Tibeter Sonam Dhakpa 12.04.2013

«Dann schiessen sie, ohne zu fragen»

Weil der Tibeter Sonam Dhakpa gegen das chinesische Regime demonstrierte, musste er aus seinem Heimatland fliehen. Bild Aldo Ellena
Am Wochenende kommt der 14. Dalai Lama ins Forum Freiburg. Einer, der sich besonders auf diesen Besuch freut, ist der Tibeter Sonam Dhakpa, der vor fünf Jahren aus seinem Heimatland fliehen musste und seit 2011 in Freiburg lebt. Mit den FN hat er über seine Flucht, seine Zeit in der Schweiz und die Bedeutung des Dalai Lama gesprochen.

«Manchmal ist es schon ziemlich langweilig», sagt Sonam Dhakpa. Er sagt dies nicht klagend oder vorwurfsvoll, sondern als reine Feststellung. Seit August 2011 ist der 34-jährige Tibeter in der Schweiz, seit seiner Einreise wartet er auf das zweite Interview mit dem Bundesamt für Migration (BFM), nach dem entschieden wird, ob er als Flüchtling anerkannt wird und in der Schweiz bleiben darf.

Regimekritik ist riskant

Der Grund für seine Flucht ist–wie bei vielen Tibetern–die Auflehnung gegen das chinesische Regime. Am 14. März 2008 demonstrierte er in Lhasa für die Rückkehr des 14. Dalai Lama und die Freiheit der Tibeter. Der Aufstand endete blutig, Familie und Freunde rieten ihm dringend zur Flucht. «Es ist immer wieder vorgekommen, dass Leute einfach verschwanden und niemand wusste, wo sie sind», sagt Sonam Dhakpa. Der Gefahr, dass ihn ein ähnliches Schicksal erwarte, sei er sich vor der Demonstration bewusst gewesen, «aber irgendwie müssen wir doch auf unser Schicksal aufmerksam machen», sagt er.

«Ein gutes Land für Tibeter»

Mit einem Truckfahrer gelangte er ins Grenzgebiet, bevor er Menschenschmuggler engagierte, die ihn nach Nepal brachten. «Wir hatten Glück», sagt er im Nachhinein, «denn wenn die Grenzwächter dich entdecken, dann schiessen sie, ohne zu fragen.»

In Kathmandu lernte er seine Frau–auch sie eine Tibeterin–kennen. Einen Ort, um wirklich sesshaft zu werden, fand er jedoch auch dort nicht. Das Leben in Nepal sei schwierig, so Sonam Dhakpa, denn einen Flüchtlingsstatus wie in der Schweiz gebe es dort nicht. So schwebe man ständig in latenter Gefahr, an die tibetische Regierung verraten zu werden.

«Ich hatte gehört, die Schweiz sei ein gutes Land für Tibeter, ein freies Land», sagt er zum Entscheid, in die Schweiz zu kommen. Gerne hätte er seine Frau und seine damals gut einjährige Tochter mitgenommen, dafür fehlte jedoch das Geld.

Warten auf die Familie

Mittlerweile sind über anderthalb Jahre vergangen, seit Sonam Dhakpa Nepal verlassen hat. In diesen Monaten hat er vor allem gewartet. Darauf, dass er eine Aufenthaltsbewilligung erhält, dass er sich eine Arbeit suchen und dass er endlich seine Familie in die Schweiz holen kann. «Ich habe seit fünf Monaten nichts mehr von ihnen gehört», sagt er in seiner ruhigen, unspektakulären Art, die doch seine Angst spüren lässt.

Sobald er Reisepapiere erhält, will er nach Nepal, um seine Frau und seine Tochter zu suchen. Im Moment ist dies aber unmöglich: «Ich bin illegal eingereist und besitze keine Papiere. Ich habe im Moment also gar keine andere Option, als hier zu bleiben», sagt er.

Untätig ist Sonam Dhakpa in dieser Zeit aber nicht gewesen. So hat er Französisch-Kurse der ORS AG, die sich um die Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen kümmert, besucht, ein sechsmonatiges Integrationspraktikum absolviert und sich mit der Schweizer Kultur vertraut gemacht. Vor allem die Freiheit schätzt der frühere Lehrer: «Die Schweizer müssen zwar gewisse Regeln befolgen, aber grundsätzlich können sie tun und sagen, was sie wollen.»

Kaum Freunde gefunden

Obwohl er das Land sehr mag, sei es für ihn manchmal schwierig, hier zu sein, denn: «Viele Freunde habe ich nicht gefunden.» Zum einen liegt das daran, dass viele Flüchtlinge, die wie Sonam Dhakpa im Asylzentrum Burg an der Murtengasse stationiert sind, nur für wenige Tage dort bleiben und sich so kaum Freundschaften entwickeln können. 

Zudem gibt es kaum tibetische Flüchtlinge in Freiburg. Und schliesslich sei es auch nicht immer einfach, mit Schweizern in Kontakt zu treten, sagt Dhakpa: «Ich denke, viele sind uns Flüchtlingen gegenüber kritisch eingestellt. Erst wenn sie uns näher kennenlernen, sehen sie, dass wir nichts Böses tun.»

Umso schöner ist es deshalb für Sonam Dhakpa, dass mit dem Dalai Lama nun ein Stück seiner Heimat nach Freiburg kommt. Um diesen Besuch hautnah miterleben zu können, hat er sich als freiwilliger Helfer gemeldet und wird an einem der vielen Essensstände arbeiten.Während junge Menschen in der Schweiz oft lieber in die Disco als in die Kirche gehen würden, sei die Religion für Tibeter immer noch bedeutend: «Der Dalai Lama ist sehr human und setzt sich unermüdlich für den Frieden ein–für uns ist er ein Gott.»

 

Freundlich gegenüber Staatschef und Putzequipe

Während vier Jahren hat der Schweizer Fotograf Manuel Bauer den Dalai Lama begleitet. Dabei hat er ihn von einer persönlichen Seite kennen- und schätzen gelernt. Im Forum Freiburg lässt er am Samstag das Publikum an seinen Erfahrungen im Tibet teilhaben.

Regula Bur

Massiver militärischer Druck, rigorose Überwachung im Alltag und die Absperrung ganzer Klöster oder Täler–dies sind die Stichworte, die Manuel Bauer auf die Frage nach der aktuellen Situation im Tibet nennt. Seit einer Reise nach Indien zu Beginn der 1990er-Jahre und dem Kontakt mit tibetischen Flüchtlingen hat ihn das Schicksal dieses Volkes nicht mehr losgelassen.

Bauer verbindet den Begriff Tibet mit einem liebenswürdigen Volk, einer spannenden Kultur und einer wunderschönen Landschaft. Jedoch fügt er an: «Für mich war es in erster Linie das politische Schicksal dieser Menschen und ihr unglaubliches Leid, die mich darin bestärkt haben, am Thema zu bleiben und es immer wieder in die Medien zu bringen.»

Bilder für die Nachwelt

Eines seiner grössten Projekte startete er im Jahr 2001. Für die Nachwelt im Allgemeinen und für Tibet im Speziellen sei es wichtig, über ganzheitliches Bildmaterial des Dalai Lama zu verfügen, betont Bauer. Es gebe Millionen von Bildern des Dalai Lama, diese zeigten ihn aber oft nur als öffentliche Person. «Ich wollte eine andere Seite entdecken», begründet Bauer sein Vorhaben. Während vier Jahren begleitete er das geistige Oberhaupt der Tibeter und erhielt–um die Sicherheitskräfte problemlos passieren zu können–sogar den Titel des offiziellen Fotografen. Das Ergebnis dieser Arbeit ist im 2005 erschienenen Buch «Dalai Lama–Unterwegs für den Frieden» publiziert.

Fünf Stunden Meditation

«Mir war von Beginn weg klar: Wenn ich das mache, geht meine Projektion, mein idealisiertes Bild des Dalai Lama kaputt», beschreibt Manuel Bauer seine Bedenken zu Beginn des Projekts. Dem sei jedoch nicht so gewesen, im Gegenteil: «Je besser ich ihn kennenlernte, desto mehr wuchs meine Achtung vor dem Dalai Lama», sagt Bauer. So sei das geistliche Oberhaupt des Tibets stets authentisch geblieben und habe das Mitgefühl, die Basis seiner Philosophie, nie vernachlässigt, weder gegenüber einem Staatschef noch einem Mitglied der Putzequipe.

Aus der Sicht vieler Tibeter ist das grosse Mitgefühl und die Liebenswürdigkeit des Dalai Lama eine logische Folge der Reinkarnation. Bauer sieht die Verinnerlichung dieser Grundsätze jedoch vielmehr als Ergebnis harter Arbeit. Frühes Aufstehen und täglich mindestens fünf Stunden Meditation, das brauche enorme Disziplin, weiss Bauer, sieht jedoch auch das Resultat: «Dank der analytischen Meditation ist der Dalai Lama fähig, binnen Sekunden Lösungen zu finden–oder aber zu erkennen, dass es keine gibt.»

Für ihn sei der Dalai Lama eine der eindrücklichsten Persönlichkeiten der heutigen Zeit, sagt Bauer. Umso mehr bedauert er es deshalb, dass gerade in der Schweiz, die so viele Tibeter aufgenommen hat, der Dalai Lama nicht offiziell vom Bundesrat empfangen wird: «Das ist höchst peinlich! Immerhin hat die Nationalratspräsidentin Maya Graf den Mut dazu.»

Je besser ich ihn kennenlernte, desto mehr wuchs meine Achtung vor dem Dalai Lama.

Manuel Bauer

Fotograf

Der Zürcher Fotograf Manuel Bauer zeigt am Samstag im Forum Freiburg Bilder seiner Erlebnisse im Tibet. Bild zvg 

Zahlen und Fakten

Tibetische Flüchtlinge in der Schweiz

Tibeter in der Schweiz gibt es in grösseren Gruppen bereits seit den 1960er-Jahren, als das Schweizerische Rote Kreuz half, etwa 300 Tibeter in der Schweiz anzusiedeln. In den letzten Jahren kommen wieder vermehrt tibetische Flüchtlinge in die Schweiz: Waren es im Jahr 2010 noch 296 Tibeter, reisten 2011 bereits 631 ein. Rund 5000 Tibeter leben heute in der Schweiz, vor allem in Zürich und in Genf. Die Tibeter verlassen ihre Heimat, weil 1951 die chinesische Volksarmee Maos in Tibet einmarschiert ist und die tibetische Bevölkerung unterwarf. Als ein Volksaufstand der Tibeter blutig niedergeschlagenen wurde, flüchtete der 14. Dalai Lama 1959 ins indische Exil. Seit einigen Jahren nehmen die Konflikte in Tibet wieder zu; fast wöchentlich verbrennt sich ein Mönch aus Protest. Dies hat zur erneuten Flüchtlingswelle geführt.njb

Zum Vortrag

Flucht über das Himalajagebirge

Am Samstag hält der Zürcher Fotograf Manuel Bauer (*1966) im Forum in Freiburg einen Vortrag. Dieser umfasst einen kurzen Einblick in die neuere Geschichte des Tibet sowie Videoaufnahmen des Dalai Lama, in denen dieser seine Flucht nach Indien schildert. Zudem zeigt Bauer Bilder eines tibetischen Vaters und dessen sechsjähriger Tochter, die er 1995 auf ihrem Weg vom tibetischen Lhasa ins indische Dharamsala begleitete.rb