Alpabzug 04.10.2012

Mit Kuh und Kamera vom Berg ins Tal

Am frühen Morgen schmücken die Bauern ihre Kühe für den 36 Kilometer langen Alpabzug von der Bire nach Albligen. Bild zvg
Miriam Ernst hat den Alpabzug von der Alp Bire nach Albligen mit der Kamera begleitet. Mit dem Dokumentarfilm, der am Samstag Premiere feiert, will sie dem Publikum nicht nur das eindrückliche Glockengebimmel näherbringen.

Um vier Uhr morgens beginnt der grosse Tag auf der Alp Bire. Für alle fünf Mitglieder der Familie Mäder und ihre Helfer gibt es einen grossen Teller Rösti–schliesslich haben sie heute einen langen Weg vor sich. Mit ihren Tieren tritt die Familie den Rückweg von der Alp am Fuss des Gantrischs über Riffenmatt und Schwarzenburg nach Albligen an. 36 Kilometer lang ist er. Mäders sind nicht die Einzigen, die beim traditionellen Abzug dabei sind: Rund 90 aufwendig geschmückte Kühe, Rinder, Ziegen, Pferde und zwei Esel treiben die rund 40 beteiligten Frauen, Männer und Kinder gemeinsam ins Tal. Im Film «Vom Bärg i ds Tal» dokumentiert Miriam Ernst dieses grosse Ereignis, welches das Ende des Alpsommers einläutet.

«Kleine und grosse Welt»

Ernst ist in Schwarzenburg aufgewachsen, und zwar an der Strasse, an der die prächtig geschmückten Tiere Herbst für Herbst hindurchziehen. «Die Glocken hörten wir jeweils von Weitem», erzählt sie. An der Strasse zu stehen, habe ihr bereits als kleines Mädchen Hühnerhaut beschert. «Es war ein Moment, der mich jedes Mal überwältigt hat.» Mit dem Filmprojekt hat sie mehr über den Alpabzug und das Hirtenleben erfahren. Ihrem Publikum will sie die «kleine und zugleich grosse Welt rund um den Tag des Alpabzuges näherbringen». Der Brauch sei eine Gegenbewegung zur technisierten Zeit.

Zusammen zäunen

Die im Film porträtierte Familie Mäder ist die Kernfamilie des Alpabzugs. In Rückblenden gibt Ernst einen Einblick in ihr Leben auf der Alp. «Es war ein Riesenglück für mich, dass die Familie offen und ‹filmogen› war.» Mit der Kamera begleitet hat Ernst die Familie während der Sommerferien, als die drei Kinder rund um die Uhr auf der Alp waren. Mäders sömmern Rinder, Ziegen, Schweine und Pferde, und sie produzieren Ziegenkäse. «Dass die Familie vieles gemeinsam zu fünft macht, hat mich beeindruckt», erzählt Ernst. Man gehe zusammen zäunen, beim Melken und Tiere-Putzen seien meist alle mit dabei, und abends sitze man gemeinsam auf dem Fyrabebänkli vor der Hütte.

Im Sommer war Miriam Ernst meistens alleine bei Mäders zu Besuch auf der Alp. Beim Alpabzug im Herbst 2011 hingegen waren fünf Kameramänner und je ein Regie- und Tonassistent vor Ort. «Diesen Tag filmisch zu erfassen, ist mit einem extrem grossen logistischen Aufwand verbunden.» Alles gehe so schnell, da müssen die Kameras am richtigen Ort platziert sein. Auch eine Tontechnikerin begleitete den Abzug, sodass die Klänge der verschiedenen Treicheln und Glocken in guter Qualität aufgenommen werden konnten.

Tag und Nacht gearbeitet

Nach dem Alpabzug begann für Ernst die grosse Arbeit. Mit einem Cutter aus Deutschland hat sie den Film geschnitten, Regula Gerber–die Schwester des Berner Komponisten Mich Gerber–lieferte die Musik zum Film. Ernst selber hat ihr Lehrer-Pensum auf 50 Prozent zurückgeschraubt. «In den Sommerferien arbeitete ich teilweise Tag und Nacht.» Von der Idee bis zur fertigen DVD vergingen insgesamt zwei Jahre. Gekostet hat der Dokumentarfilm 20 000 Franken. An der Finanzierung beteiligten sich Swisslos, die Gemeinden Schwarzenburg, Rüschegg und Guggisberg und Gönner.

Obwohl Miriam Ernst so viel Zeit in den Film gesteckt hat, sind ihr die Alpabzüge noch nicht verleidet. Am letzten Samstag zogen die schön geschmückten Kühe und Ziegen erneut von der Alp Bire nach Albligen. Ernst, die heute in Bern lebt, kam extra nach Schwarzenburg, um das Spektakel mit anzusehen. Und noch immer kriegt sie Hühnerhaut, wenn sie die Glocken hört.

Filmpremiere:Sa., 6. Okt. (20 Uhr und 21.30 Uhr) und So., 7. Okt., 17 Uhr. Gasthof Bahnhof, Schwarzenburg. Eintritt frei. Die DVD ist ab Montag für 25 Fr. in der Schmiedgasse-Buchhandlung und im Gnomengarten Schwarzenburg erhältlich.

Zur Person

Zwei Filme über einen alten Brauch

«Vom Bärg i ds Tal» ist Miriam Ernsts zweiter Dokumentarfilm über einen Schwarzenburger Brauch. 2008 hat sie mit «Dr Esu isch erloubt!» einen Film über die Hintergründe des Schwarzenburger Altjahresel-Brauchs am Silvesterabend realisiert, bei dem ausschliesslich Männer mitmachen. Ernst ist ausgebildete Primarlehrerin und hat einen Bachelor-Abschluss in Theater- und Filmwissenschaften. Aufgewachsen ist die 31-Jährige in Schwarzenburg, heute lebt sie in Bern.hs