Schwarzenburg 30.04.2015

Es ging nur um den Weltfrieden

Der Entwurf des «Zimmerwalder Manifests» ist im Regionalmuseum Schwarzwasser ausgestellt. Bild Aldo Ellena
Im früheren Bauerndorf Zimmerwald fand 1915 eine geheime Friedenskonferenz statt. Sie gilt als ein Stück Weltgeschichte. Eine Ausstellung in Schwarzenburg erklärt, warum das so ist.

Ganz sicher sind sich die heutigen Einwohner von Zimmerwald nicht, ob sie das Jubiläum feiern sollen. Deshalb war lange nicht klar, wie das 100-Jahre-Jubiläum der «Zimmerwalder Konferenz» begangen werden soll. Dieses Wochenende nun starten die Anlässe für das Gedenken an die Konferenz. Neben mehreren Anlässen (siehe Kasten) führt das Regionalmuseum Schwarzwasser in Schwarzenburg eine Ausstellung zum Thema durch.

Im September 1915, mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges, traf sich im Hotel Beau Séjour in Zimmerwald eine Gruppe von 40 Personen, die vorgab, ein Ornithologenverein zu sein. Sie waren mit vier Pferdewagen aus Bern angereist. Doch ihr Interesse galt nicht den Vögeln, sondern dem Weltfrieden. Tatsächlich waren es Vertreter von linken Parteien aus zwölf Ländern. Sie wollten besprechen, wie sie die Massen mittels Weltrevolution zum Aufstand gegen ihre Herrscher bewegen konnten. Dies mit dem Ziel, sofort Frieden an den Fronten einkehren zu lassen, fasst Urs Rohrbach, Kurator des Museums, zusammen.

Eingeladen hatte der SP-Nationalrat Robert Grimm. Der aus heutiger Sicht bekannteste Teilnehmer der Konferenz war der damals im Schweizer Exil lebende Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich der Geheimhaltung halber Lenin nannte. Das Ergebnis war das Manifest der «Zimmerwalder Bewegung», das Jahre später in eine Spaltung der linken Parteien in einen moderaten und einen radikalen Flügel führte. Dies auch deshalb, weil die «rechten» Sozialdemokraten überall für den Krieg und die Aufrüstung votiert hatten.

Aus den beiden Flügeln entstanden sozialdemokratische und kommunistische Parteien in vielen Ländern. In Kiental wurden die Beschlüsse des Treffens im Jahr danach bestätigt. Teilnehmer der «Zimmerwalder Konferenz» führten nach dem Krieg Revolutionen in Deutschland, Österreich und Sowjetrussland durch.

Wiege des Kommunismus

Die Ausstellung, welche dieses Wochenende im Regionalmuseum in Schwarzenburg beginnt, befasst sich mit der Konferenz anhand ihrer beiden Hauptfiguren Grimm und Lenin. Ihre Biografie ist der rote Faden durch die Ausstellung, einer Reise von den Anfängen der Arbeiterbewegung bis heute. Im Vordergrund stehen die direkten Folgen wie die Gründung der Sowjetunion durch Lenins Kommunisten und der Generalstreik in der Schweiz, an dessen Spitze Grimm stand. Schliesslich schauen die Verantwortlichen zurück auf den schwierigen Umgang der späteren Zimmerwalder mit dem Andenken an die Konferenz.

Der Kommunismus erblickte in Zimmerwald das Licht der Welt: Fritz Brönnimann, parteiloser Gemeindepräsident der heutigen Gemeinde Wald, zu der Zimmerwald gehört, findet diese Aussage gar nicht so gewagt. «Der Anlass war jedoch als Friedenskonferenz gedacht», sagt er, die Spaltung der Arbeiterbewegung habe dabei noch nicht zur Debatte gestanden. Sie feierten ja nicht einen Anlass, der nur die radikale Linke betreffe: «Wir zeigen hier Fakten, das ist Geschichte.» Es gehe auch nicht darum, für die eine oder andere Partei Werbung zu machen.

Dennoch dauerte es eine Weile, bis sich der Gemeinderat von Wald dazu durchringen konnte. «Es gab auch bei uns viele Leute, die den Kopf in den Sand gesteckt haben», erinnert sich Brönnimann. Die Haltung sei ambivalent gewesen. «Aber die Wissenschaft ist sich heute einig: Der Anlass war historisch bedeutungsvoll.» Rohrbach verweist auf 1965, als sich rechtsgerichtete Politiker zu einer Konferenz nach Zimmerwald einfanden, um–nach eigenem Bekunden–ein Zeichen für die Demokratie zu setzen. «Wir wollen einen unbefangenen Blick auf diese Zeit und vor allem die Lebensverhältnisse damals im Krieg werfen», fasst Kurator Rohrbach zusammen. Das Gedenken gelte dem Kampf um den Frieden in der Welt.

Niemanden interessierte es

Während rund zwei Jahren wurde die Ausstellung organisiert, die Exponate mussten aufwendig zusammengesucht werden. Warum sich Grimm ausgerechnet für Zimmerwald als Standort entschied, ist nicht restlos geklärt. Eine Mischung von Nähe zu Bern und ländlicher Anonymität habe eine Rolle gespielt, sagt Brönnimann, und persönliche Kontakte von Grimm.

Auffällig ist im Rückblick das Desinteresse der Behörden an der Konferenz. Sie stiessen sich am abendlichen Tanz, in der Realität waren es aber wohl eher heftige Debatten und das Singen der Internationalen. Auch störte die Behörden, dass der Wirt die Polizeistunden nicht einhielt und seine Gäste nicht bei der Fremdenpolizei angemeldet hatte. Rohrbach hält fest: «Für den Schweizer Geheimdienst war die Konferenz einfach nicht wichtig genug.» Die Sache wurde erst bekannt, als die SP-Parteizeitung «Berner Tagwacht» zehn Tage danach darüber berichtete.

www.regionalmuseum.com

Zu den Personen

Das «Who is who» der linken Parteien

Die genaue Zahl der Teilnehmer an der «Zimmerwalder Konferenz» ist unbekannt, es werden gegen 40 gewesen sein. Sie vertraten zwölf Länder mit je mindestens einer linken Gruppierung. Lenin, Leo Bronstein (Trotzki), Paul Axelrod und Gregor Sinowjew vertraten die beiden Flügel der «Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands», Karl Radek kam für die polnische und Angelica Balabanova für die italienische Sozialistische Partei, für die mächtige deutsche SPD war Georg Ledebour anwesend. Die SP-Führungsriege mit Charles Naine, Fritz Platten, Ernest Graber und Robert Grimm waren für die SP Schweiz vor Ort. Die Gruppe beschloss die Einrichtung einer «Internationalen Sozialistischen Kommission» in Bern. Ein Teil spaltete sich als «Zimmerwalder Linke» von der moderateren Mehrheit ab, unter ihnen Lenin und Platten, der Gründer der Kommunistischen Partei der Schweiz.fca

Zum Programm

Die weiteren Anlässe zu 100 Jahre Zimmerwald

Am Samstag, 2. Mai, findet im Regionalmuseum Schwarzwasser in Schwarzenburg die Vernissage der Ausstellung «Zimmerwalder Konferenz–Grimm und Lenin in Zimmerwald» statt. Die Ausstellung ist bis 22.November jeweils am Sonntag offen. Am 5. September geht der Gedenkanlass in Zimmerwald über die Bühne. Auch im September laden die historischen Abteilungen der Universitäten Bern und Basel zu einer Tagung von Nachwuchswissenschaftlern ins Schloss Münchenwiler ein. Parallel dazu sprechen Historiker und Vertreter linker Parteien in Bern zur internationalen Antikriegsbewegung. Unter den Gästen sind SP-Schweiz-Präsident Christian Levrat sowie der deutsche Oppositionsführer Gregor Gysi (Linke). An der Uni Bern wird eine Vorlesungsreihe angeboten. Das Jubiläumsjahr endet mit einem Liederabend in Riggisberg und einem Filmabend im Schloss Schwarzenburg.fca