Durchschnittsbürger 27.06.2015

Nationalräte auslosen statt wählen

Künftig soll das Los Nationalräte auswählen.Bild Alain Wicht/a
Der Freiburger Charly Pache will das Schweizer Wahlsystem umkrempeln: Die Bevölkerung soll nicht länger an der Urne ihre Nationalräte wählen, sondern das Los soll bestimmen. So werde der Durchschnittsbürger besser vertreten.

Mit Plakaten und auf Podien und Partys werben die politischen Parteien im Moment für ihre Nationalratskandidaten. Sie schmieden Allianzen–oft eher nach rechnerischem Vorteil, denn nach inhaltlichen Gemeinsamkeiten. Alle vier Jahre wiederholt sich das Spiel, und stets gilt: Nach der Wahl ist vor der Wahl.

 Der Freiburger Charly Pache, ehemaliger Ständeratskandidat der Piratenpartei bei der Wahl für die Nachfolge von Alain Berset im Jahr 2012, hat genug von dieser Art Wahlen. Sie sind seiner Meinung nach eine «Illusion». «Die Leute haben das Gefühl, dass sie wählen können. Doch in Wahrheit bestimmen die Parteien.» Auch Geld und der Einfluss der Wirtschaft und der Industrie spielten eine immer grössere Rolle. «In Amerika und in der EU ist es bereits schlimm, ich befürchte, dass es in der Schweiz auch so werden wird.» Und für ihn das grösste Übel: Das heutige System führe dazu, dass die Bevölkerung im Parlament nicht repräsentiert ist. «Der Durchschnittsnationalrat ist ein Mann, über 50 Jahre alt, hat Recht oder Wirtschaft studiert, ist Offizier in der Armee und Wohneigentümer.»

 Das Los soll entscheiden

Pache will deshalb eine Volksinitiative lancieren, die vorschlägt, dass das Los über die Nationalräte entscheidet. Jede stimmberechtigte Bürgerin und jeder stimmberechtigte Bürger kann so per Zufallsprinzip ausgewählt werden–das Amt aber immer noch ablehnen. Wer zustimmt, muss während eines Jahres vor Amtsantritt Teilzeit eine politische Ausbildung absolvieren. Anschliessend sitzen die Ausgewählten vier Jahre lang in der grossen Kammer. Jedes Jahr werden 50 Sitze erneuert. Den Nationalrätinnen und -räten soll es während ihres Amtes möglich sein, weiterhin 50 Prozent zu arbeiten.

«Wahre Volkskammer»

«Ich denke, dass viele das Amt antreten würden», sagt Pache. Denn heute hätten viele keine Lust, zu kämpfen. «Sie wären zwar fähig und bereit, etwas zu leisten, aber auf die Machtspiele haben sie keine Lust.» Er geht davon aus, dass jede und jeder von einem Nationalratsamt profitieren würde, egal welchen Beruf er oder sie ausübt. Und der Schweiz käme die «wahre Volkskammer» zugute. «Jeder entscheidet nach seinen persönlichen Interessen und Erfahrungen, das ist normal. Wenn es nun aber auch Elektriker, Maurer und Krankenschwestern im Nationalrat gibt, ist die Bevölkerung deutlich besser repräsentiert, als sie es heute ist.»

Aber will die Schweiz denn wirklich jeden und jede im Nationalrat? Will sie nicht die Besten haben? «Im Moment sind auch nicht unbedingt die Besten im Amt», ist Pache überzeugt. Sondern jene, die aus der richtigen Familie stammten, das richtige Netzwerk hätten oder der richtigen Partei angehörten. Denn kleinere Parteien hätten meist keine Chance–auch hier redet Charly Pache als ehemaliger Vertreter der Piratenpartei aus Erfahrung.

Im April einreichen

Heute Abend stellt der 40-Jährige seine Initiative am Bollwerk-Festival im Nouveau Monde in Freiburg vor. Bis nächstes Jahr geben er und zehn weitere Verfechter sich Zeit, den Initiativtext auszuarbeiten, den sie im April einreichen wollen. Dann folgt die Unterschriftensammlung; innert 18 Monaten müssen 100 000 Unterschriften zusammenkommen. «Das wird uns gelingen.»

Diskussionzwischen dem Künstler Christophe Meierhans und Charly Pache am Festival Belluard Bollwerk International: Sa., 27. Juni, 19.30 Uhr, Nouveau Monde. www.belluard.ch