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«Meine Tochter wurde zwischengelagert»

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«Es ist ein Armutszeugnis für den zweisprachigen Kanton Freiburg», sagt Anna Müller*. Sie und ihre Familie aus dem Sensebezirk haben in den vergangenen Monaten hautnah erfahren, was es heisst, wenn stationäre Therapieplätze für Deutschsprachige mit Essstörungen im Kanton Freiburg fehlen. Ihre an Anorexie leidende Tochter musste monatelang auf einen Platz in einer Berner Klinik warten. «Wir als Familie waren der Situation ausgeliefert.»

Zeichen rasch erkannt

Angefangen hat alles im vergangenen Herbst. Anna Müllers dreizehnjährige Tochter Nina* zeigte plötzlich ein auffälliges Essverhalten. Ihre Mutter erkannte die Zeichen schnell, sie ist sensibilisiert: «Ich hatte eine Schulkollegin, die sich zu Tode hungerte.» Sie wandte sich an die Schulpsychologin, und diese riet ihr, sich beim Hausarzt zu melden.

Der Hausarzt stellte ein leichtes Untergewicht fest, auch der Blutzucker war zu tief, und er erkannte erste Anzeichen von Magersucht. Er verwies Mutter und Tochter an eine Kinderärztin im Kantonsspital Freiburg, an das Freiburger Netzwerk für psychische Gesundheit (FNPG) und an eine Fachärztin.

«Meine Tochter erkannte das Problem damals nicht, sie fühlte sich gesund», erzählt die Mutter. Als die Kinderärztin des Kantonsspitals Nina beim ersten Besuch gleich dabehalten wollte, hatte sie einen Schock und tobte. Doch sie musste bleiben, unter der Auflage, dass sie isst und ein gewisses Zielgewicht erreicht. Eine Ernährungsberaterin kam vorbei, zwei Psychiaterinnen des FNPG machten eine Bestandesaufnahme. Eine Therapie gab es im Spital nicht, sie sollte zunächst ambulant stattfinden.

Sobald Nina also wieder zu Hause war, besuchte sie einmal pro Woche eine deutschsprachige Psychologin des FNPG und zwischendurch eine deutschsprachige Fachärztin. Regelmässig musste sie ins Kantonsspital zur Gewichtskontrolle; sobald sie zu leicht war, musste sie bleiben. Phasenweise wurde sie mit einer Magensonde ernährt.

«Meine Tochter erkannte das Problem zuerst nicht, sie fühlte sich gesund.»

 

Während der Behandlung im Spital gab es keine psychologische Begleitung. Die ambulante Therapie bei der Psychologin und der Fachärztin konnte sie nicht fortsetzen. Die Versicherung hätte die Kosten nicht übernommen, da Nina ja bereits stationär behandelt wurde. «Jedes Mal, wenn Nina im Spital landete, musste ich die ambulanten Termine absagen. Neue konnten wir keine abmachen, weil wir nicht wussten, wie lange sie bleiben muss», sagt Anna Müller. «Sobald sie draussen war, musste sie auf einen Termin bei der Psychologin und der Fachärztin warten.»

So ging das Hin und Her los: Die Tochter konnte zu Hause kaum essen, sie nahm so weit ab, bis sie ins Spital musste. Dort konnte sie essen, bis sie schwer genug war, um nach Hause zu gehen. Und nahm dort wieder ab. Dazwischen gab es unregelmässige ambulante Therapietermine.

In Klinik angemeldet

Es wurde Januar, und klar, dass eine ambulante Therapie nicht anschlug. Die Psychologin des FNPG meldete Nina bei der Klinik Neuhaus im Kanton Bern an. Weil es keine Vereinbarung zwischen dem Kanton Freiburg und der Institution gibt, kam sie auf eine Warteliste. Denn stationäre Therapieplätze sind rar, und Berner Patienten haben Vorrang.

Nina Müller ging es immer schlechter. Nach dem vierten Spitalaufenthalt zu Hause konnte sie zehn Tage am Stück nichts essen. Sie hatte einen viel zu tiefen Blutdruck und Albträume. Herzrasen und ein gefährlich tiefer Puls wechselten sich ab. Eines Nachts brach sie zusammen. Und kam wieder ins Kantonsspital.

Diesmal wurden ihr zwei Psychologinnen des FNPG zur Seite gestellt. Es war aber nicht möglich, dass die deutschsprachige Psychologin, die Nina bereits ambulant behandelt hatte, sie im Spital weiter betreute. Die neuen Therapeutinnen sprachen nur Französisch, die dreizehnjährige Nina beherrscht die Sprache aber kaum. Die Therapiesitzungen wurden darum übersetzt. «Der Übersetzer konnte nicht besser Französisch als ich und übersetzte teilweise falsch», erzählt Mutter Anna Müller. «Für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass am Kantonsspital eines zweisprachigen Kantons keine deutschsprachige Psychologin zur Verfügung steht.» Weshalb sie beim FNPG intervenierte. In der Folge holte sie ihre Tochter einmal in der Woche im Spital ab und brachte sie zu ihrer angestammten Psychologin.

Im Spital setzten die Therapeutinnen Nina einen engen Rahmen: Zu Beginn durfte sie nur eine halbe Stunde pro Tag das Handy brauchen, eineinhalb Stunden Fernsehen und eine Stunde Besuch empfangen. Nahm sie zu, nahmen auch ihre Freiheiten zu. «Nach Startschwierigkeiten funktionierte das eine Zeit lang recht gut», sagt Anna Müller. Doch dann kam der Rückschlag: Nina erwischte eine Magen-Darm-Grippe, von der sie sich schlecht erholte. Sie nahm ab. Die Therapeutinnen stuften sie zurück, Handy-, Fernseh- und Besuchszeit wurden wieder gekürzt. Die Begründung: Es sei nicht sicher, ob sie wegen der Grippe erbrach oder wegen der Anorexie. «Das hat Nina die ganze Motivation genommen», sagt ihre Mutter. «Sie war am Boden zerstört.»

Mitte April dann ein Hoffnungsschimmer: Die Familie fuhr für ein erstes Gespräch in die Klinik Neuhaus in Ittigen. «Meine Tochter sagte zuerst, sie wolle nicht dahin.» Doch dann habe sie die Anlage im Grünen gesehen, auf der auch Tiere leben. «Das Gespräch war gut, und meine Tochter änderte ihre Meinung. Sie freute sich auf die Klinik.»

Warten im Spital

Nina musste weiter warten im Kantonsspital. An der Behandlungsmethode änderte sich trotz Gesprächen mit der Familie nichts. «Die Therapeutinnen waren nicht bereit, etwas anderes zu probieren, sie waren sehr fixiert auf ihren Ansatz», sagt Anna Müller. «Meine Tochter wurde einfach weggesperrt, zwischengelagert im Kantonsspital.»

Das Freiburger Netzwerk für Psychische Gesundheit realisierte, dass es im Kantonsspital nicht weiterging. «Die FNPG-Leute machten Druck, damit Nina endlich ins Neuhaus gehen konnte, das halte ich ihnen zugute.» Ende Mai war es so weit. Zu dem Zeitpunkt ging es Nina sehr schlecht. Wie die Eltern erst im Neuhaus erfuhren, hatte Nina in den letzten drei Wochen im Spital kaum gegessen. Anna Müller stockt beim Erzählen, zum ersten Mal. «Eine Pflegerin im Neuhaus sagte: Jetzt müssen wir Nina erst einmal aus der lebensbedrohlichen Situation herausholen.»

Das gelang in der Klinik. Durch die enge Begleitung tat sich in Ninas Kopf etwas, und sie nahm zu. Mitte August konnte sie entlassen werden. Sie befindet sich noch immer in ambulanter Behandlung, doch Anna Müller ist zuversichtlich, dass ihre Tochter wieder ganz gesund wird.

Die Familie hat sich in den Monaten der Behandlung hilflos gefühlt. «Meine Tochter nach Hause zu nehmen war keine Option, da sie nichts essen konnte. Im Spital ging es ihr aber auch schlecht», sagt die Mutter. Es blieb nur das Warten auf einen freien Platz in Bern.

Bisher hat der Kanton Freiburg zwar eine Konvention mit einer auf Essstörungen spezialisierten Waadtländer Institution, aber nicht mit einer Berner. Die Freiburger Gesundheitsdirektion begründet dies mit der Wahlfreiheit: Man wolle keine Konvention mit einer einzelnen Institution, damit die Patienten aus verschiedenen Kliniken wählen könnten (die FN berichteten). Für Anna Müller ist eine Konvention aber eine «absolute Notwendigkeit», um zu verhindern, dass sich ihre Geschichte wiederholt. Das sei auch im Interesse des Kantons, denn das Warten im Spital generiere Kosten, die nicht nachhaltig seien. Und es brachte grosses Leiden für die Familie.

*Namen geändert

Reaktionen

Deutschsprachige FNPG- Psychiaterin ab November

«Ja, wir hatten das Problem, dass wir zu wenig deutschsprachiges Personal hatten», sagt Anca Plop. Sie ist Leitende Ärztin beim Freiburger Netzwerk für Psychische Gesundheit (FNPG) und zuständig für die Beziehung des FNPG zum Freiburger Spital HFR. «Das FNPG hat zwei Psychiater, die tagsüber in den Lokalen des Kantonsspitals tätig sind, abends gibt es einen Pikettdienst», erklärt sie. In der Zeit, in der Nina Müller* wegen einer Essstörung (siehe Haupttext) im Kantonsspital war, seien effektiv nur französischsprachige FNPG-Therapeutinnen dort tätig gewesen. Sie hätten mit Übersetzern gearbeitet, was in den meisten Fällen gut funktioniert habe, sagt Plop.

Ab November werde eine komplett zweisprachige FNPG-Ärztin im Spital-Team vertreten sein. «Wir schauen bei der Einstellung von neuem Personal darauf, dass dieses beide Sprachen beherrscht und wir genügend Deutschsprachige im Team haben», sagt Plop. Es sei aber nicht so einfach, zweisprachige Psychiater zu finden.

Aus technischen Gründen sei es wichtig, dass das im Spital tätige FNPG-Personal die dort stationierten Patienten behandle. Deshalb sei es nicht möglich, dass jemand von aus­serhalb, der einen Patienten bereits ambulant betreut hat, ins Spital komme. «Wenn sich ein Patient im Spital befindet, geht es ihm offensichtlich schlechter, also braucht er auch eine andere Betreuung.»

HFR-Sprecherin Jeannette Portmann sagt, das Spital sei in erster Linie für eine somatische und nicht psychiatrische Behandlung zuständig. Kinder und Jugendliche mit einer Essstörung würden wegen Komplikationen einer Unterernährung in der pädiatrischen Klinik des HFR stationär behandelt. Diese Behandlung bestehe in einer Gewichtszunahme. «Danach werden die Patienten in die weitere ambulante Betreuung oder in Erwartung eines Platzes in einer Spezialklinik entlassen.»

Für eine stationäre verhaltenstherapeutische Behandlung seien Spezialisten der Kinderpsychiatrie verantwortlich, nicht das HFR. Eine solche Behandlung sei sehr komplex, bedürfe einer Reihe von Spezialisten und spezifischer Infrastruktur. Stationäre Aufenthalte in der Pädiatrie seien nur am Standort Freiburg möglich und nicht anderswo, etwa in Tafers. Das Spital arbeite eng mit den Spezialisten des FNPG zusammen.

nas

*Name geändert

Zur Krankheit

Die Anorexie verbietet das Essen

Menschen, die an Anorexie leiden, haben ein sehr restriktives Essverhalten. Sie können nur sehr wenig oder gar nichts mehr essen. Im Zentrum steht das Körperbild und die grosse Angst, an Gewicht zuzunehmen. «Bei einem jugendlichen Körper wird dadurch die Entwicklung stark gestört», sagt Psychologin Annette Cina. Anna Müller* ist die Mutter einer Jugendlichen, die mit der Krankheit kämpfte (siehe Haupttext). «Meine Tochter sagte immer: Ich will essen, aber ich kann nicht», erzählt sie. Eine Stimme im Kopf habe ihr das Essen verboten. Bei massivem Untergewicht müssen Patienten behandelt werden, bis sie ein Gewicht haben, das eine normale körperliche Entwicklung zulässt, wie Psychologin Annette Cina sagt. Gleichzeitig brauchten sie eine psychotherapeutische Begleitung, die ihnen hilft, mit ihrem Denken und Fühlen und mit Essen besser umgehen zu können. «Die Behandlung dauert meist sehr lange. Teils leiden Betroffene ein Leben lang daran.»

nas

*Name geändert.

Betroffene und Angehörige können Hilfe suchen beim landesweiten Netzwerk Essstörungen oder bei der Arbeitsgemeinschaft Essstörungen Schweiz sowie bei Prävention Essstörungen Praxisnah. www.netzwerk-essstoerungen.ch www.aes.ch www.pepinfo.ch

 

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