Kirche der Visitation 09.09.2013

Als die Nonnen Steine schleppten

In der Kirche der Visitation verband Jean-François Reyff verschiedene Einflüsse: Renaissance im Grundriss, Gotik im Gewölbe und Barock bei der Fassade. Laut Aloys Lauper (Bildmitte) vom Amt für Kulturgüter hatte der Architekt dafür auch persönliche Gründe.
So unauffällig sie von aussen wirkt, so ungewöhnlich ist die Kirche der Visitation in Freiburg bei näherem Hinsehen: Nicht nur Ausstattung und Baustil machen sie zu etwas Besonderem, sondern auch die Mithilfe der Ordensfrauen beim Bau. Ein Augenschein im Rahmen der Denkmaltage.

Rund 860 Veranstaltungen fanden am Wochenende in der Schweiz im Rahmen der Europäischen Tage des Denkmals statt. Oft öffnen sich dabei die Türen zu Orten, zu denen das breite Publikum sonst keinen Zugang hat. Oder aber es handelt sich um vermeintlich Bekanntes, an dem viele sonst achtlos vorübergehen.

Letzteres galt in Freiburg für die Kirche der Visitation an der Murtengasse, einen der Höhepunkte im Programm des kantonalen Amts für Kulturgüter. Zwar ist die Kirche zentral gelegen und ihre Türen stehen allen offen, sei es für Besichtigungen, sei es für die Gottesdienste und Gebete der 18 Visitandinnen, die heute noch im Kloster leben. Doch nicht wenige der Besucherinnen und Besucher, die im Rahmen der Denkmaltage an den Führungen teilnahmen, gestanden, dass sie die Kirche zum ersten Mal betreten hatten.

Licht und Bewegung

Die Denkmaltage standen in der ganzen Schweiz unter dem Motto «Feuer, Licht und Energie». Warum die Kirche der Visitation dazu passt, wird schon beim Betreten klar: Tageslicht fällt durch die Fenster in dem hohen, zentralen Gewölbe ein und ebenso durch die Fenster neben dem Eingangsportal und jene im seitlich gelegenen Chor der Ordensfrauen. «Dieser Umgang mit dem Tageslicht erweckt den Eindruck einer stetigen Bewegung», sagte Aloys Lauper, stellvertretender Leiter des Amts für Kulturgüter. Dieser Umgang mit dem Licht sei typisch für die Erbauungszeit der Kirche von 1653 bis 1656. «Die Architekten wollten damit die Bewegung der Erdkugel symbolisieren.»

In vielerlei Hinsicht aber ist die Kirche der Visitation alles andere als typisch. Das hatte viel mit dem Architekten Jean-François Reyff zu tun, als dessen Hauptwerk sie gilt. Dass er sich für diese Kirche so ins Zeug gelegt habe, habe auch persönliche Gründe gehabt, so Lauper: Reyffs Stieftochter Catherine Elisabeth Ratzé habe dem Orden beitreten wollen, die Familie habe jedoch nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügt. Durch seinen Einsatz für den Kirchenbau habe Reyff der Stieftochter den Eintritt ins Kloster doch noch ermöglicht.

Die Nonnen bauten mit

Besonders auffällig ist die für eine Visitandinnenkirche ungewöhnlich reiche Ausstattung, die nicht den Vorstellungen des Ordensgründers Franz von Sales entsprach. Auch der Grundriss in der Form eines griechischen Kreuzes entsprach nicht der Norm. Zentralbauten bei Visitandinnenkirchen kenne man sonst vor allem aus Italien, sagte Aloys Lauper, doch seien diese alle jünger als jene in Freiburg.

Bemerkenswert ist auch, dass die Nonnen, die 1635 im Zuge des Dreissigjährigen Krieges aus Besançon nach Freiburg geflohen waren und 1651 das Kloster gegründet hatten, beim Bau ihrer Kirche mithalfen: Sie traten im Rad, um die Sandsteine von der Saane heraufzuziehen, schleppten die Steine zur Baustelle oder arbeiteten am Gewölbe. Mit den Rippengewölben und ihrem Dekor seien zwei Ordensfrauen und ein Arbeiter sieben Monate beschäftigt gewesen, so Lauper.

Diese Tradition führten die Nonnen im 20. Jahrhundert weiter: Auch bei der Restauration der Kirche in den 1970er-Jahren legten sie Hand an und erneuerten unter anderem unter fachkundiger Anleitung die Deckenmalerei im seitlichen Chor. 

Im Chor der Ordensfrauen: Das durchbohrte Herz Jesu, eines von vielen Motiven des Deckengemäldes, ist das Ordenswappen. 

Bilanz: 1000 Personen bei fünf Anlässen im Kanton Freiburg

D ie fünf Veranstaltungen, die im Kanton Freiburg im Rahmen der Denkmaltage stattgefunden haben, haben insgesamt etwas mehr als 1000 Besucher angelockt. Anne-Catherine Page vom kantonalen Amt für Kulturgüter zeigte sich damit am Sonntagabend zufrieden. Besonders erfreulich sei der Publikumsaufmarsch bei den drei Anlässen mit anspruchsvollen Führungen: Je rund 300 Personen besuchten die Kirche der Visitation in Freiburg und die Ziegelei in Ferpicloz und gut 200 das Vitromusée in Romont. «Zu den insgesamt 23 Führungen kamen im Durchschnitt je 36 Leute», so Page. «Das ist eine gute Bilanz.» 140 Interessierte kamen zudem zum Spezialanlass des Römermuseums Vallon und 40 zum Ofenhaus in Kerzers. Die Sagennacht auf dem Fofenhubel bei Rechthalten wurde wegen des schlechten Wetters abgesagt. cs