Heiner Frei 11.04.2013

Ein Arzt schwimmt gegen den Strom

Ein Pionier bei der Behandlung von ADS und ADHS mit Medikamenten auf homöopathischer Basis: Heiner Frei. Bild Aldo Ellena
Heute ist Heiner Frei Kinderarzt in Laupen und behandelt 80 Prozent der Krankheiten mit Homöopathie, darunter viele ADHS-Patienten. Früher war er Oberarzt an der Abteilung für Kinderonkologie und Hämatologie am Unispital Bern.

Er ist ein Rufer in der Wüste, aber kein Prophet: Heiner Frei ist Arzt, Schulmediziner und Homöopath, Spezialarzt FMH für Kinder und Jugendliche. Und ein Mann, der sich dafür entschieden hat, im Leben die Kurve zu kriegen. Denn im Grunde war seine Spur vorgezeichnet, als Arzt mit gutem Leistungsausweis stand ihm die akademische Karriere offen. Aber «als wir unsere jüngste Tochter bekamen, sah ich ein, dass sich eine Familie mit vier Kindern nicht mit dieser Laufbahn vereinbaren lässt», erklärt Frei rückblickend. 1987 entschloss er sich, in Laupen eine eigene Praxis zu eröffnen.

An Grenzen gestossen

Dort stiess er jedoch an Grenzen. Im Spital war er vor allem in der Kinderonkologie (Krebsmedizin) tätig und fand es richtig, die schweren Krankheiten mit den Methoden der Schulmedizin zu behandeln. In der Kinderarztpraxis in Laupen versagte dieses Instrumentarium jedoch nicht selten: Symptome bessertennur vorübergehend, Nebenwirkungen machten zusätzliche Konsultationen nötig. Auf der Suche nach Alternativen stiess er auf die Homöopathie. Skeptisch zunächst begann er dennoch 1987 eine Ausbildung in klassischer Homöopathie.

Zu Beginn war er erstaunt, dass er Dinge zuwege brachte, die ihm zuvor nicht gelungen wären. Beispielsweise ein Knabe mit einem heftigen Husten: Frei hatte nach drei Monaten alles schulmedizinische Pulver verschossen und war bei der Anwendung von Kortison angelangt. Als alles nichts nützte, versuchte er es mit Homöopathie – und erreichte die Heilung innert einer Woche.

Wirksamkeit erforscht

Inzwischen ist Frei nicht nur ein gefragter Arzt mit ständig ausgelasteter Praxis, er ist auch eine Koryphäe was die wissenschaftliche Erforschung derWirkung von Homöopathie anbelangt. Die Krux damit sei, dass man zwar sehe, dass Homöopathie wirke, aber nicht wisse wie. Der Grund liegt laut Frei darin, dass bei der Herstellung der Präparate die Substanz in einem schlichten Prozess mit repetitiver Verdünnung und Verschüttelung so weit bearbeitet wird, dass molekular nichts mehr von der Ausgangssubstanz vorhanden ist. Dass homöopathische Ärzte also wissen, wie und aus was ein Medikament hergestellt wird, aber nicht erklären können, weshalb es wirkt, lässt für Kritiker nur einen Schluss zu: alles Placebo. Was zur Anwendung komme, seien Selbstheilungskräfte, aktiviert durch den Glauben an die Wirkung der Medikamente. Homöopathen als moderne Kügeli-Schamanen?

Schwierigste Patienten

 Frei ist als Kinderarzt häufig mit ADS/AHDS-Patienten (siehe Kasten) konfrontiert. Nach gängiger Methode werden diese mit Stimulantien behandelt – «Amphetaminen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, und die breit zu streuen bedenklich ist», wie Frei meint. Da er in seiner Laupener Praxis aber bei 70 bis 80 Prozent der Kinder positive Resultate mit der Homöopathie erzielte, ging er auf die Universität Bern zu und regte eine Doppelblindstudie an. Bern ging auf den Vorschlag ein und wollte Frei genau das beweisen, was er zu widerlegen versuchte, nämlich dass die Wirkung der Homöopathie auf einem Placebo-Effekt beruht.

 «Die Kinderneurologenschickten mir die schwierigsten Patienten, die sie finden konnten», erinnert sich Frei. Während der Studie stiess er auf ein weiteres Problem beider homöopathischen Behandlung: Diese erfolgt nicht nach einem einfachen Schema, beispielsweise Husten erfordert Hustensirup. Damit das bestpassende homöopathische Mittel gefunden werden kann, müssen alle Symptome des Patienten genau bekannt sein, detaillierter als das in der Schulmedizin üblich ist. Frei sah, dass es bei den ADHS-Patienten zuverlässige und unzuverlässige Indikatoren für die Mittelbestimmung gibt und entwickelte aus dieser Erkenntnis heraus die Polaritätsanalyse, mit der sich das richtige Arzneimittel reproduzierbar bestimmen lässt.

«Das war die Wende», sagt Frei. Nicht nur dass die Studie an der Universität Bern erfolgreich abgeschlossen und 2005 in der renommierten Wissenschaftszeitschrift «European Journal of Pediatrics» publiziert wurde, an der Uni begann teilweise auch ein Umdenken. «Man fing an, mir Patienten zu schicken.»

Wenn Frei am Tisch in seiner fast heimeligen Praxis in der Laupener Altstadt sitzt und spricht, macht er immer wieder eine Pause. Er wägt die Worte ab, gestikuliert teilweise und muss lachen, als er gefragt wird, ob man als Homöopath nicht ein wenig Berufsrevoluzzer sei in einer Branche, in der mächtige Lobbys wie die Pharmaindustrie am Werk seien. «Nein», meint er zurückhaltend, «oder vielleicht ein wenig – eigentlich will ich meinen Kollegen bloss erklären, wie sie mit einer guten und kostengünstigen Methode erfolgreich heilen können.»

Frei praktiziert Homöopathie Hand in Hand mit der Schulmedizin–«denn Homöopathie ist kein Allheilmittel», und die Nachfrage ist so gross, dass er 24 Stunden am Tag arbeiten könnte. Der Grund ist einfach: Die Eltern sehen den Erfolg und wie angenehm die Medizin bei den Kindern anzuwenden ist.

Vorurteile bestätigen

Das hält die Kritiker nicht davon ab, scharf zu schiessen – wissenschaftliche Studien hin oder her. Bekommt das Menschenbild da nicht Risse? Frei verneint – aber später im Gespräch kommt er darauf zurück. «Was Risse bekommen hat, ist mein Bild von der Wissenschaft.» Früher sei er davon ausgegangen, dass Wissenschaft dem Erkenntnisgewinn diene. «Heute weiss ich, dass es oft bloss um die Bestätigung der eigenen Vorurteile, um Geld und um Macht geht.»

Frei lässt sich dadurch nicht verdriessen–was zählt, ist schliesslich die Praxis. Das Leben als Kinderarzt ist aber auch anstrengend. «Manchmal gibt es unruhige Tage, oder ich komme nicht weiter.» Wenn er dann abends gegen sieben die Treppe in seine Wohnung hochsteigt, hat er Musik im Kopf. Er weiss genau, ob er heute Bach, Beethoven oder Mozart hören wird, um sich zu «restrukturieren».

Das Leben als Kinderarzt ist aber auch schön. «Einmal», erzählt er, «musste ich ein 11-jähriges Mädchen, das depressiv war, weil sein Pony eingeschläfert werden sollte, behandeln.» Das Tier hatte einen entzündeten Huf und wurde vom Veterinär aufgegeben. Frei gab die homöopathischen Medikamente dem Pony, das am nächsten Tag aufstand und noch 15 Jahre lebte – und heilte dadurch auch das Mädchen.

ADS/ADHS: Behandeln ohne Chemiekeule

D ie Ursachen des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms (ADS oder ADHS, wenn Hyperaktivität dazukommt) sind nicht definitiv geklärt. Es wird angenommen, dass es sich um eine neurobiologische Funktionsstörung im Gehirn handelt. Das heisst, dass Botenstoffe wie Dopamin, Noradrenalin und Serotonin nicht in der gewünschten Weise arbeiten. Das Phänomen wird bei Kindern meist mit Ritalin, das den Wirkstoff Methylphenidat enthält, behandelt. In den letzten Jahren ist die Anzahl der Kinder, bei denen ADS/ADHS diagnostiziert wurde, stark gestiegen. Entsprechend hat auch die Verschreibung von Ritalin zugenommen. Die Anwendung von Ritalin wird jedoch kontrovers diskutiert: Das Medikament steht auf der Dopingliste und wird auf dem Schwarzmarkt als Droge gehandelt (Kiddie-Koks). Heiner Frei hat zwischen 2001 und 2005 zusammen mit der Kollegialen Instanz für Komplementärmedizin an der Universität Bern eine Studie zur Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln bei der Behandlung von ADS/ADHS erstellt. Dabei wurde bei 62 Kindern die Wirkung von Placebos mit denen einer individuell ausgewählten homöopathischen Medikation verglichen. Im Langzeitverlauf hat sich gezeigt, dass 75 Prozent der Kinder allein mit Homöopathie behandelt werden können, und dass aus der Behandlung eine andauernde Reduktion der ADHS-Symptomenintensität um über 50 Prozent resultiert. hw

Zur Person

Von Bern nach Afrika und zurück

1950 wurde Heiner Frei in Brugg geboren. Er studierte Medizin in Bern und nahm in einem Zwischenjahr am ersten Einsatz des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) in Tschad und Niger teil. Nach dem Staatsexamen 1977 spezialisierte er sich auf Pädiatrie mit den Schwerpunkten Kinderchirurgie, Intensiv- und Entwicklungsmedizin sowie Neonatologie (Pathologie und Physiologie Neugeborener). Von 1984 bis 1987 war er Oberarzt für Hämatologie (Krankheiten des Blutes und blutbildenden Organe) sowie Onkologie (Krebsprävention und -behandlung) an der Uniklinik für Kinder Bern. Seit 1987 hat er eine kinderärztliche Praxis in Laupen. Zugleich begann er die Ausbildung in klassischer Homöopathie. Ab 1996 erforschte Frei die Wirksamkeit homöopathischer Behandlung mit klinischen Studien. Von 2001 bis 2005 war er Studienleiter der homöopathischen Doppelblindstudie der Uni Bern. Die Forschungsergebnisse wurden in mehreren Büchern und Artikeln publiziert.hw