja. Ich habe Kinder, die nicht vorhaben, es schlittern zu lassen, wie übrigens viele Junge in meiner Familie. Das ist wie bei der schwedischen Klima­aktivistin Greta Thunberg. Sie hatte mit elf Jahren eine Depression, weil sie erkannte, dass es so nicht weitergehen kann. Daraufhin hat sie ihrer Familie ein Verhalten aufgezwungen, das ihrem Wissen um die Klima­krise entspringt.

Sie setzen viel Hoffnung in die Jugend.

Ja. Mit Kindern verändert sich die Sicht der Dinge.

Sie appellieren an die Menschen, nicht so sehr das Ich, sondern das Wir zu sehen. Denkt die Jugend von heute an das Wir?

Nicht zwingend. Aber sie erkennen, die Notwendigkeit zu handeln.

Bei den Klimastreiks der Schülerinnen und Schüler wird oft kritisiert, sie würden sich nicht besser verhalten. Was sagen Sie dazu?

Wer hat sie denn erzogen? Wir konnten uns das Fliegen damals gar nicht leisten. Aber wir haben ihnen die Billigflüge auf dem Tablett serviert. Ich sage nur: Die Rolle der Alten sollte es sein, von den Jungen zu lernen.

Was muss geschehen, um die totale Klimakatastrophe zu verhindern, die unsere Zivilisation nicht packen würde, wie Sie sagen?

Um das Klimaziel von Paris zu erreichen, also die Erderwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen, muss der CO2-Ausstoss bis im Jahr 2040 bei netto null sein.

Aber wie konkret?

Das ist ganz einfach. Man muss die Leute schütteln, aber nicht mit Gewalt. Wir haben zwanzig Jahre Zeit, um aus der fossilen Energie auszusteigen.

Das scheint mir nicht so einfach zu sein. Müssen schon morgen die Autos verboten werden?

Klar. Es braucht Verbote. Schauen Sie, beim Rauchverbot in öffentlichen Räumen hat das auch funktioniert. Wir haben darüber abgestimmt, und die Leute haben es akzeptiert.

Wird das auch beim Klimaschutz so sein?

Ja. Aber es darf natürlich nicht so sein, dass zum Beispiel Strassengebühren in Stosszeiten erhoben werden, die sich der Reiche leisten kann und daher kommod um sechs Uhr in der Früh zur Arbeit fahren kann, der Arme dagegen um vier Uhr losfahren muss. Hingegen könnten wir zum Beispiel beschliessen, dass ab kommendem Montag in Morges, wo ich wohne, kein Auto mehr auf die Autobahn gelassen wird, in dem nur eine Person sitzt. Einen Monat später stellt man die Regel auf, dass mindestens drei Personen in einem Fahrzeug mitfahren müssen. Das wäre sehr gut: Erstens wäre Schluss mit den Staus, zweitens hätte es den sozialen Effekt, dass die Menschen ihre Nachbarn kennenlernen würden. Das würde keinen Rappen kosten, wäre aber eine wirkungsvolle Mass­nahme.

Das wird aber nicht passieren.

Wer sagt, dass das nicht passieren wird. Die Kinder von heute werden den Erwachsenen eines Tages vorhalten: Warum fährst du immer noch Auto? Und dann werden sie das Velo nehmen.

Ist Klimaschutz sozial verträglich? Die Gelbwesten-Bewegung, die in Frankreich ihren Anfang genommen hat wegen der Erhöhung der Benzinpreise, lässt Zweifel aufkommen.

Hier werden zwei Probleme miteinander vermischt. Es gibt ein Umweltproblem, das uns alle etwas angeht und gegen das wir etwas machen müssen. Das trifft alle, die Gelbwesten inklusive. Daneben gibt es eine grosse Ungerechtigkeit. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat aufgezeigt, dass vor dem Ersten Weltkrieg eine grosse Ungleichheit zwischen Arm und Reich herrschte. Nach den beiden Weltkriegen und der Weltwirtschaftskrise in den 1930-er Jahren verschwand jedoch eine immense Menge an Vermögen, was dazu führte, dass die Arbeit wieder einen Wert bekam. Die Leute konnten sich zum Beispiel wieder Wohneigentum leisten. Heute nun sind wir wieder an dem Punkt, wo wir Anfang des 20. Jahrhunderts waren. Die Menschen können sich durch Arbeit keine Wohnung mehr kaufen. Sie könne sich das nur leisten, wenn ihre Eltern ihnen eine Erbschaft hinterlassen. Die Arbeit wurde entwertet, und das Finanzkapital hat gewonnen. Und die Gelbwesten schreien gegen diese Ungerechtigkeit an.

Führt diese Ungerechtigkeit, welche die Mächtigen offensichtlich nicht zu beseitigen bereit sind, dazu, dass die energetische Transformation scheitert. Weil eben die Armen die Zeche bezahlen?

Die Reichen interessieren sich nur für ihr Geld und sie sind davon so besessen, dass sie darauf vertrauen, sich damit ganz allein aus der Affäre ziehen zu können. Sie denken sich: Ich, mit meinem Geld, meinem Alter, ist mir doch egal, wenn es Stau auf den Stras­sen gibt. Ich kann ja den Hubschrauber nehmen. Sie denken anders, diese Klasse der Mächtigen ist ein Problem.

Es braucht also die Revolution von unten?

Ja. Es braucht den Druck von unten und den technologischen Fortschritt. Angesichts der Gewalt, mit der sich die Klimakrise und die Umweltpro­bleme manifestieren, sorge ich mich allerdings, dass die Menschen gewaltsam werden könnten. Bei 140 Millionen Bangladesher, deren Land in einigen Jahrzehnten wahrscheinlich nicht mehr bewohnbar sein wird, kann nur eine engagierte, starke und intelligente Politik vor Gewalt schützen.

Es braucht eine Revolution. Keine gewalttätige, aber es braucht den Druck von unten und den technologischen Fortschritt.

Bei der Debatte für ein neues CO2-Gesetz im Nationalrat gab es den typischen Rechts-links-Graben. Ist Klimapolitik eine Gesinnungsfrage? Eine parteipolitische Frage?

Ja, das ist so. Und das ist dumm, denn mein CO2 ist auch dein CO2. Es gibt sowohl in rechten wie linken Parteien feinsinnige und intelligente Leute. Vielleicht sind die Abgeordneten der rechten Parteien zu sehr mit der Wirtschaft verstrickt, als dass sie den Menschen die Augen öffnen könnten für die Umwelt- und Klimakrise. Ich vertraue darauf, dass sich das ändern wird, und die Jungen werden uns helfen, adäquate Massnahmen zu er­greifen.

Zur Person

Unterstützer der Gletscherinitiative

Jacques Dubochet wurde 1942 in Aigle im Kanton Waadt geboren. Ein Grossteil seiner Kindheit verbrachte er im Wallis in einem protestantisch geprägten Milieu. Sein Vater war Ingenieur. Seine Mutter kümmerte sich um die vier Kinder. Dubochet studierte Physik an der Polytechnischen Hochschule der Universität Lausanne. In Genf und Basel promovierte er in Biophysik. 2017 erhielt er den Nobelpreis für Chemie zusammen mit Joachim Frank (USA) und Richard Henderson (GB). Sie wurden für ihre Arbeiten zur Kryo-Elektronenmikroskopie ausgezeichnet. Dubochet unterstützt die Gletscher­initiative, um den Klimaschutz in der Verfassung zu verankern. 2018 kam sein Buch «Parcours» heraus. Mit seiner Frau Christine ist er Mitglied von «Klima-Grosseltern». Die ganze Familie engagiert sich zudem für Migrantinnen und Migranten.

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