«Pflanzengeschichte(n)» 21.06.2014

Schwestern der neuen Murtenlinde

Die sechste Klasse mit Lehrerin Yvonne Jungo aus Bösingen bei der Murtenlinde am «Weg der Schweiz».
Es gibt in der Schweiz wohl kaum einen Baum, der eine so reiche Geschichte hat wie die Murtenlinde in Freiburg. Sie und das Schicksal ihrer Schwestern waren Thema bei den «Pflanzengeschichte(n)» der botanischen Gärten der Schweiz.

Obwohl Schwestern, hatten die altehrwürdige, 500-jährige Murtenlinde beim Aufstieg zur Alpenstrasse und die neue Murtenlinde auf dem benachbarten Rathausplatz in Freiburg nur eine kurze gemeinsame Geschichte. Die neue Murtenlinde, ein Klon oder eben eine Schwester der alten Murtenlinde, ist am 15. April 1984 gepflanzt worden. Am 17. September 1985 hat ein unvorsichtiger Lastwagenchauffeur ihrer «Mutter», oder vielmehr Schwester, den Todesstoss versetzt. Im Rahmen der Botanica, der Woche der botanischen Gärten, berichtete Peter Enz, früherer Leiter des Botanischen Gartens Freiburg, über das Schicksal der Murtenlinde und ihrer Schwestern.

Für Nachkommen sorgen

Ende des 20. Jahrhunderts war der Tod der historischen Linde, die der Legende nach an die Schlacht von Murten im Jahr 1476 erinnern sollte, tatsächlich aber schon einige Jahre vorher (wohl 1470) gepflanzt worden war, vorauszusehen. Am 29. August 1969 machte die Schweizerische Dendrologische Gesellschaft, die auf einer Baumexkursion Freiburg besuchte, in einem Brief den Gemeinderat der Stadt auf den nahenden Tod des historischen Baumes aufmerksam. Sie regte an, den Versuch zu unternehmen, auf vegetativem Weg Nachkommen der Linde aufzuziehen. Sie wies darauf hin, dass es wünschenswert wäre, wenn die Nachkommen das gleiche Erbgut hätten wie der historische Baum. Botanisch ist die historische Murtenlinde eine Kreuzung zwischen Sommer- und Winterlinde.

 Der Zufall wollte es, dass zum gleichen Zeitpunkt am Institut für Botanik der Universität Freiburg der Redemptoristenpater Alois Schmid für seine Doktorarbeit zum Thema der Steckholzbewurzelung bei einheimischen Laubholzarten forschte. Am 8. März 1974 schnitt er unter sachkundiger Hilfe von Stadtgärtner Thierry Wieland und Jakob Gauch, Obergärtner des Botanischen Gartens und Mitunterzeichner des Briefes an den Gemeinderat, Zweige vom sterbenden Baum. Die Steckhölzer stellte er in eine Lösung mit Wuchsstoffen. Die Stecklinge trieben tatsächlich Wurzeln. Das Experiment verlief so erfolgreich, dass nicht nur eine Schwester der Murtenlinde zu einem Baum heranwuchs, sondern wohl gegen zwei Dutzend. Die genaue Anzahl hat Schmid mit sich ins Grab genommen.

 Schon ein mächtiger Baum

Das schönste und kräftigste Exemplar wurde als zehnjähriger, rund fünf Meter hoher Baum in der Nähe seiner Schwester/Mutter auf dem Rathausplatz gepflanzt. In der Zwischenzeit hat die neue Murtenlinde einen Stammdurchmesser von rund 60 cm und eine Höhe von über 20 Metern erreicht. Kannte man die historische Murtenlinde eher als Baum mit einer kugelförmigen Krone, wächst die neue spindelförmig. Offensichtlich zeichnete sich die alte Murtenlinde ursprünglich auch durch einen spindelförmigen Wuchs aus. Denn Pierre de Zurich zitiert in seinem Text über die Linde 1944 die Chronik von Rudella, der festhält: «Die linden vorm Spital ob dem alten stattgraben ward gesetzt und versehen, die hernach gar schön worden, und by unsern ziten, 1560, gestummelt (also geköpft wurde, Red.), schöner dann vor usgeschossen und ernüweret.» Die Wuchsform ist bei allen Schwestern leicht erkennbar, es sei denn, sie fallen den«Baumpflegern» zum Opfer.

Teilnehmer der Botanica bei der neuen Murtenlinde auf dem Freiburger Rathausplatz. 

Klone der Linde: Erinnerungen und Geschenke

N eben der Linde auf dem Freiburger Rathausplatz sind bis heute mindestens 17 ihrer Schwestern (Klone) bekannt. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte. Sie wurden zum Teil von der Stadt Freiburg oder von Pater Alois Schmid persönlich verschenkt. In Klammer ist das Datum der Pflanzung angegeben, soweit bekannt:

• Horgen ZH: Geschenk von P. Schmid auf Anfrage eines Schülers (1984).

• Avry-sur-Matran: Wahlheimat von P. Schmid (1985).

• Böbikon AG: P. Schmid war in der Gegend als Seelsorger tätig (1985).

• Basadingen TG: Heimatort von P. Schmid (1985).

• Schloss Grandson VD: Erinnerung an den gleichnamigen Schlachtort (1986).

•Ried b. Kerzers: Wappenbaum der Gemeinde; gute Beziehungen zu P. Schmid (1986).

• Gärten von Castel Gandolfo: Erinnerung an den Besuch von Papst Johannes Paul II. in Freiburg 1984 (1986).

• Plaffeien: Geschenk der Stadt Freiburg als Erinnerung «500 Jahre Vogtei Freiburgs» (1987).

• Küsnacht ZH: Heimatgemeinde von Johann Jakob Reithard (1805 bis 1857), der das Gedicht «Die Linde zu Freiburg» geschrieben hat (1988).

• Rechthalten: Auf Bitte der Gemeinde zum Jahr des Umweltschutzes (1988).

• Bulle: Vor dem Schloss als Ersatz für die Aufstandlinde (1988).

• Murten: Rückkehr der Linde an den Ort der Schlacht (1989).

• St. Silvester: Wappenbaum; Ersatz für einen abgestorbenen Baum bei der Kirche (1990).

• Weg der Schweiz: Freiburger Wegabschnitt in Seedorf UR (1991).

• Schloss Brestenberg am Hallwilersee AG: Hans von Hallwil nahm an der Schlacht von Murten teil (1991).

• Mellingen AG: Beziehung des Gewerbevereins Murten zu jenem von Mellingen (1992).

• Stadt Freiburg (Schönberg; 1992).

An der Veranstaltung vom Montag wurde von Teilnehmern als weitere Standorte, die noch genauer überprüft werden müssten, erwähnt: Schloss Belfaux, Schloss Rie dera, Praz und Echallens. ja