Virginie Borel 20.04.2013

«Zweisprachigkeit findet überall statt»

Virginie Borel: «Die Welschfreiburger haben Angst, etwas zu verlieren, wenn sie zu viel geben.» Bild Aldo Ellena
Die Freiburger Unterstadt steht in diesen Tagen im Zeichen der Zweisprachigkeit. Das Forum für die Zweisprachigkeit Biel hat die Veranstaltungsreihe mitorganisiert. Die FN haben Geschäftsführerin Virginie Borel getroffen.

Zusammen mit dem Quartierzentrum der Unterstadt und dem Theater Kellerpoche organisiert das Forum für die Zweisprachigkeit Biel diese und nächste Woche in Freiburg mehrere Veranstaltungen zum Thema Zweisprachigkeit. Zu den Initianten gehört Virginie Borel, die Geschäftsführerin des Forums, die am kommenden Donnerstag auch einen Vortrag in Freiburg halten wird. Im Interview mit den FN sagt sie, was das Forum mit dem Anlass bezweckt, was die Bieler den Freiburgern in Sachen Zweisprachigkeit voraushaben und warum nicht nur die Politik, sondern auch die Bevölkerung gefordert ist.

 

 Virginie Borel, wie kommt es, dass das Forum für die Zweisprachigkeit Biel eine Veranstaltungsreihe in Freiburg organisiert?

Auslöser war der Kabarettist Carlos Henriquez mit seinem Stück «I bi nüt vo hie», das nächsten Freitag im Kellerpoche in Freiburg zu sehen ist. Henriquez ist der Sohn einer Deutschschweizerin und eines Spaniers und ist in Biel mit Französisch aufgewachsen. «I bi nüt vo hie» ist sein erstes Programm in deutscher Sprache, vorgetragen in seiner ganz eigenen Version des Schweizerdeutschen. Es ist sowohl für das deutsch- als auch für das französischsprachige Publikum zugänglich und entspricht exakt dem Ziel unserer Stiftung: die Verständigung zwischen den Sprachgruppen zu verbessern. Ich habe Henriquez’ Programm von Anfang an begleitet und habe die Vorstellung in Freiburg zum Anlass genommen, darum herum einige Tage rund um die Zweisprachigkeit zu organisieren.

 

 Neben dem Theater Kellerpoche ist auch das Quartierzentrum der Unterstadt beteiligt.

Ja, beide Partner waren von Anfang an begeistert von der Idee und haben motiviert mitgemacht. Das ist die wichtigste Voraussetzung für alle unsere Projekte und Initiativen. Wir zwingen niemandem etwas auf, aber wenn das Interesse da ist, ist fast alles möglich.

 

 Was ist das Ziel des Freiburger Anlasses?

Wir wollen ein möglichst breites Publikum ansprechen und zeigen, dass die Zweisprachigkeit ein Thema ist, das alle betrifft und mit dem sich alle auseinandersetzen sollten. Das geht weit über die Politik hinaus. Zweisprachigkeit findet überall statt: in Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Sport … Das Programm in Freiburg haben die lokalen Veranstalter weitgehend selber bestimmt. Es gibt politische Teile, aber auch viel Unterhaltsames wie Spiele für die ganze Familie, Filmvorführungen oder eben das Stück von Carlos Henriquez.

 

 Dabei hat gerade Freiburg nicht immer einen so entspannten Umgang mit der Zweisprachigkeit. Wie beurteilen Sie die Situation aus der Bieler Perspektive?

Auch in Biel ist die Situation nicht immer einfach, aber im Grossen und Ganzen ist sie schon besser als in Freiburg. Die Bieler Bevölkerung ist der offiziellen Zweisprachigkeit gegenüber viel offener. Biel hat diesbezüglich einen Vorsprung gegenüber Freiburg, weil sich die Bieler Behörden in den Neunzigerjahren klar für die Zweisprachigkeit ausgesprochen haben.

 Wie kam das?

Auslöser war die Untersuchung eines Zürcher Studenten über die Zweisprachigkeit in Biel im Jahr 1986. Diese zeigte, dass sich die welsche Minderheit zu wenig akzeptiert und ungerecht behandelt fühlte. Die Stadtbehörden haben dieses Ergebnis sehr ernst genommen und entschieden, alles zu tun, um die Minderheit nicht zu verlieren. So wurde 1996 das Forum für die Zweisprachigkeit gegründet (siehe Kasten, Anm. d. Red.). Seit 1998 ist die Stadt Biel offiziell zweisprachig, und seit 2004 nennt sie sich offiziell Biel/Bienne.

 

 Von den Freiburger Behördenhingegen scheint ein so entschiedenes Bekenntnis zur Zweisprachigkeit derzeit kaum zu erwarten zu sein …

Der entscheidende Unterschied zwischen Biel und Freiburg ist die Minderheitensituation: In Biel ist die französische Minderheit auch auf kantonaler und nationaler Ebene die Minderheit. In Freiburg hingegen sind die Deutschsprachigen in der Minderheit, zählen aber gleichzeitig zur gesamtschweizerischen Mehrheit. Das macht den Welschfreiburgern Angst: Sie fürchten sich davor, etwas zu verlieren, wenn sie zu viel geben. Und sie können sich nicht vorstellen, dass sie durch die Zweisprachigkeit auch viel gewinnen könnten. Das ist die grosse Schwierigkeit: die Mehrheit davon zu überzeugen, dass es allen etwas bringt, der Minderheit mehr Rechte zu geben.

 

 Mit dem Entscheid für ein einsprachiges Logo, der viel zu reden gegeben hat, hat die Stadt Freiburg gerade wieder gezeigt, dass sie daran wenig Interesse hat.

Dieses Beispiel ist sehr aussagekräftig: Es zeigt den mangelnden Willen, die Zweisprachigkeit wirklich voranzubringen. Es scheint, als wäre die Zweisprachigkeit für die Freiburger Stadtoberen kein Thema. So lange das so ist, bleibt Freiburg eine frankofone Stadt. Einen Esel, der nicht durstig ist, kann man nicht zum Trinken bringen, sagt ein französisches Sprichwort.

 

 Sie haben aber auch gesagt, dass bei dem Thema nicht nur die Politik gefordert ist.

Die Zweisprachigkeit basiert primär auf den Menschen, nicht auf der Politik. Sie ist eine Frage des Willens, genauso, wie die Schweiz eine Willensnation ist. Zweisprachigkeit ist eine Wahl.

 

 Was kann die Bevölkerung denn konkret tun?

Wenn sie die Zweisprachigkeit will, kann und muss sie das von der Politik fordern. Sie kann sich aber auch im Kleinen zur Zweisprachigkeit bekennen. Der Betreiber eines Restaurants zum Beispiel kann seine Speisekarten zweisprachig drucken–im Gegensatz zu Freiburg ist das in Biel der Normalfall.

 

 Eine Herausforderung ist die Sprachensituation auch für die zweisprachigen Kantone.

Die Zweisprachigkeit bringt einen Mehraufwand mit sich, aber die Kantone, darunter Freiburg und Bern, sind bereit, diesen zu leisten. Die Kantone an der Sprachgrenze haben verstanden, wie wichtig das nachbarschaftliche Verhältnis ist. Das Problem sind eher die anderen Kantone, jene Kantone in der deutschen und in der französischen Schweiz, die zum Beispiel Englisch als erste Fremdsprache in der Schule bevorzugen. Solche Entscheide sind keine Lösung! Wenn wir kein Interesse am nationalen Zusammenhalt haben, dann wird auch die Zweisprachigkeit wertlos.

Was kann das Forum für die Zweisprachigkeit zu diesem Zusammenhalt beitragen?

Der Fremdsprachenunterricht in der Schule ist ein gutes Beispiel: Dieses Thema ist uns sehr wichtig. Wir sensibilisieren und fördern zum Beispiel Austauschprojekte. In der Schweiz haben wir dazu alle Möglichkeiten; wir müssen sie nur nutzen. Unsere Stiftung kann Starthilfe leisten, nicht nur in der Schule. Wir ermöglichen Kontakte, bringen die Leute zusammen und tragen dazu bei, dass sie sich besser kennenlernen. Dann verlieren sie die Angst vor den anderen, und das ist entscheidend.

 

Programm

Filme, Vorträge, Spiele und ein Kabarett

Die Zweisprachigkeitstage in der Freiburger Unterstadt laufen noch bis zum 26. April:

Sa., 20. April:Film «Ruelle des Bolzes» (Jean-Théo Aeby); anschliessend Vortrag und Diskussion mit Nationalrat Dominique de Buman, Präsident von Helvetia Latina, und Grossrat Laurent Thévoz, Mitglied des Forums Partnersprachen Freiburg. Ab 17.30 Uhr.

Mo., 22. April:Kurzfilme zum Thema; anschliessend Diskussion unter der Leitung des Forums Partnersprachen Freiburg. Ab 20 Uhr.

Mi., 24. April:Zweisprachiges Riesen-Memory für Gross und Klein. 14 bis 17 Uhr.

Do., 25. April:Vortrag von Virginie Borel zum Thema «Leben Sie die Zweisprachigkeit–Das sprachliche Zusammenleben in Biel/ Bienne». 13 Uhr.

Fr., 26. April:Kabarett «I bi nüt vo hie» mit Carlos Henriquez. 20.15 Uhr.cs

Stiftung: Seit 17 Jahren gibt es das Forum für die Zweisprachigkeit

D ie Stiftung Forum für die Zweisprachigkeit in Biel wurde 1996 auf Initiative der Stadt Biel gegründet. Ihr Ziel ist die Förderung der Zwei- und Mehrsprachigkeit durch wissenschaftliche Forschung und die Pflege des Zusammenlebens von mehreren Sprachgemeinschaften. Finanziert wird die Stiftung ausser von der Stadt Biel vom Bundesamt für Kultur und vom Kanton Bern. Sitz ist seit 2007 das «Haus der Zweisprachigkeit» in Biel, in dem auch der «Rat für französischsprachige Angelegenheiten des zweisprachigen Amtsbezirks Biel» untergebracht ist. Die Stiftung beschäftigt drei festangestellte Mitarbeiterinnen, die sich 160 Stellenprozente teilen.

Seit 2012 ist das Forum per Leistungsvereinbarung mit dem Bund beauftragt, Mittel für eine bessere Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften zu suchen, ausdrücklich auch ausserhalb der Politik. So organisiert es Sprachtandems, arbeitet mit Schulen, unterstützt Forschungsprojekte und berät Unternehmen. In Biel zertifiziert das Forum Firmen und Institutionen mit einem «Label für die Zweisprachigkeit». In Zusammenarbeit mit dem Freiburger Verein Forum Part nersprachen soll dieses Label demnächst auch in Freiburg eingeführt werden. cs